»Das größte Thema ist die Maske«

Elena Reinhard: Die Behindertenbeauftragte in Main-Spessart fordert, dass Behinderte mitentscheiden können

MAIN-SPESSART
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Der Mund-Nasen-Schutz ist ein Problem für viele Menschen mit Behinderung. Sie sind davon nicht pauschal befreit. Foto: Frank Molter (dpa)
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Kein Kontakt mit Angehörigen: »Viele behinderte Menschen sind während des Corona-Lockdowns zu ihrem Schutz regelrecht weggesperrt worden«, sagt die Behindertenbeauftragte des Kreises Main-Spessart, Elena Reinhard. Symbolfoto: Frank Rumpenhorst (dpa)
Foto: Frank Rumpenhorst

Das zweitägige Jahrestreffen der kommunalen Behindertenbeauftragten hat heuer erstmals digital stattgefunden. Elena Reinhard, Behindertenbeauftragte des Landkreises Main-Spessart, war eine von 31 Teilnehmern aus ganz Bayern. Wir haben mit der 35-Jährigen über ihre Arbeit und welche Auswirkungen Corona darauf hat, gesprochen.

Frau Reinhard, wie hat sich Ihre Arbeit durch Corona geändert?

Während des Lockdowns war es ziemlich ruhig. Ich denke das Bürgertelefon hat da viel abgedeckt. Jetzt ist unsere Arbeit schwieriger, weil wir keine Treffen organisieren können, da die meisten unserer Klienten Risikopatienten sind. So geht der Kontakt nur über Telefon und digitale Medien. Nicht alle können diese Möglichkeit nutzen. Vielen fehlt der menschliche Kontakt, vor allem, dass ihnen jemand einfach zuhört. Ich weiß von Sozialverbänden, dass sie damit sehr viel zu tun haben. Sie leisten oft stundenlang Hilfe am Telefon. Vor allem psychisch Kranke haben große Probleme mit der Einsamkeit.

Wie haben Sie das digitale Jahrestreffen erlebt, war es ähnlich effektiv wie die bisher üblichen persönlichen Treffen?

Ja, nachdem einige technische Schwierigkeiten geklärt waren, lief es sehr gut. Es war zwar zeitlich auf elf Stunden gestrafft, während wir uns sonst von Freitag bis Sonntag zum Beispiel im Allgäu getroffen haben. Inhaltlich habe ich nicht gemerkt, dass es weniger war. Was allerdings zu kurz kam, war der persönliche Austausch zwischen uns Behindertenbeauftragten. Das geht nun mal nicht digital. Vor Ort kann man sich auch in der Pause über dienstliche Themen austauschen.

Mein Fazit lautet daher: Sachlich-fachlich kann man ein solches Treffen digital sehr wohl bündeln, aber persönliche Vernetzung gehört dazu. Ich denke, das ist vor allem für neue Kollegen wichtig.

Neben dem Thema Autismus ging es darum, welche Probleme Corona für ihre Klienten bringt. Warum waren beziehungsweise sind sie besonders betroffen?

Menschen mit Behinderungen waren erst einmal außen vor während des Lockdowns. Sie wurden zu ihrem Schutz regelrecht weggesperrt. Das ist im Katastrophenfall natürlich richtig, davon waren letztlich alle betroffen. Die besondere Schwierigkeit bestand darin, dass Angehörige gar keinen Kontakt haben durften und oft auch keinerlei Informationen bekommen haben. Man hätte viel mehr technische Mittel nutzen können. Oft gab es keinerlei Telefonate, schon gar keinen Face-to-Face-Kontakt wie zum Beispiel über Skype.

Einige meiner Kollegen - mir ist so etwas im Landkreis zum Glück nicht bekannt geworden - haben sogar Fälle auf den Tisch bekommen, in denen Menschen mit Behinderung sediert worden waren, um sie ruhig zu stellen. Das traf nicht nur geistig, sondern auch körperlich behinderte Menschen, die das bei vollem Bewusstsein erlebt haben.

Wie kann so etwas passieren?

Ich denke, das war ein Ausnahmezustand, mit dem das Personal überfordert war. So erkläre ich mir auch, dass kaum Telefonate ermöglicht wurden.

Welche Anfragen erhalten Sie derzeit?

