Lohrer radeln durch die Corona-Krise

Zweiräder erleben einen Boom

Lohr a.Main
3 Min.

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Immer mehr Menschen steigen aufs Rad, weil sie wegen Kurzarbeit und abgesagter Reisen mehr Zeit haben. Foto: Thomas Josef Möhler
Foto: Thomas Josef Möhler
In der Co­ro­na-Kri­se sind vie­le Deut­sche aufs Rad um­ge­s­tie­gen. We­gen ab­ge­sag­ter Rei­sen und Kurz­ar­beit sol­len Rä­der nach An­ga­ben der Wirt­schaft­s­pres­se gu­ten Ab­satz fin­den. Un­ser Me­di­en­haus hat sich in Rad­ge­schäf­ten in der Re­gi­on um­ge­hört.

»Es wird mehr Rad gefahren«, bestätigt Michael Brunner, Inhaber des gleichnamigen alteingesessenen Fahrradhauses in Lohr. Der Trend relativiere sich allerdings etwas, weil in den ersten vier Wochen des Lockdowns wenig Verkehr gewesen sei: »Die Straßen waren leer.«

Der Grund sei klar: »Die Geschäfte waren zu, aber nach dieser Verzögerung zog es an.« Laut Brunner gibt es einen Trend zu E-Bikes, »es gibt aber auch noch Leute, die Räder ohne elektrischen Hilfsantrieb wollen«. Er hat auch Kunden, die ihre Räder nach Jahren im Keller entmotten und reparieren ließen.

Gebrauchtradmarkt schwankt

Versorgungslücken gibt es nach Brunners Beobachtung nur bei ganz bestimmten Modellen, nicht großflächig. Auch nach gebrauchten Rädern gebe es durchaus noch Nachfrage, »aber sie ist sehr schwankend, mal mehr, mal weniger«.

»Einen Radboom merkt jeder in der Branche«, betont Ralf Winkelmann, Geschäftsführer von Udo Lermann in Marktheidenfeld. Den Boom gebe es seit Jahren, nicht erst seit der Corona-Krise. Aber wegen der siebenwöchigen Geschäftsschließung sei ein Nachholboom entstanden, so dass nach seiner Einschätzung »zum Jahresende kein Händler mit einem Minus dastehen dürfte«.

E-Bikes und E-Mountainbikes sind nach Winkelmanns Angaben der am stärksten steigende Markt, »aber es werden auch noch herkömmliche Fahrräder gekauft«. Diese machten noch die Hauptstückzahl aus, der Umsatz mit ihnen gehe aber seit Jahren nach unten. Bei E-Bikes liefen die Exemplare zwischen 2000 und 3000 Euro recht gut.

Eine Preissteigerung wegen der gestiegenen Nachfrage hat der Lermann-Geschäftsführer nicht beobachtet, aber viele Händler hätten vor der Krise Rabatte eingeräumt, die jetzt unsinnig wären. Allerdings tauche das Problem auf, an Ware zu kommen.

Denn der Radhandel sei eine »Vororder-Branche«, so Winkelmann. Am Ende des Jahres oder Anfang des kommenden riefen die Hersteller an und fragten den Bedarf ab. Dieser werde produziert, ausgeliefert und verkauft, »dann gibt es nichts mehr«.

Lermann habe noch relativ viel Ware gehabt und könne deshalb weiter verkaufen, »aber im zweiten Halbjahr könnte es schon schwieriger werden«. Manche Hersteller produzierten bereits fürs nächste Jahr.

Anfangs schwarz gesehen

Jürgen Baumann von Zweirad-Baumann in Wertheim hat »anfangs schwarz gesehen, weil der Lockdown gerade zum Saisonanfang kam, da war gar nichts zu machen, das hat schon wehgetan«. Denn die Branche müsse ihr Geld praktisch in einem halben Jahr verdienen. Aber jetzt laufe es »wirklich gut«.

Es gebe einen »Radboom im Allgemeinen und bei E-Bikes im Besonderen«. Von Kunden habe er gehört: »Wenn wir schon nicht in Urlaub fahren können, kaufen wir uns wenigstens ein gescheites Rad.« Die Kehrseite des Booms sei, dass die Lieferfähigkeit mittlerweile bei allen Herstellern schlecht sei.

Denn viele Teile kämen aus Fernost, wo monatelang die Produktion stillgestanden habe und jetzt erst wieder angelaufen sei. Er selbst habe vorgeordert gehabt, »im Moment geht's noch«, so Baumann. Von einem Preisanstieg hat er wie seine Kollegen nichts bemerkt.

Viele Kunden stünden auch mit ihren alten Rädern vor der Tür, die sie wieder herrichten lassen wollten. »Das sind Leute, die oft jahrelang nicht mehr mit dem Rad gefahren sind, aber jetzt 'rauskommen und vom ÖPNV weg wollen.«

Vom Gebrauchtradmarkt hält sich Baumann eher fern, weil er beim Wiederverkauf ein Jahr Garantie auf die Räder geben muss. Das sei bei E-Bikes mit alten Akkus schon schwierig. »Wenn ich ein gebrauchtes Rad verkaufe, dann muss das hundertprozentig in Ordnung sein.« Zudem gelte: Wenn das Rad noch in Ordnung sei, verkaufe der Besitzer es nicht.

Genug Arbeit

»Wir haben genug Arbeit«, sagte eine Vertreterin der Firma Bike & Sport in Wertheim. Favoriten seien die E-Bikes, aber Jugendliche und sportliche Leute kauften auch noch Räder ohne E-Antrieb. Versorgungslücken seien mittlerweile ein Thema. Durch die ganze Angebotspalette machten sich Lieferengpässe bemerkbar, weil die Lieferketten verzögert seien.

Hintergrund: Fahrrad könnte Krisengewinner sein

Für die Fahrradbranche in Deutschland sah es zunächst nicht gut aus: Im März und April, den wichtigsten Monaten im Jahr, gab es wegen des Lockdowns Umsatzeinbußen von 30 bis 60 Prozent. Doch mittlerweile läuft deutschlandweit eine Aufholjagd. »Wir sehen einen enormen Run auf die Fahrradläden«, zitiert die Wirtschaftswoche David Eisenberger vom Verband der Zweiradindustrie. Neben denen, die ohnehin eine Neuanschaffung geplant hätten, gebe es viele Kunden, die das Rad wieder für sich entdeckten.

Die Branche erzielte laut Wirtschaftswoche 2019 einen Umsatz von gut 4,2 Milliarden Euro, 34 Prozent mehr als 2018. Die Zahl verkaufter Elektroräder stieg um 39 Prozent auf 1,36 Millionen Stück. Insgesamt wurden voriges Jahr 4,31 Millionen Räder verkauft. Das ist eine Steigerung um knapp drei Prozent.

Aber der Trend geht zu hochwertigeren Rädern. Im vorigen Jahr lag der Durchschnittspreis über alle Vertriebskanäle bei 982 Euro, circa ein Drittel mehr als im Jahr davor. In der Fahrradwirtschaft arbeiten bundesweit etwa 280 000 Menschen.

Das E-Bike ist nach Verbandsangaben für viele Bürger derzeit das interessanteste E-Mobilitätsfahrzeug. Es erfülle Mobilitätsanforderungen der heutigen Zeit in Freizeit und Alltag und ersetze in Teilen bereits die Autonutzung.

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