Auch ein mühsamer Sieg ist Grund zum Feiern

Fußball: Vor allem junge Fans bejubeln in Lohr deutsches 1 : 0 gegen Portugal mit Autokorso - Altstadt-Gaststätten mit Liveübertragung gut besucht

Lohr
2 Min.

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Sams­ta­g­a­bend in Lohr. Kaum Au­tos auf der B 26. Die Zu­fahrts­stra­ßen sind wie aus­ge­s­tor­ben. Ei­ne neue Öl­kri­se mit Fahr­ver­bo­ten? Nein, die deut­sche Fuß­ball-Na­tio­nal­mann­schaft be­st­rei­tet ihr Auf­takt­spiel bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft. Nach 90 Mi­nu­ten (und der Nach­spiel­zeit) ha­ben die Deut­schen zwar nicht über­zeugt, aber ge­won­nen. Die Er­leich­te­rung bei den jun­gen Fans ist mit Hän­den zu grei­fen: Oh­ne Sieg kein Au­to­kor­so.
In der Innenstadt ist das Bild zweigeteilt: Auf der Außenbestuhlung von Gaststätten ohne Fußball-Übertragung sitzen nur wenige Unentwegte, denen womöglich das Verständnis dafür fehlt, dass 22 Männer hinter einem Ball herrennen. In und vor Kneipen mit Fernseher an der Wand oder im Fenster ballen sich dagegen die Fußballfans.
Vor allem Frauen ausstaffiert
Die Europameisterschaft fängt erst an, die Verwendung von deutschen Trikots, schwarz-rot-goldenen Fahnen, Blumenketten, Schals und Schminkstiften ist noch relativ zurückhaltend. Auffällig ist, dass die Geschminkten und Ausstaffierten vor allem junge Frauen sind. Interessieren sie sich wirklich für Fußball oder geht es ihnen um die Party? Darüber lässt sich diskutieren, aber nicht jetzt, denn das Spiel hat begonnen.
Vor dem »Stadtcafé« mit seinen beiden Großbildschirmen erstreckt sich die Außenbestuhlung wie eine Beule in die Hauptstraße. Menderes, der türkischstämmige Wirt, seit letztem Jahr deutscher Staatsbürger, flitzt im deutschen Nationaltrikot hinter der Theke hin und her. Ein ruhiger Abend wird das nicht für ihn.
Auf einem Tisch steht vor einigen jungen Männern ein Überbleibsel der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika: eine dieser nerv- und ohrentötenden Vuvuzelas in Schwarz-Rot-Gold. Zum Glück wird der Besitzer im Laufe des Abends nur zurückhaltend von der Tröte Gebrauch machen.
Viel zu bejubeln gibt es schließlich auch nicht. Die Kommentatoren werden sich hinterher einig sein: Die deutsche Nationalmannschaft hat sich schwer getan, »vor allem in der Offensive gibt es noch viel Luft nach oben« (Spiegel Online). Von den jungen Leuten kommen aufmunternde Rufe: »Auf geht’s, vor!«
Vorne wirbelt aber weniger der verbesserungswürdige deutsche Sturm, sondern auf der anderen Spielfeldseite der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Er kann sich der ungeteilten Unbeliebtheit bei den jungen Zuschauern sicher sein. Mehrfach wird er mit einem nicht sehr schmeichelhaften Beinamen bedacht, der andeuten soll, dass Ronaldo womöglich »vom anderen Ufer« sein könnte. Wobei die privaten Präferenzen, wie auch immer sie aussehen mögen, nun wirklich unwichtig sind, es geht ums Fußballspielen. Und das kann er.
Augenscheinlich kann er sich auch gut fallen lassen. Wenn Ronaldo wieder einmal am Boden liegt, geht ein hämisches »Ooooch« durch die Menge. Das ändert aber nichts daran, dass die Portugiesen gefährlich bleiben. »Das war aber haarscharf«, kommentiert ein junger Mann ein Beinahe-Tor.
Nervosität wächst
Langsam wächst die Nervosität. Ungerührt von den aufgeregten jungen Leuten zieht der »Nachtwächter« mit seiner Kostümführung Kreise durch die Innenstadt. Die Stunde der Tausenden Bundestrainer ist gekommen.
»Er (gemeint ist Bundestrainer Jogi Löw) muss jetzt mal wechseln, der Schürrle ist immer für ein Tor gut«, sagt ein junger Mann im Podolski-Trikot. Doch der Leverkusener André Schürrle bleibt bis zum Schluss draußen und Bayern-Stürmer Mario Gomez soll sich zu ihm auf die Bank setzen. Gut, dass Löw mit der Auswechslung nicht schnell genug war.
Denn Gomez köpft in der 72. Minute den Ball ins lange Eck des portugiesischen Tors. Jubelnd springen die jungen Leute auf, die Vuvuzela hat ihren Einsatz, allgemeine Erleichterung, das Gegurke der deutschen Mannschaft ist vergessen. Jetzt, wo der Sieg zum Greifen nahe ist, gilt es, den Rest des Abends zu planen.
Fanmeile am »Fuchseneck«
Noch ein Bier bestellen oder lieber schon bezahlen, damit man nach dem Abpfiff möglichst schnell zur »Fan-Meile« eilen kann? Als solche hat sich während der letzten Welt- und Europameisterschaften das »Fuchseneck« am Café Mann etabliert.
Dort dauert es nicht lange, bis ein Autokorso das Quartier umrundet. Plötzlich sind sie da, die vielen deutschen Fahnen, die man in der Innenstadt zuvor nicht gesehen hat. Die Polizei hält sich zurück, viel zu regeln gibt es nicht. Nach einiger Zeit stellen die Fahrer die Autos ab, zu Fuß wird weiter gefeiert. Was wollen die Fans machen, wenn die Deutschen wirklich einmal gut gespielt haben?
Thomas Josef Möhler
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