Cannabis-Legalisierung Chance oder Katastrophe?

Drogenpolitik: Verantwortliche von Bezirkskrankenhaus Lohr, Polizei und Suchtberatung beurteilen Pläne der Bundesregierung unterschiedlich

Lohr a.Main
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The young person smoking medical marijuana joint outdoors. The young man smoke cannabis blunt, close-up. Cannabis is a concept of herbal medicine. Bildunterschrift 2021-12-07 --> Wie stehen Praktiker zur Drogenpolitik der neuen Bundesregierung? Antworten hier. Symbolfoto: Alena_Bonn/freepik
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cannabis joint und glas mit cannabis, freepik Bildunterschrift 2021-12-07 --> Wie stehen Praktiker zur Drogenpolitik der neuen Bundesregierung? Antworten hier. Symbolfoto: Alena_Bonn/freepik
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cannabis-pflanze, skizze freepik Bildunterschrift 2021-12-07 --> Wie stehen Praktiker zur Drogenpolitik der neuen Bundesregierung? Antworten hier. Symbolfoto: Alena_Bonn/freepik
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Am Mor­gen ein Jo­int und der Tag ist dein Freund - Die­sem flap­si­gen Spruch fol­gen weit mehr Men­schen, als man denkt. Je­den­falls gilt Canna­bis als die am häu­figs­ten kon­su­mier­te il­le­ga­le Dro­ge. Doch da­mit ist bald Schluss. Al­so mit der Il­le­ga­li­tät:

Die neue Bundesregierung hat angekündigt, den Verkauf von Cannabis an Erwachsene zu legalisieren. Unter denen, die im Raum Lohr beruflich mit dem Thema Cannabis und den Folgen des Konsums zu tun haben, gehen die Meinungen dazu weit auseinander. Die Einschätzungen reichen von »eine Katastrophe« bis zu »wir begrüßen die Entkriminalisierung«. Das ergab eine Umfrage bei Bezirkskrankenhaus, Polizei und der Suchtberatungsstelle der Caritas.

Derjenige, der die Pläne der Ampel-Koalition als Katastrophe bezeichnet, ist Dominikus Bönsch (52), seit zehn Jahren Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizinin Lohr (Main-Spesssart-Kreis). In der Klinik ist der Umgang mit den Folgen des Cannabiskonsums Alltag. Im Schnitt nehme man pro Tag einen Patienten mit einer Psychose auf, wobei es einen sehr häufigen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Auftreten von Psychosen gebe, sagt Bönsch. Auch für Depressionen könne Cannabis mitverantwortlich sein.

Wer das Rauschmittel regelmäßig in mittlerer bis höherer Dosierung konsumiere, »hat eine ganz reelle Chance, Patient bei uns zu werden«, sagt Bönsch. Gerade Patienten, die im Alter unter 40 Jahren mit einer Psychose in die Klinik kämen, hätten »nur selten kein Cannabis konsumiert«. Gefährdet sei vor allem, wer schon in recht jungen Jahren Kontakt mit Cannabis habe. Das Gehirn sei erst mit rund 25 Jahren komplett ausgereift. Gerade bis dahin sei Cannabiskonsum »Gift für das Gehirn«, so Bönsch.

Die daraus resultierenden Psychosen seien »besonders hartnäckig und sehr schwer zu behandeln«. Die Einschätzung, dass Cannabis eine »weiche Droge« sei, teilt Bönsch nicht. Der Ruf eines harmlosen Vergnügungsmittels stamme aus einer Zeit, in der der Gehalt des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) in den Hanfpflanzen noch deutlich niedriger gewesen sei. Durch Züchtungen sei der THC-Gehalt von Cannabis über Jahre jedoch rapide gestiegen, sagt Bönsch. Heute könnten »schon kleine Mengen Unheil anrichten«. Davon, dass Cannabis zum Teil medizinisch verordnet wird, hält Bönsch wenig. Für ihn sind die »Versuche, Cannabis zum Wundermittel zu erklären, aus medizinischer Sicht ganz schwierig« und durch Studien kaum gedeckt.

Bönschs Hoffnung ist, dass der Cannabiskonsum durch die Legalisierung nicht allzu sehr ansteigt. Allerdings sei die Droge schon jetzt sehr weit verbreitet und ein »Phänomen des Alltags«. Auch in Lohr »riecht es an verschiedensten Ecken nach Cannabis«, hat Bönsch festgestellt.

