Sonntag, 18.04.2021
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"Millionenbetrug mit der Liebe" (4b): Drei Angeklagte in Aschaffenburg verurteilt

Serie über die Masche "Romance Scamming"

Aschaffenburg
Liebesbetrug
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Imbisse und Cafés sind bei Abholern für Treffen mit Katrin Berger* beliebt. Das Café im Hintergrund diente im vorliegenden Fall nicht als Treffpunkt. Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Der Angeklagte bekreuzigt sich, seine Lippen formen ein lautloses Stoßgebet, während der Richter am Aschaffenburger Amtsgericht die Strafen für ihn und zwei weitere Männer verkündet. Er kommt aus der Untersuchungshaft frei, seine Strafe wegen Beihilfe zum Bandenbetrug wird auf Bewährung ausgesetzt.

 

Der 33 Jahre alte Chinedu I. hatte zugegeben, Kontakt zwischen Betrügern aus dem Bereich Romance-Scamming (siehe Hintergrund) und seinem Mitbewohner Douda E. hergestellt zu haben. Dieser fuhr am 14. Juli von Hamburg nach Aschaffenburg, um Geld von einer ihm unbekannten Frau in Empfang zu nehmen - und wurde dort festgenommen.

Die Polizei, von Katrin Berger* aus dem Kreis Miltenberg über die anstehende Abholung informiert, erwartete ihn bereits in einem Bistro in der Innenstadt. Der 40 Jahre alte Douda E. nannte den Namen seines Mitbewohners, kurz darauf stand die Hamburger Polizei vor Chinedu I.s Tür. Beide wanderten in Untersuchungshaft. Ihren Auftraggeber kannten sie nur bei seinem Spitznamen.

Hintermann auf freiem Fuß

Der Scammer, er nannte sich Douglas, (englisch für Betrüger), der Katrin Berger um das Geld - 50 000 Euro - gebeten hatte, ahnte nichts von der Festnahme der Geldabholer. Berger sagte ihm, der Abholer sei nicht zum Treffpunkt gekommen. Die Betrugsmasche lief weiter. Douglas bat Berger nun um insgesamt 75 000 Euro. Zwei Wochen nach der ersten Festnahme fuhr der 36 Jahre alte Sinan T. von Nordrhein-Westfalen aus zum Flugplatz in Großostheim-Ringheim (Kreis Aschaffenburg).

Ein Mann, mit dem Sinan T. einige Jahre zuvor im Gefängnis gesessen hatte, hatte ihn kontaktiert und ihn gebeten, eine Rechnung für einen Autokauf zu fälschen. Diese schickte er per WhatsApp an Berger. Als ihre angebliche Überweisung nicht ankam, wurde T. mit der Geldabholung beauftragt. Auch er lief in die Falle, die Berger und die Polizei gestellt hatten. Statt der versprochenen Beteiligung von 7 500 Euro bekam er sechs Wochen Untersuchungshaft. Immerhin gab Sinan T. den Namen seines Auftraggebers preis: Patric O. Dieser »Logistiker«, der im Auftrag der Romance-Scammer handelte, wird nun mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Zwei Prozesstage waren angesetzt. Neben Katrin Berger sollte der zuständige Sachbearbeiter der Aschaffenburger Kriminalpolizei aussagen. Doch so weit kam es nicht: Eine Verständigung zwischen Verteidigung, Staatsanwaltschaft und Gericht verkürzte den Prozessverlauf. Der »Deal«: Gegen ein Geständnis legte sich das Gericht auf eine sogenannte Strafobergrenze von zwei Jahren fest. Ein Strafmaß im »bewährungsfähigen Rahmen«, nennen Juristen das. »Hier sitzen keine Personen, die das Hauptkonstrukt ausmachen. Die Angeklagten gehören sicher nicht zum Kopf der Bande«, begründet das der Vorsitzende Richter Stefan Wehner.

