Carsten-Busch-Buch: Heimatdichter Nikolaus Fey war aktiver Nazi-Propagandist

Vortrag im März in Lohr

Lohr a.Main
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Nikolaus Fey. Foto: Main-Echo-Archiv
Foto: Main-Echo-Archiv, 1950/MM/TT
Ein im De­zem­ber 2021 er­schie­ne­nes Buch von Cars­ten Busch mit dem Ti­tel »Ni­ko­laus Fey - Nur ein Kämp­fer für Fran­ken?« könn­te vom Zeit­punkt und The­ma her kaum ak­tu­el­ler sein. In Un­ter­fran­ken ste­hen der­zeit über 20 Or­te ein­sch­ließ­lich der Stadt Lohr vor der Fra­ge:

Hat sich Nikolaus Fey aus heutiger Sicht nicht viel zu sehr für das Dritte Reich engagiert, um noch Vorbild zu sein? Kann man die Straßen- oder Schulbenennungen, die ihn als Heimatdichter ehren sollten, noch beibehalten?

Den Stein ins Rollen gebracht hatte die Würzburger Straßennamenkommission, die im Dezember 2020 genau diese Frage bei der Prüfung von verschiedenen Straßennamen unter anderem bei Fey bejaht hat. Im Kern hieß es: Fey sei Zensor für das NS-Regime gewesen und habe als überzeugter Nationalsozialist aktiv zur Aufrechterhaltung des Regimes beigetragen, auch durch Zustimmung zu einer Abordnung ins Generalgouvernement in Krakau.

Auf 150 Seiten

Was die Würzburger Kommission bei der Vielzahl belasteter Straßennamen zu jedem Einzelfall nur eher holzschnittartig begründen konnte, konnte Busch bei Fey auf 150 Seiten ausführlich tun. Schon mit seinem Buchtitel setzt er sich klar von bisher gängigen Biografien ab, die Feys Leben gerne als ein »Leben für Franken« sehen und damit die Sicht auf Fey von vornherein erheblich verkürzen. Buschs Antwort sei an dieser Stelle vorweggenommen: Feys Einsatz für fränkisches Brauchtum und Mundart bleibe verdienstvoll, aber er sei auch Funktionsträger und Sprachrohr der Nationalsozialisten gewesen und habe damit das Regime mit ermöglicht und am Laufen gehalten.

Eindeutige Zeilen gefunden

Busch schildert eingehend das Leben und Werk Feys (1881-1956). Neu ist die Information, dass Fey aus eher wohlhabendem Hause stammt. Sein Vater hatte eine Möbelfabrik in Wiesentheid. Was die für eine Gesamtbeurteilung Feys entscheidenden Jahre 1933 bis 1945 betrifft, ist der Autor ein sehr abwägender Biograf. Er nimmt sich viel Zeit für den Menschen Fey, wertet auch die Spruchkammerakte von 1948 akribisch aus. Danach half Fey Verfolgten des Regimes, hatte jüdische Bekannte, war im direkten Umgang menschlich mitfühlend, bescheiden und zurückhaltend, ein fürsorgender Familienvater. Er war religiös. Er war integer. So kannten ihn auch die Lohrer, in deren Mitte er 40 Jahre lang lebte. Belege dafür, dass der Dichter jemandem direkt persönlich schaden wollte, konnten nicht gefunden werden, stellt der Autor fest. Dies entspricht auch dem Urteil des Lohrer Fey-Ermittlers Timpernagel im Spruchkammerverfahren. Auch seine Funktion als Beauftragter der Reichskulturkammer für Unterfranken scheint er eher zurückhaltend wahrgenommen zu haben.

Andererseits findet der Autor Feys Beteuerung im Spruchkammerverfahren, er habe »null Interesse« am Nationalsozialismus gehabt, gerade in Feys vielen Reden und Zeitungsbeiträgen nicht bestätigt. Im Gegenteil: Fey lässt sich in Tonfall und Sprache bis zum Schluss ganz auf die nationalsozialistischen Machthaber ein. Dies gilt, mehr als bisher angenommen, auch für das Thema »Juden«, wie Fey sie stets stereotyp nennt. So hat der Autor eine Textstelle Feys recherchiert, in der Fey nicht ohne Stolz vermerkt, dass der »Judensturm im 14. Jahrhundert« (Anm.: der 1336 von Röttingen an der Tauber ausging) »in fränkischem Land seinen Ausgang und Anfang« genommen und Deutschland »schon einmal« (sic!) von der jüdischen Weltgeisel befreit habe.

Beilage »Florian Geyer«

Fey diente zudem Gauleiter Otto Hellmuth ab Oktober 1933 bis 1935 als Schriftleiter für eine Wochenbeilage namens »Florian Geyer«, benannt nach Feys literarischem Helden aus dem Bauernkrieg. Die Beilage war für die Landbevölkerung bestimmt und lag der »Mainfränkischen Zeitung« und dem »Fränkischen Volk« bei. Auf der Titelseite stand neben Feys Namen als Schriftleiter jede Woche in großer Schrift: »Der Bauer schafft - Der Jude rafft«. Ein Hetzartikel zum jüdischen »Viehjuden« vom Juli 1935 ist mit dem Pseudonym Florian Geyer gezeichnet. Fey sei wahrscheinlich selbst der Verfasser dieser wöchentlich von »Florian Geyer« gezeichneten »Zeitgedanken«, vermutet der Autor. Weitere Beispiele dieser Art aus anderen Veröffentlichungen könnten angeführt werden.