Dass die Droge »längst im letzten Winkel angekommen« und in allen Gesellschafts- und Altersschichten verbreitet ist, bestätigt Wolfgang Remelka. Nach Aussage des 58-jährigen Leiters der Lohrer Polizeiinspektion wurden schon bis in die kleinste Landkreisgemeinde Händler erwischt, die aufgrund der vorgefundenen Drogenmenge mehrjährige Haftstrafen antreten mussten.

Die Lohrer Polizei hat im Schnitt einmal pro Woche mit einem Cannabisfall zu tun, wobei sie jedoch nur für die kleineren Fische zuständig ist, also den Besitz von Kleinmengen. Meist handle es sich um Zufallsfunde bei Personenkontrollen oder Durchsuchungen, sagt Remelka. Häufig seien die Polizisten bei solchen Einsätzen mit »psychischen Verhaltensstörungen« und teilweise auch aggressivem Verhalten konfrontiert.

Remelka geht nach einer Legalisierung zwar nicht von einem rapiden Anstieg des Konsums aus, ist aber dennoch gegen die Freigabe von Cannabis. Ein Grund: Ein Teil der legal an Erwachsene verkauften Droge werde sicher in die Hände von Jugendlichen gelangen, genauso wie beim Schnaps schon der Fall. »Cannabis ist eine Droge und wird eine Droge bleiben«, warnt Remelka. Die auch von der Polizei geleistete Präventionsarbeit unter Jugendlichen sieht er erschwert, wenn diese sehen, dass im Elternhaus Cannabis legal konsumiert wird.

Dass eine Legalisierung den illegalen Schwarzmarkt austrocknet, glaubt Remelka nicht. Er fürchtet gar, dass illegale Händler ein Preisdumping betreiben könnten, um sich weiterhin Absatz zu sichern. Aktuell, so schildert der Polizeichef, koste ein Gramm Cannabis um die 15 Euro.

»Ich bin gegen die Legalisierung von Cannabis«, lautet Remelkas Fazit. Wer im täglichen Dienst mit Drogenkonsumenten zu tun hat, könne die Legalisierung nicht gutheißen. Wenn sie tatsächlich komme, müsse klar geregelt sein, wo und wie Cannabis verkauft und konsumiert werden dürfe. Remelka will beispielsweise sichergestellt wissen, dass niemand auf einem Kinderspielplatz legal Cannabis rauchen kann.

Während Bönsch und Remelka klar gegen die Legalisierung von Cannabis sind, sieht man die Sache bei der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Main-Spessart etwas anders. Deren sechs Mitarbeiter beraten im ganzen Landkreis Menschen mit Suchtproblemen. Grundsätzlich festzuhalten sei, so Marcus Stein, der stellvertretende Leiter der Beratungsstelle, dass die legalen Suchtmittel Alkohol oder Tabak für die meisten Menschen der Einstieg in ein Suchtverhalten seien. Cannabis hingegen sei der Einstieg in die Illegalität.

Stein sieht in den Plänen der Bundesregierung die Chance auf eine »Entkriminalisierung von Cannabis«. Damit verbindet er die Hoffnung, dass eine Beratung ohne die Drohkulisse der Illegalität möglich und der illegale Handel unterbunden wird. Als Vorteil des geplanten Verkaufs in lizenzierten Geschäften sieht der Sozialpädagoge, dass der Wirkstoffgehalt der Droge kontrolliert werden kann.

Erfahrungen in anderen Ländern wie Kanada oder Portugal zeigen laut Stein, dass die Legalisierung von Cannabis den Konsum kaum steigen lässt. Gleichwohl dürfe man nicht vergessen, dass Cannabis ein »potenziell gefährlicher Stoff« sei. Deswegen müsse die Legalisierung »gut gemacht« werden, so Stein. Konkret müsse geregelt sein, wie Prävention und Beratung laufen sollen.

»Der Test macht Sinn«, sagt Stein über die Pläne zur Legalisierung von Cannabis. Wichtig sei freilich, dass man über einen gewissen Zeitraum hinweg beobachte, wie sich die Sache entwickle. »Wenn es nicht läuft, muss man die Legalisierung wieder zurücknehmen«, so Stein.