Das größte Thema für Menschen mit Behinderungen bei uns im Landkreis ist die Mund-Nasen-Bedeckung. Es gibt keine pauschale Befreiung, aber sie können davon befreit werden, wenn sie glaubhaft machen können, dass es ihnen nicht möglich ist, eine Maske zu tragen. Ein Attest ist nicht nötig. Trotzdem werden sie von der Bevölkerung teilweise massiv angegangen. Manchmal machen auch Geschäftsinhaber oder Gastwirte von ihrem Hausrecht Gebrauch. Das ist sehr wohl Diskriminierung, wenn Menschen ausgegrenzt werden, die offensichtlich ein Problem haben, eine Maske zu tragen, wie zum Beispiel ein Elektro-Rollstuhlfahrer mit zu kurzen Armen, der seine Maske gar nicht aufsetzen kann. Das ist eine wichtige Sache, die wir angehen müssen. Der Freistaat muss hier mehr aufklären, eventuell über eine Kampagne und mehr Öffentlichkeitsarbeit.

Wie könnte die aussehen?

Hier im Landkreis habe ich für mich beschlossen, die kommunalen Mitteilungsblätter zu nutzen und die Bürgermeister zu bitten, über Plakate in ihren Kommunen auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Angehörige von Menschen mit Behinderung noch?

Während des Lockdowns war die Beschulung förderfähiger Kinder im Homeschooling für viele nicht machbar. Das ist ja schon für Eltern gesunder Kinder eine riesige Herausforderung. Ich spüre immer noch die Sorgen der Eltern vor einem möglichen nächsten Shutdown oder einer punktuellen Schulschließung als Quarantänemaßnahme. Ich finde aber, es müsste eine technische Lösung für Face-to-Face-Unterricht geben, auch an Förderschulen.

Wie wurde das denn an den Förderschulen während des Lockdowns gehandhabt?

Sehr unterschiedlich, je nachdem wie digital die Lehrer unterwegs sind - wie an anderen Schulen auch. Manche haben auf Papier umgestellt. Damit waren die Eltern sehr oft völlig überfordert. Wir müssen für die Zukunft lernen, wie man in einer solchen Situation an den Familien dranbleibt. Sie waren einfach draußen aus dem System.

Von Alleinerziehenden oder Berufstätigen war immer wieder die Rede in den Medien, nicht aber von Familien mit behinderten Kindern. Die sind auch berufstätig und haben noch mehr Betreuungsbedarf. Eine Möglichkeit wäre gewesen, die Schulbegleiter nach Hause kommen zu lassen. Sie waren jedoch nicht im Einsatz, weil es Distanzunterricht gab und es gesetzlich so geregelt ist, dass sie nur in der Schule begleiten.

Welche Forderungen an die Regierung haben die Behindertenbeauftragten im Jahrestreffen aufgestellt?

Wir fordern, dass Menschen mit Behinderung mitentscheiden können, zum Beispiel wenn es darum geht, wie die Information zu den Angehörigen fließt und wie mit ihnen Kontakt gehalten wird. Es muss mehr Sensibilität geben für diejenigen, die keine Masken tragen können. Eine Möglichkeit wäre, eine Struktur für eine entsprechende Bestätigung aufzubauen.

Mehr Informationen in leichter Sprache und Gebärdensprache sind notwendig, und zwar live und simultan. Sie müssen barrierefrei zugänglich sein. Die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts zum Beispiel werden live und simultan in Gebärdensprache übersetzt. Das ist uns ein großes Anliegen. Daran sollte in Bayern gearbeitet werden - und nicht nur in Bezug auf Corona.

bInformationen zu Corona in leichter Sprache im Internet: https://leichte-sprache.main-spessart.de

Hintergrund

» Es muss mehr Sensibilität geben für diejenigen, die keine Masken tragen können. «

Elena Reinhard,Behindertenbeauftragte

Zur Person: Elena Reinhard

Elena Reinhard stammt aus Gemünden. Ihr Berufsweg führte die heute 35-Jährige zunächst nach Rheinland-Pfalz, wo sie die Ausbildung zur Staatsbeamtin absolvierte. Anschließend erwarb sie die Fachhochschulreife an der Carl-Benz-Schule in Koblenz.

Seit 2015 lebt Reinhard mit ihrer Tochter wieder in ihrem Heimatlandkreis und arbeitet als Staatsbeamtin am Landratsamt. Dort ist sie seit vier Jahren hauptamtliche kommunale Behindertenbeauftragte und steht ihren Kollegen auch als Schwerbehindertenvertretung zur Verfügung. Da Reinhard mit einer geistig behinderten Schwester aufgewachsen ist, ist ihr die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung vertraut. In ihrer Freizeit liest und wandert sie. ()

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