1941 wird Fey 60 Jahre alt und es erscheint der mundartliche Gedichtband »Heemet dei Harz« (»Heimat dein Herz«). Neben harmlosen und auch lesenswerten Gedichten finden sich dort auch kriegsverherrlichende Gedichte in der Goebbels'schen Kriegsrhetorik. Fey wendet sich mitten im Krieg an die Kleinsten der Kleinen in seiner Steigerwälder Heimat und Mundart. Es ist derselbe Fey, für den seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, den er schwer verwundet übersteht, die größte seelische Erschütterung seines Lebens waren, wie der Autor Fey zitiert.

Kapitel zu Jahren in Krakau

Wer 1941 so den Krieg verherrlicht, darf sich nicht wundern, dass er 1942 für eine Verwendung bei der sogenannten »Regierung« des Generalgouvernements in Krakau unter Hans Frank angesprochen wird und wohl auch entsprechend von der Gauleitung unter Druck gesetzt wurde, wie Fey es nach dem Krieg darstellte. Das Frank-Regime war verantwortlich für das Schlimmste, was im besetzten Polen an Gräueln verübt wurde. Der Autor widmet daher den Jahren Feys in Krakau (1942-1944) ein ganzes Kapitel.

Er macht sich jedoch letztlich nicht das Fey-Urteil der Würzburger Straßennamenkommission zu eigen, die es als eine der »schweren Verfehlungen« Feys ansieht, dass er Krakau nicht rundum abgelehnt habe, denn, so die Kommission, Fey hätte mit 61 Jahren nichts mehr riskiert, schon gar keine Einberufung. Der Autor distanziert sich vorsichtig von dieser Sicht. Er schließt aus Dienstabläufen in Krakau, dass Feys Abteilung und speziell Feys Tätigkeit als Zensor der deutschsprachigen Volkstumsliteratur in Polen hinsichtlich der Außenwirkung relativ wenig exponiert gewesen sei.

Auch ohne den Einsatz in Krakau kommt der Autor aber zu dem Ergebnis, Fey sei nicht nur Mitläufer gewesen, wie ihn die Spruchkammer 1948 verurteilt hat. Er sei ein aktiver Propagandist im Dienste der Nazis und in diesem Sinne auch »geistiger Brandstifter« gewesen. Er habe zum Bestand des Regimes beigetragen.

Carsten Busch hat ein fundiertes, gut lesbares, umfassendes und einprägsames Lebensbild Feys vorgelegt. Bisweilen formuliert er fast zu behutsam, so wie er sein Werk den »Versuch« eines Lebensbildes nennt. Der Autor wird im persönlichen Austausch viel deutlicher. Er bestätigt: Fey war ein zutiefst gespaltener Mensch - und dies nicht nur aus reiner Überlebensstrategie heraus.

Fast vergessene Schülerarbeit

Das Werk von Busch verdeutlicht, wie unverändert aktuell die weitgehend vergessene Arbeit des Schülers Philipp Steinheim vom Lohrer Franz-Ludwig-von-Erthal-Gymnasium 1992/93 zu Fey ist. Steinheim nahm damals am Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten im Fach Deutsche Geschichte teil. Er kommt zum gleichen Ergebnis wie Busch. Steinheim schreibt, dass Fey den Nationalsozialismus aktiv unterstützt habe, gerade auch weil er dies in der Sprache der einfachen Bevölkerung auf besonders überzeugende Weise habe tun können. Daher sei auch die Reduzierung auf das Prädikat »Heimatdichter« so problematisch.

Die Verantwortung, alles zu tun

Heute wird immer wieder angemahnt, man müsse die Jugend stärker in die Vergangenheitsbewältigung einbeziehen. Die Stadt Lohr hat bei der absehbaren Befassung mit der Frage um den »Nikolaus-Fey-Weg« - als vielleicht sogar einzige der betroffenen unterfränkischen Kommunen - ein frühes und fundiertes Schülervotum vorliegen. Dass wir das Leben Feys in der Zeit des Dritten Reichs nicht miterlebt haben und nicht beurteilen können, wie bisweilen einer neuerlichen Befassung mit Fey entgegengehalten wird, enthebt uns nicht der Verantwortung, alles dafür zu tun, dass sich die Jahre 1933 bis 1945 nicht wiederholen. Dazu gehört auch, die richtigen Leute zu ehren. Das ist auch die Quintessenz des Buches von Carsten Busch.

Zur Person: Carsten Busch

Carsten Busch ist seit 2018 Leiter der Grundschule in Wiesentheid, die bislang den Namen »Nikolaus Fey« getragen hat. Seitdem befasste er sich mit dem Namensgeber. Kürzlich hat er sein Ergebnis auf 150 Seiten vorgelegt. Der Titel: »Nikolaus Fey - Nur ein Kämpfer für Franken?«. Das Buch ist in einer Auflage von 150 Stück im Josef-Döll-Verlag, Dettelbach (ISBN 978-3-89754-614-1) erschienen.

Es handelt sich um die bislang erste und einzige Biografie von Feys gesamtem Leben (1881-1956) in Buchform. Am 1. Dezember 2021 wurde bei der Schulverbandssitzung in Wiesentheid eine Änderung des Schulnamens auf der Grundlage des Buchs von Carsten Busch beschlossen. Alzenau zum Beispiel hat schon im Oktober 2021 eine Umbenennung der Nikolaus-Fey-Straße auf der Grundlage des Votums der Würzburger Straßennamenkommission beschlossen.

Der Autor will am Dienstag, 15. März, 19.30 Uhr in der Alten Turnhalle in Lohr über Nikolaus Fey sprechen. ()

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