18 Lohrhauptener Juden auf den Opferlisten

Reichspogromnacht: Fenster der Synagoge zerstört - Viele jüdische Einwohner ausgewandert - Gemeinschaft mit Mittelsinnern und Burgsinnern

Flörsbachtal-Lohrhaupten
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Große Zerstörungen waren in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 in Lohrhaupten nicht zu beklagen. Nur die Fenster der Synagoge wurden eingeworfen. Aber 18 Juden, die in Lohrhaupten wohnten, starben durch die Nationalsozialisten.
Dass in Lohrhaupten relativ viele Juden lebten, liegt an der Birkenhainer Straße. Sie war einer der Haupthandelswege in früherer Zeit. Sie lag für Viehtriebe günstig, da sie durchgehend rechtsmainisch Verlief, und somit ein für die Tiere gefährliches Überqueren des Mains vermied. So wurden dort Pferde, Rinder, Schweine und Schafe getrieben. Vom 18. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus wurde dieser rege Viehhandel von jüdischen Händlern dominiert. So ist es nicht verwunderlich, dass es in Lohrhaupten, das an der Birkenhainer Straße liegt, eine jüdische Siedlung und eine Synagoge gab.
Aus den Kirchenbüchern ist ersichtlich, dass bereits zwischen 1693 und 1717, als Lohrhaupten unter der Herrschaft der Grafen von Hanau stand, die ersten Juden nach Lohrhaupten zogen. Genannt sind die Familien Abraham, Vastel, Josias Mahnes und Gerson Meyer.
Die hinzuziehenden Juden erhielten für einen Gulden und 15 Albus Ortsbürger- und Nachbarschaftsrecht. Somit mussten sie nur die Hälfte des sonst für die Erlangung der Bürgerrechte üblichen Betrags entrichten. Daneben waren noch jährlich pro Familie zwei Gulden an »Weydt-, Holz- und Wachtgeld« an die Obrigkeit zu zahlen. Für 15 Albus jährlich konnten sie im gemeindlichen Hirtenhaus ihr rituelles Bad einrichten und nutzen. Das taten sie bis 1748, als sie ihr eigenes Bad in der Dünkelbach bauten.
1835 gab es in Lohrhaupten 47 jüdische Einwohner, 1861 waren es bereits 59 von 834 Einwohnern in Lohrhaupten.
In einfachen Verhältnissen
Die jüdischen Familien, die in Lohrhaupten wohnten, lebten in einfachen Verhältnissen. Sie betrieben Viehhandel oder waren Inhaber kleinerer Handels- oder Ladengeschäfte. Die meisten betrieben auch ein wenig Landwirtschaft.
An jüdischen Familiennamen sind unter anderen Ehrlich, Maier, Rosenthal, Stern und Strauß im Lohrhaupten des 19. Jahrhunderts genannt.
Die jüdische Gemeinde in Lohrhaupten gehörte zum Rabbinatsbezirk Hanau. Die Toten wurden im jüdischen Friedhof in Altengronau beigesetzt. Bei Beerdigung folgte die Trauergemeinde dem Sarg nur bis zum Ortsausgang. Von hier wurde er mit einem Pferdegespann weiter transportiert.
In Lohrhaupten bestand eine Synagoge, eine Religionsschule und sogar zeitweise eine jüdische Elementarschule. Die Synagoge in Lohrhaupten war integriert in ein charakteristisches jüdisches Gemeindezentrum mit hohen Rundbogenfenstern im Bereich des Betsaales. Im Gebäude befanden sich auch die Lehrerwohnung und der Raum für die jüdische Schule.
Da zu einem Gottesdienst mindestens zehn gleichen Glaubens anwesend sein mussten, kamen oft Burgsinner und Mittelsinner Juden hinzu. Die Lohrhauptener Juden ihrerseits besuchten die Gottesdienste in Burgsinn und Mittelsinn.
Am 9. November 1938 wurden die Fenster der Synagoge eingeworfen. Weitere Zerstörungen gab es nicht. Das Gebäude kam später in Privatbesitz, wurde als Lager verwendet und in den 1970er Jahren abgerissen.
Um 1924 gehörten noch 20 bis 25 Personen zur jüdischen Gemeinde in Lohrhaupten. Ein eigener Lehrer und Vorbeter war damals nicht mehr angestellt. Als »aushilfsweiser Kantor« wird Samuel Strauß genannt. Als jüdischer Verein war der »Wohltätigkeitsverein« tätig.
Vorsteher der jüdischen Gemeinde war 1932 I. Rosenthal, als Schriftführer fungierte Samuel Strauß. 1933 lebten noch 21 jüdische Menschen in sechs Familien am Ort. In den folgenden Jahren ist der größte Teil der jüdischen Gemeindemitglieder weggezogen oder ausgewandert.
Der Viehhändler Samuel Strauß war gleichzeitig Rabbi und derjenige, der die Fertigkeit des Schächtens besaß. Seine Familie wanderte nach Brasilien oder Australien aus.Die Familie Bernhard Rosenthal, die einen Kramladen betrieb, wanderte 1934 nach Palästina aus. Im Sommer 2001 war der 1932 geborene Sohn Jakob mit seiner Familie in Lohrhaupten, um ihr seinen Geburtsort zu zeigen. Julius Halle betrieb eine kleine Landwirtschaft, einen Viehhandel und eine kleine Metzgerei. Die Familie Halle wanderte nach Amerika aus.
Die Familie von Leo Strauß handelte neben einer kleinen Landwirtschaft mit Vieh. Sein Bruder Michael war Tuchhändler. Leo Strauß war zudem Vorsitzender des örtlichen Radfahrvereins. Die Familie von Leo Strauß wurde im Konzentrationslager ermordet.
Nach den Listen von Yad Vashem kamen von den in Lohrhaupten geborenen oder längere Zeit am Ort wohnenden jüdischen Personen in der NS-Zeit ums Leben: Julie Alexander, geborene Hess (geboren 1899), Jenny Freudenreich, geborene Schafheimer (1894), Debora Hess (1894), Regina Künstler, geborene Oppenheimer (1875), Julius Schafheimer (1902), Karoline Schafheimer (1870), Mina Schafheimer (1863), Sara Schafheimer (1865), Arnold Strauss (1891), Bertha Strauss, geborene Künstler (1878), Cilli Strauss (1905), Jenny Strauss, Josef Strauss (1878), Leo Strauss (1894), Max Strauss (1889), Samuel Strauss (1872), Siegmund Strauss (1868), Diana Voss, geborene Schafheimer (1903).

Holger Senzel
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