Richter kennt Vorgehensweise

Für ihn ist es nicht der erste derartige Fall: Vergangenes Jahr saßen Anfang März schon einmal Geldabholer vor ihm auf der Anklagebank. Auch sie hatte Berger in die Falle gelockt. Auch sie kamen mit Bewährungsstrafen davon. Daher kennt Wehner die Vorgehensweise Bergers - und berücksichtigt sie in seiner Einschätzung: Es habe nie die Gefahr eines Betrugs bestanden, da sie das Phänomen Romance-Scamming kenne. »Die Folgen, die es für andere Opfer hat, hätte es hier nicht gegeben.« Es seien eine »Tatprovokation« und »polizeilich überwachte Geschäfte« gewesen, so der Vorsitzende Richter. Das müsse zugunsten der Angeklagten berücksichtigt werden.

Mitglieder oder Helfer?

Waren die Männer Bandenmitglieder oder austauschbare Helfer? Die Einschätzung des Staatsanwalts unterscheidet sich von der der Verteidigung: »Mein Mandant hat lediglich Kontakt zu Frau Berger aufgenommen und den Termin mit ihr vereinbart«, so Rechtsanwalt Jens Goymann. Die Festnahme Douda E.s, habe sich auf den Betrug nicht ausgewirkt: »Es lief weiter, als er in der JVA saß, er war problemlos austauschbar.« Goymanns Ausführungen, dass sein Mandant »am unteren Ende der Nahrungskette« stehe, schließen sich die beiden anderen Verteidiger an.

Auch das Gericht teilt diese Auffassung. Die Betrüger arbeiteten zwar in professionellen Strukturen, der Tatbeitrag der Angeklagten habe aber »untergeordnete Bedeutung«, so Wehner. »Die Maschinerie läuft nach der Festnahme weiter.«

Hätte Katrin Berger in diesem Prozess ausgesagt, hätte sie das wohl bestätigt: Ihr »Geliebter« Douglas hält nach wie vor den Kontakt zu ihr - immer in der Hoffnung, doch noch an das große Geld zu gelangen. Der »Logistiker« Patric O. ist bei den Betrügern offenbar in Ungnade gefallen. Das berichtete sie in mehreren Gesprächen mit unserer Redaktion.

Richterliche Einschätzung

Mit Bewährungsstrafen kommen trotz der richterlichen Einschätzung, dass sie lediglich Helfer seien, nur Chinedu I. (ein Jahr, vier Monate) und Sinan T. (ein Jahr, sechs Monate) davon. Douda E. war auf Bewährung, als er sich in den Zug setzte und nach Aschaffenburg fuhr - wohl wissend, dass er eine Straftat begeht, ist Wehner überzeugt. Er muss zusätzlich zu seiner Alt-Strafe ein Jahr und vier Monate wegen Beihilfe zum Bandenbetrug absitzen. Dennoch: »Die, die es verdient hätten, werden hier nicht sitzen. Es sind - mit Verlaub - die Doofen«, fasst der Vorsitzende Richter die Erfahrung des Gerichts zusammen.

 

*Name von der Redaktion geändert

Hintergrund: Romance-Scamming

Sogenannte Romance-Scammer (zu Deutsch so viel wie »Liebesbetrüger«) nehmen in Sozialen Netzwerken oder auf Online-Partnerbörsen Kontakt zu Frauen auf. Sie gaukeln ihnen die große Liebe vor und wecken den Wunsch nach einem gemeinsamen Leben.

Angebliche finanzielle Schwierigkeiten stehen diesem immer wieder im Weg. Die Frauen werden um Hilfe, also Geld, gebeten. Das Ziel der Masche ist nicht etwa die glückliche Zukunft, sondern sich von den Frauen möglichst viel Geld zu »leihen«. Zur Rückzahlung kommt es nie. ()

bMehr zur Masche:

www.main-echo.de/liebesbetrug

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