Als Händler früher oft in der Region unterwegs

Rebekka Denz: Die Historikerin hat eine Ausstellung über das Leben der Landjuden zusammengestellt - Eröffnung am 9. Dezember in Karlstadt

Karlstadt
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Im Würzburger Johanna-Stahl-Zentrum, wo das Kooperationsprojekt »Landjudentum in Unterfranken« angesiedelt ist, recherchierte Rebekka Denz für die Wanderausstellung »Mitten unter uns«.
Foto: Pat Christ
Die Wan­der­aus­stel­lung »Mit­ten un­ter uns« will in Er­in­ne­rung ru­fen, wie stark jü­di­sche Sied­lun­gen den Raum Un­ter­fran­ken seit dem 15. Jahr­hun­dert ge­prägt ha­ben. Zwei Jah­re lang wur­de die Schau vom Ko­ope­ra­ti­on­s­pro­jekt »Land­ju­den­tum in Un­ter­fran­ken« un­ter Lei­tung von Re­bek­ka Denz er­ar­bei­tet.
Seit Oktober ist die Ausstellung auf Tour. Am kommenden Montag, 9. Dezember, wird sie um 14 Uhr im Johann-Schöner-Gymnasium Karlstadt eröffnet, wo sie bis Jahresende zu sehen sein wird. Im Vorfeld sprach Pat Christ mit Rebekka Denz.

Die Ausstellung »Mitten unter uns« beginnt im Mittelalter. Wo finden sich denn die frühestens Spuren der unterfränkischen Landjuden?
Die frühesten Spuren finden sich am ehesten in der Stadt Würzburg, aber sie beschränken sich nicht darauf. Es gab auch andere frühe Ansiedlungen in Städten, etwa in Aschaffenburg, Schweinfurt und Miltenberg. Anlässlich eines Pogroms im Jahr 1298 werden Juden in Arnstein, Karlstadt, Lohr, Rieneck, Homburg und Gemünden erstmals erwähnt. Vorher ist lediglich aus Rothenfels bekannt, dass es dort Juden gab. Im 16. Jahrhundert erfahren wir dann von neuen Siedlungen in Adelsberg und Urspringen.

In der NS-Zeit war ein Miteinander von Christen und Juden schlicht unmöglich. Wie war das denn in den Epochen davor in Unterfranken? Gab es rege Kontakte?
Wie sich die Kontakte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit konkret gestaltet haben, ist aufgrund der Quellenlage recht schwierig zu sagen. Für das 19. Jahrhundert kann diese Frage leichter beantwortet werden. Damals haben Christen und Juden überwiegend dieselben Schulen besucht. In den Dörfern und Kleinstädten wohnten sie Tür an Tür. In diesen Epochen gab es also intensive Kontakte, die aber auch immer wieder überlagert waren zuerst von Antijudaismus und später von Antisemitismus.

Welche Entwicklungen zwischen dem Kaiserreich und dem Zweiten Weltkrieg waren denn für die Landjuden hier in der Region bezeichnend?
Damals setzte sich die Verstädterung fort. Außerdem ist eine hohe Mobilität für die Landjuden charakteristisch. Das liegt zum einen daran, dass es nicht an jedem Ort eine Schule oder einen Friedhof gab. Der Laudenbacher Friedhof zum Beispiel hat einen weiten Einzugsbereich. Die hohe Mobilität hat außerdem viel mit den damaligen Berufen der Landjuden zu tun.

Unter den Juden waren ja viele Händler, Textil-, Vieh- und Weinhändler zum Beispiel. Offensichtlich waren sie nicht nur an einem begrenzten Ort tätig?
Nein, sie zogen mit dem Tragekorb über Land zu den Jahr- und Viehmärkten. Bedeutendere Kaufleute reisten auch zu überregionalen Messen. Etwa nach Frankfurt oder nach Leipzig. In der Ausstellung ist eine etwa um 1930 aufgenommene Schwarz-Weiß-Fotografie des Textilwarengroßhändlers Julius Sichel aus Würzburg zu sehen, der mit seinem Auto »Adler« in Main-Spessart und Thüringen unterwegs war.

Hatten Sie denn ausreichende Ressourcen, um die Wanderausstellung zu realisieren?
Koordiniert wurde die Ausstellung von Rotraud Ries, der Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, und mir. Mitgearbeitet haben Mitglieder des Arbeitskreises »Landjudentum in Unterfranken«, der aus rund 70 Personen besteht. Darunter waren viele Heimatforscher und Bürgermeister, aber auch sonstige Interessierte. Auskunft über Main-Spessart erhielten wir vor allem von Leonhard Scherg, dem ehemaligen Marktheidenfelder Bürgermeister. Er hat uns sehr viele und sehr wichtige Informationen zum Themenfeld »Mobilität« geliefert.
Die Ausstellung demonstriert, dass Landjuden in Unterfranken eine besondere Kultur entwickelt haben. Gab es denn auch Besonderheiten innerhalb der Region? Unterschieden sich Juden aus Main-Spessart von denen in anderen Landkreisen?
Das lässt sich nach derzeitigem Forschungsstand nicht beantworten. Bemerkenswert für Main-Spessart ist allerdings der bereits erwähnte Laudenbacher Verbandsfriedhof. Von seiner Fläche her ist er der zweitgrößte jüdische Friedhof in ganz Bayern. In Karlstadt selbst hat es nie einen Friedhof gegeben. In Laudenbach wurden eine Weile lang sogar Würzburger und Veitshöchheimer Juden bestattet.
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