Rentner aus Spessartgemeinde ist nach »Halsabschneider-Botschaft« mit Einspruch erfolgreich

70-Jährigem bleibt Geldstrafe erspart

WÜRZBURG
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Viel Fan­ta­sie war nicht nö­t­ig, um die Hand­be­we­gung ei­nes Rent­ners aus dem Spess­art zu ver­ste­hen, die die­sen zum ers­ten Mal in sei­nen 70 Jah­ren vor Ge­richt ge­bracht hat.

Als er bei der Fahrt durchs Dorf einen einst guten Bekannten sah, für ihn seit längerer Zeit »ein rotes Tuch«, hielt er an, blieb im Pkw sitzen und machte mit der flachen Hand Bewegungen quer zum Hals.

Der Empfänger nahm die Botschaft des Halsabschneidens ernst. Ihm unterstellt der Rentner aus dem Landkreis Main-Spessart, dass er etwas mit seiner Ehefrau hatte. Die Ehe wurde nach 47 Jahren geschieden. Beim Amtsgericht in Gemünden war der Rentner wegen Bedrohung zu einer Geldstrafe von 875 Euro verurteilt worden. Diese muss er nun nicht zahlen, denn in der Berufung hat die 4. Strafkammer des Landgerichts Würzburg das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft nun eingestellt.

Dem Rentner nahm man ab, wie es aus seiner Sicht zu der eindeutigen Handbewegung mit zahlreichen Vorfällen vorher gekommen war. Er sieht durch die Scheidung sein Leben zerstört, so habe er sich seine alten Tage nicht vorgestellt, er ging immer wieder ins Detail. Wenn er beruflich aus dem Dorf rausgefahren sei, habe kurz danach der Pkw des anderen vor seinem Haus gestanden, sagte er. Er, so der Rentner, habe davon erst erfahren, als es viele im Dorf längst gewusst hätten.

Noch mal neu anfangen

Richter Thomas Trapp versuchte, dem Rentner einen Schlussstrich unter Vergangenes nahezulegen. Schließlich habe seine Frau die Scheidung gewollt, das sei erlaubt und er solle diese Entscheidung nun nicht zum ihn quälenden Lebensinhalt machen. Er solle an sich denken, im Kopf noch mal neu anfangen und nicht in die totale Isolation abgleiten, wo er schon angekommen scheint: Alle familiären Beziehungen sind eingefroren, über seine Enkelkinder könne er sich nur aus der Ferne freuen, seinen 70 Geburtstag habe er allein gefeiert, ohne Glückwünsche.

Die Staatsanwältin beteiligte sich ebenfalls an dem »Therapiegespräch«, mit dem Schwerpunkt »Wollen Sie sich wirklich für den Rest des Lebens mit der Frage quälen, warum es dazu kam, dass die Frau sich scheiden ließ?«. Der Angeklagte blieb dabei: Er komme nicht darüber hinweg. Auch wenn der laut Anklage bedrohte ehemalige Bekannte, selbst verheiratet, die behaupteten Seitensprünge bestreitet, seine Ex-Ehefrau habe alles zugegeben. »Andere kommen darüber hinweg«, sagte der Angeklagte, »ich nicht.«

Der Richter sagte, der Rentner müsse neu anfangen, sich vornehmen, dass er, wenn er aus dem Sitzungssaal rausgehe, einfach nicht mehr über das Erlebte spreche. Er provozierte den Angeklagten und sagte sogar mal »Sie sturer Bock« und: »Enkel haben doch ein Recht auf den Opa. Sie bestrafen sich selbst doch jeden Tag aufs Neue. Hat Ihnen das schon mal jemand so deutlich gesagt wie ich? Nicht daheim sitzen und nur nach dem Warum fragen.«

Vor der Tür standen drei geladene Zeugen: Darunter der bedrohte »Gegenspieler«. Das Gericht nahm, vermutlich zu Recht, an, dass es hoch hergehen würde, wenn diese hereingerufen würden. Auf alle drei Zeugen wurde verzichtet.

Das Gericht bat die Staatsanwältin, den Angeklagten aus dem Strafjustizzentrum nach draußen zu begleiten, damit es nicht zu einer Begegnung kommt.

»Nicht provozieren lassen«

Eine solche »Begleitung« fehlt natürlich in der Spessartgemeinde, wo die Beteiligten nur wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnen und sich zwangsläufig begegnen. »Wenn Sie dem anderen beim Radfahren begegnen«, sagte der Richter, »kehren Sie um, fahren Sie in die andere Richtung, lassen Sie sich nicht provozieren.«

Der Protokollführerin, die Kriminalität trotz ihrer Jugend schon in voller Bandbreite erlebt hat, sah man an, dass ihr der Rentner und sein Schicksal nahe ging bis knapp vor die Tränen.

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