»Wir wollen Denkanstöße geben«

Melissa Silva: Würzburger Studentin entwickelt mit Kommilitonin Planspiel zur Lebenssituation von Flüchtlingen

Würzburg
3 Min.

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Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze
ARCHIV - Flüchtlinge gehen am 27.10.2015 in Wegscheid (Bayern) hinter einem Fahrzeug der Bundespolizei. Die Asylsuchenden wurden an diesem Tag von der Polizei zu einer Notunterkunft geführt. (zu dpa "Kreise: Obergrenze soll bei höchstens 200 000 liegen" vom 08.10.2017) Foto: Armin Weigel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Foto: Armin Weigel (dpa)
Die Würzburger Studentinnen Melissa Silva (links) und Louisa Artmann haben das Planspiel »Auf der Flucht« entwickelt. Foto: Melissa Silva & Louisa Artmann GbR
Foto: Melissa Silva & Louisa Artmann GbR
Men­schen flüch­ten aus Kriegs­län­dern, ha­ben Ge­walt er­lebt, las­sen ih­re Fa­mi­lie zu­rück - vi­el­leicht für im­mer. Auf der Flucht sind sie Sch­lep­pern aus­ge­lie­fert. In Deut­sch­land dro­hen Un­ge­wiss­heit und end­lo­ses War­ten. Doch wie fühlt es sich am ei­ge­nen Leib an, als Ge­flüch­te­ter die Hei­mat zu ver­las­sen?
Die beiden Studentinnen Louisa Artmann und Melissa Silva haben nach Antworten gesucht - und das Planspiel »Auf der Flucht« entwickelt.
In die Rolle eines Geflüchteten schlüpfen können Interessierte am kommenden Sonntag, 15. Oktober, in Würzburg. Luisa Artmann studiert Jura, Melissa Silva Bildungswissenschaften im Master sowie im Bachelor-Nebenfach öffentliches Recht.
Wie sind Sie auf die Idee zum Planspiel gekommen?
Louisa und ich arbeiten seit mehreren Jahren bei Amnesty International. Hier beraten wir ehrenamtlich Menschen im laufenden Asylverfahren. Wir hören viele Fluchtgeschichten, erfahren viel über Fluchthintergründe. Zudem arbeite ich als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaften an der Würzburger Universität. Im Rahmen der universitären Zusatzqualifikation »Globale Systeme interkulturelle Kompetenzen« sollte es ein Seminar zum Thema Migration und Flucht geben. Ich sollte einen kurzen Vortrag über Asylrecht halten. Dabei kam die Idee auf, etwas Interaktives zu gestalten, und ich holte Luisa mit ins Boot.

Im Planspiel schlüpfen die Teilnehmer dann in die Rolle geflüchteter Menschen?
Genau. Dafür schrieben wir Fluchtgeschichten, diese erhalten die Teilnehmer schriftlich und starten damit nach einer kurzen Einleitung. Die Personen haben Alter, Geschlecht, familiären Hintergrund. Sie kommen aus Syrien und Afghanistan und flüchten in unserem Planspiel über die Balkanroute. Die Geschichten sind fiktiv, aber letztendlich haben wir jene Dinge verdichtet, die wir erzählt bekamen. Uns war wichtig, dass wir nicht dramatisieren. Aber meine Erfahrung aus der Arbeit bei Amnesty International ist auch: Es gibt keine Geschichte, die nicht dramatisch ist.

Welche Dinge belasten Menschen auf der Flucht am meisten?
Das sind verschiedene, deshalb besteht das Planspiel auch aus verschiedenen Stationen. Da sind zunächst einmal die Fluchthintergründe, vielleicht haben die Menschen Familienmitglieder verloren im Krieg. Auch auf der Flucht selbst machen sie schlimme Erfahrungen, erleben Gewalt, sind Schleppern ausgeliefert.
Und in Deutschland belastet zum Beispiel, in ein Verfahren hineingeworfen zu werden, das man nicht versteht. Und dann folgt endloses Warten. Man erhält Schreiben über Schreiben, wartet - und hat gleichzeitig Bedürfnisse, zum Beispiel die Sprache zu lernen oder die Familie nachzuholen, kann es aber nicht.

Wie läuft das Planspiel konkret ?
Die Teilnehmer lesen ihre Rollen, schlüpfen in diese hinein und machen sich symbolisch auf den Weg. Luisa und ich sind für die nächsten rund zwei Stunden nur noch Zuschauer, weil wir die Ereignisse nicht durch unser Eingreifen beeinflussen wollen. Nun begegnen die Teilnehmer auf der Flucht Schleppern, werden in Deutschland mit dem Asylverfahren konfrontiert. Das Planspiel endet mit der ersten Entscheidung des Bundesamts für Migration.
Im Anschluss folgt eine differenzierte juristische Aufarbeitung, in der wir über die Hintergründe des Asylverfahrens sprechen: Grenzübertritt, Unterbringung in der Erstaufnahmeeinrichtung, Unterbringung in der Gemeinschaftsunterkunft, Dublinverfahren, Erstanhörung und die Bedeutung, die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten und ihre Rechtsfolgen, Klagemöglichkeiten. Auch arbeiten wir das Erlebte emotional auf.

Was wollen Sie durch das Planspiel erreichen?
Ganz wichtig: Das Planspiel ist keine Schulung für Ehrenamtliche, um anschließend selbst Menschen im Asylverfahren zu beraten. Dafür sind die Konsequenzen viel zu weitreichend. Wir wollen, ganz im Gegenteil, dafür sensibilisieren, sich in relevanten Situationen an Experten zu wenden, aber weiter emotional unterstützend da zu sein. Auch kann man nach dem Planspiel natürlich nicht sagen: »So jetzt weiß ich, wie sich Flucht anfühlt.« Aber wir wollen Denkanstöße geben.

Anfangs war das Planspiel für die Uni konzipiert, inzwischen gehen Sie an die Öffentlichkeit. Warum?
Das Planspiel hat an der Uni im Frühsommer 2016 super funktioniert und wir haben tolle Rückmeldung bekommen. Deshalb sagten wir: Es wäre schön, diese Erfahrung mehr Menschen zu ermöglichen. Wir gründeten eine GbR und bewarben uns um eine Förderung bei »Demokratie leben«: Seit über einem Jahr führen wir das Planspiel nun zum Beispiel auch an Schulen durch. Und Mitte Oktober bieten wir es zum inzwischen vierten Mal öffentlich an.
Michaela Schneider
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