Hintergrund

Wie stehen Praktiker zur Drogenpolitik der neuen Bundesregierung? Antworten hier. Symbolfoto: Alena_Bonn/freepik

Hintergrund: Drogenpolitik der Ampel-Koalition

Die neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP hat in ihrem Koalitionsplan auf Seite 87 zur Drogenpolitik Folgendes niedergeschrieben: »Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein.«

Durch diesen Schritt werde die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet, heißt es weiter. Die Umsetzung werde nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkungen hin untersucht.

Modelle zur Drogenkontrolle und »Maßnahmen der Schadensminderung« wolle man ermöglichen und ausbauen, heißt es weiter. Bei der Alkohol- und Nikotinprävention setze man auf verstärkte Aufklärung »mit besonderem Fokus auf Kinder, Jugendliche und schwangere Frauen«. Die Regeln zur Werbung für Alkohol, Nikotin und Cannabis wolle man verschärfen, so die Ampel-Koalitionäre. Man werde die neuen Regelungen immer wieder an wissenschaftlichen Erkenntnissen messen und daran die »Maßnahmen zum Gesundheitsschutz« ausrichten. ()

Cannabis-Legalisierung Chance oder Katastrophe?

Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund - Diesem flapsigen Spruch folgen weit mehr Menschen, als man denkt. Jedenfalls gilt Cannabis als die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Doch damit ist bald Schluss. Also mit der Illegalität: Die neue Bundesregierung hat angekündigt, den Verkauf von Cannabis an Erwachsene zu legalisieren. Unter denen, die im Raum Lohr beruflich mit dem Thema Cannabis und den Folgen des Konsums zu tun haben, gehen die Meinungen dazu weit auseinander. Die Einschätzungen reichen von »eine Katastrophe« bis zu »wir begrüßen die Entkriminalisierung«. Das ergab eine Umfrage bei Bezirkskrankenhaus, Polizei und der Suchtberatungsstelle der Caritas.

Derjenige, der die Pläne der Ampel-Koalition als Katastrophe bezeichnet, ist Dominikus Bönsch (52), seit zehn Jahren Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Lohr (Main-Spessart-Kreis). In der Klinik ist der Umgang mit den Folgen des Cannabiskonsums Alltag. Im Schnitt nehme man pro Tag einen Patienten mit einer Psychose auf, wobei es einen sehr häufigen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Auftreten von Psychosen gebe, sagt Bönsch. Auch für Depressionen könne Cannabis mitverantwortlich sein.

»Gift für das Gehirn«

Wer das Rauschmittel regelmäßig in mittlerer bis höherer Dosierung konsumiere, »hat eine ganz reelle Chance, Patient bei uns zu werden«, sagt Bönsch. Gerade Patienten, die im Alter unter 40 Jahren mit einer Psychose in die Klinik kämen, hätten »nur selten kein Cannabis konsumiert«. Gefährdet sei vor allem, wer schon in recht jungen Jahren Kontakt mit Cannabis habe. Das Gehirn sei erst mit rund 25 Jahren komplett ausgereift. Gerade bis dahin sei Cannabiskonsum »Gift für das Gehirn«, so Bönsch.

Die daraus resultierenden Psychosen seien »besonders hartnäckig und sehr schwer zu behandeln«. Die Einschätzung, dass Cannabis eine »weiche Droge« sei, teilt Bönsch nicht. Der Ruf eines harmlosen Vergnügungsmittels stamme aus einer Zeit, in der der Gehalt des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) in den Hanfpflanzen noch deutlich niedriger gewesen sei. Durch Züchtungen sei der THC-Gehalt von Cannabis über Jahre jedoch rapide gestiegen, sagt Bönsch. Heute könnten »schon kleine Mengen Unheil anrichten«. Davon, dass Cannabis zum Teil medizinisch verordnet wird, hält Bönsch wenig. Für ihn sind die »Versuche, Cannabis zum Wundermittel zu erklären, aus medizinischer Sicht ganz schwierig« und durch Studien kaum gedeckt.

Bönschs Hoffnung ist, dass der Cannabiskonsum durch die Legalisierung nicht allzu sehr ansteigt. Allerdings sei die Droge schon jetzt sehr weit verbreitet und ein »Phänomen des Alltags«. Auch in Lohr »riecht es an verschiedensten Ecken nach Cannabis«, hat Bönsch festgestellt.

