Marktheidenfeld: »Sport und Bewegung trotz(t) Demenz«

Besuch bei dem Kurs

Marktheidenfeld
3 Min.

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Koordinieren, mobilisieren und zusammen sein: Jeden Dienstag findet in Marktheidenfeld das Angebot »Sport und Bewegung trotz(t) Demenz« statt. Foto: Lucia Lenzen
Foto: Lucia Lenzen

Sieben Stühle, sieben Schuhschachteln mit Igelball, Sandsäckchen, Liederzetteln und ein CD-Spieler: Wer um kurz vor 10 Uhr dienstags im Park des Haus Lehmgruben in Marktheidenfeld an dem so bestückten Stuhlkreis vorbeikommt, merkt: Hier gibt es gleich jede Menge Aktion. Kurz darauf trudeln die ersten Teilnehmer ein, suchen sich ihren Platz, tauschen sich aus. Dann geht es los.

»Sport und Bewegung trotz(t) Demenz« heißt der Kurs, zu dem die fünf Teilnehmer aus Marktheidenfeld und der Region gekommen sind. Seit 2019 besteht dieses Angebot der Beratungs- und Kontaktstelle »RuDiMachts!«. Ein Angebot, dass es in dieser Form sonst im Landkreis Main-Spessart noch nicht gibt.

Namensrunde mit Ball

Konzipiert wurde das Bewegungskonzept von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Im März 2020 wollte man in Marktheidenfeld Einjähriges Feiern - doch dann kam Corona. Seit Juni 2021 sind Treffen wieder möglich. Bei schönem Wetter auch draußen. »Das Angebot ist gedacht für Menschen mit beginnender Demenz«, erläutern Beate Höflich und Friederike Döring von der RuDiMachts!-Beratungsstelle. Sprich, die Menschen sollten möglichst noch ohne Rollstuhl und Rollator gehen können und Handlungsanweisungen verstehen und nachmachen.

Gemeinsam mit einer ehrenamtlichen Alltagshelferin leitet Höflich den Kurs. Heute ist das Marga Stegerwald. An diesem Morgen auch »müde Marga« genannt: In einem Aufwärmspiel werfen sich die Teilnehmer einen Ball zu und nennen gleichzeitig den Namen der Person, die den Ball fangen soll - in der nächsten Variante des Spiels gibt sich jeder noch ein Adjektiv dazu, das mit dem gleichen Buchstaben beginnt wie der Vorname. So trainiert die Namensrunde mit Ball nicht nur die Koordination, sondern auch die Merkfähigkeit.

Und Spaß haben die Teilnehmer bei den eilig ausgedachten Beschreibungen auch. »Die Kombination aus Bewegung und Denken ist einfach super gut, um das Risiko einer Demenz zu minimieren oder den Verlauf zu verlangsamen«, erklärt Höflich. Dazu kommen die psychosozialen Aspekte des Kurses: Das Gemeinschaftserlebnis in der Gruppe stärkt das Gefühl von »Ich-kann-noch-etwas« und »Ich-gehöre-zur-Gesellschaft«. Was das mit den Menschen macht, merkt Höflich oft nach der Stunde: Die Leute sind wach, gut gelaunt, entspannt. Und auch motorisch macht sich die Routine bemerkbar: Zum Beispiel, wenn die Überkreuzübung in der dritten Stunde plötzlich klappt. Auch beim Neurologen-Besuch seien Verbesserungen wahrgenommen worden, habe eine Teilnehmerin erzählt. Denn: Das körperliche Training tut dem Körper auf jeden Fall gut. Ein Muskel kennt schließlich keine Demenz.

Doch noch ist die Stunde in vollem Gange: Nach der Aufwärmrunde im Sitzen wird es dynamischer. Zu Schlagern wie »Griechischer Wein« oder »Marmor, Stein und Eisen bricht« werden Schultern gekreist, die Füße marschieren, die Hüften kreisen.

Angehörige macht mit

»Das rappelt richtig im Muskel«, bemerkt eine Teilnehmerin. Bei anderen wecken die Schlager Erinnerungen und sie beginnen mitzusingen oder zu tanzen. Zwischendurch erregt ein Eichhörnchen die Aufmerksamkeit, das den Park kreuzt. Dazwischen wird geflachst und gelacht. »Vorsicht Baum«, weist Marga Stegerwald den einzigen Mann in der Gruppe scherzhaft beim Armkreisen auf das Hindernis hinter ihm hin.

Seit Juni ist dieser dienstags dabei. Er wird von seiner Frau begleitet. Sie macht alle Übungen mit und assistiert gleichzeitig ihrem Mann, die Bewegungsanleitungen umzusetzen. Sie hätten lange gesucht, um ein derartiges Angebot zu finden, erzählt sie. Für die Berichterstattung möchte das Ehepaar lieber anonym bleiben. Dabei habe sie kaum Hilfe bei der Suche erfahren. »Alle setzen mittlerweile voraus, dass man Internet hat und die Dinge hier findet«, erläutert die Angehörige.

Durch Zufall haben sie dann von dem Angebot von RuDiMachts! in Marktheidenfeld erfahren. Dass sie nicht um die Ecke wohnen und einen weiteren Weg haben, nimmt sie dafür gerne in Kauf, denn ihrem Mann macht der Besuch der Gruppe Spaß. Sie ist die einzige Angehörige, die die Sportstunde mitmacht. Viele Angehörige nutzten auch die freie Zeit, um selbst Sport zu machen oder mal alleine in die Stadt zu gehen, erzählt Höflich. »Wichtig ist, dass die Angehörigen solche Aktivitäten mit fördern«, erläutert Höflich. Denn viele Begegnungsangebote sind für Menschen mit Demenz nicht geeignet. Und so führt die Krankheit nicht selten in die soziale Isolation.

Ein Einstieg in die Gruppe sei jederzeit möglich. Die Kosten würden von der Pflegekasse übernommen. Für manche sei es trotzdem eine Hürde, den Schritt zu machen und das Bewegungs-Angebot auszuprobieren. Das Thema »Demenz« sei halt ein Schreckgespenst. »Aber Demenz ist eine Krankheit, für die braucht sich niemand zu schämen«, so Höflich.

Hintergrund: Ansprechpartner und Angebote zum Thema »Demenz«

Wer bei dem Angebot »Sport und Bewegung« mitmachen möchte, meldet sich bei der Beratungs- und Kontaktstelle für Menschen mit Demenz, Angehörige und Senioren »RuDiMachts!«, Ansprechpartner sind Friederike Döring und Beate Höflich, Lehmgrubener Straße 18, 97828 Marktheidenfeld. Telefon: 09391 9864-113 bzw. 0. E-Mail: doering.friederike@rummelsberger.net oder hoeflich.beate@rummelsberger.net.

Weiterhin bietet die Beratungsstelle noch folgende Gruppenangebote:

Ambulante Sturzpräventionsgruppe, voraussichtlich ab August jeden Montag; Aktivrunde für Körper und Geist jeden Mittwoch von 10 bis 13 Uhr; Gedächtnistraining jeden Donnerstag von 9.30 bis 10.30 und 11 bis 12 Uhr; Gesellige Runde jeden Freitag von 9 bis 12 Uhr; Demenztreff »After Work« jeden dritten Montag im Monat um 18 Uhr.

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