Dass die Droge »längst im letzten Winkel angekommen« und in allen Gesellschafts- und Altersschichten verbreitet ist, bestätigt Wolfgang Remelka. Nach Aussage des 58-jährigen Leiters der Lohrer Polizeiinspektion wurden schon bis in die kleinste Landkreisgemeinde Händler erwischt, die aufgrund der vorgefundenen Drogenmenge mehrjährige Haftstrafen antreten mussten.

Die Lohrer Polizei hat im Schnitt einmal pro Woche mit einem Cannabisfall zu tun, wobei sie jedoch nur für die kleineren Fische zuständig ist, also den Besitz von Kleinmengen. Meist handle es sich um Zufallsfunde bei Personenkontrollen oder Durchsuchungen, sagt Remelka. Häufig seien die Polizisten bei solchen Einsätzen mit »psychischen Verhaltensstörungen« und teilweise auch aggressivem Verhalten konfrontiert.

Remelka geht nach einer Legalisierung zwar nicht von einem rapiden Anstieg des Konsums aus, ist aber dennoch gegen die Freigabe von Cannabis. Ein Grund: Ein Teil der legal an Erwachsene verkauften Droge werde sicher in die Hände von Jugendlichen gelangen, genauso wie beim Schnaps schon der Fall. »Cannabis ist eine Droge und wird eine Droge bleiben«, warnt Remelka. Die auch von der Polizei geleistete Präventionsarbeit unter Jugendlichen sieht er erschwert, wenn diese sehen, dass im Elternhaus Cannabis legal konsumiert wird.

»Potenziell gefährlicher Stoff«

Dass eine Legalisierung den illegalen Schwarzmarkt austrocknet, glaubt Remelka nicht. Er fürchtet gar, dass illegale Händler ein Preisdumping betreiben könnten, um sich weiterhin Absatz zu sichern. Aktuell, so schildert der Polizeichef, koste ein Gramm Cannabis um die 15 Euro.

»Ich bin gegen die Legalisierung von Cannabis«, lautet Remelkas Fazit. Wer im täglichen Dienst mit Drogenkonsumenten zu tun hat, könne die Legalisierung nicht gutheißen. Wenn sie tatsächlich komme, müsse klar geregelt sein, wo und wie Cannabis verkauft und konsumiert werden dürfe. Remelka will beispielsweise sichergestellt wissen, dass niemand auf einem Kinderspielplatz legal Cannabis rauchen kann.

Während Bönsch und Remelka klar gegen die Legalisierung von Cannabis sind, sieht man die Sache bei der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Main-Spessart etwas anders. Deren sechs Mitarbeiter beraten im ganzen Landkreis Menschen mit Suchtproblemen. Grundsätzlich festzuhalten sei, so Marcus Stein, der stellvertretende Leiter der Beratungsstelle, dass die legalen Suchtmittel Alkohol oder Tabak für die meisten Menschen der Einstieg in ein Suchtverhalten seien. Cannabis hingegen sei der Einstieg in die Illegalität.

»Entkriminalisierung«

Stein sieht in den Plänen der Bundesregierung die Chance auf eine »Entkriminalisierung von Cannabis«. Damit verbindet er die Hoffnung, dass eine Beratung ohne die Drohkulisse der Illegalität möglich und der illegale Handel unterbunden wird. Als Vorteil des geplanten Verkaufs in lizenzierten Geschäften sieht der Sozialpädagoge, dass der Wirkstoffgehalt der Droge kontrolliert werden kann.

Erfahrungen in anderen Ländern wie Kanada oder Portugal zeigen laut Stein, dass die Legalisierung von Cannabis den Konsum kaum steigen lässt. Gleichwohl dürfe man nicht vergessen, dass Cannabis ein »potenziell gefährlicher Stoff« sei. Deswegen müsse die Legalisierung »gut gemacht« werden, so Stein. Konkret müsse geregelt sein, wie Prävention und Beratung laufen sollen.

»Der Test macht Sinn«, sagt Stein über die Pläne zur Legalisierung von Cannabis. Wichtig sei freilich, dass man über einen gewissen Zeitraum hinweg beobachte, wie sich die Sache entwickle. »Wenn es nicht läuft, muss man die Legalisierung wieder zurücknehmen«, so Stein.

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