Wenn Leihgroßeltern zur eigenen Familie werden

Soziales: Projekte in unserer Region machen unterschiedliche Erfahrungen - Die Ehrenamtlichen unterstützen im Alltag

Aschaffenburg
4 Min.

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Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Aschaffenburg vermittelt Leihopas und Leihomas Helga und Manfred Plaumann und Koordinatorin Tina Schenk Fotograf: Björn Friedrich Bildunterschrift 2019-10-12 --> Leihgroßeltern Helga und Manfred Plaumann mit Tina Schenk (rechts) vom Sozialdienst katholischer Frauen in Aschaffenburg. Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
ARCHIV - ILLUSTRATION - 12.02.2014, Niedersachsen, Hannover: Eine Großmutter spielt mit dem Enkelkind in einem Mehr-Generationen-Haus in Langenhagen. Kinder sind bei der Betreuung durch Verwandte nicht automatisch über deren gesetzliche Unfallkasse versichert. (zu dpa "Kein gesetzlicher Versicherungsschutz bei Betreuung von Großmutter" vom 19.06.2018) Foto: Holger Hollemann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Bildunterschrift 2019-10-12 --> Eine verantwortungsvolle Tätigkeit ist die als Leihoma oder Leihopa. Sie erfordert Flexibilität, Belastbarkeit und erzieherische Erfahrung. Foto: Holger Hollemann (dpa)
Foto: Holger Hollemann
Gro­ßel­tern zum Aus­lei­hen? Omas und Opas für Men­schen, die kei­ne oder kei­nen mehr ha­ben? Gibt es - auch hier in der Re­gi­on. Vier Wo­chen war die klei­ne Ma­rie-Lou aus Aschaf­fen­burg alt, als sie Hel­ga und Man­f­red Plau­mann aus Mai­na­schaff (Kreis Aschaf­fen­burg) ken­nen­lern­ten.

»Die Eltern haben uns das Kind in den Arm gelegt. Das war Liebe auf den ersten Blick«, schwärmt Helga Plaumann, selbst zweifache Großmutter. Seit zweieinhalb Jahren betreut sie das Mädchen regelmäßig tageweise zusammen mit ihrem Mann. Um die Eltern zu entlasten im Alltag. »Sie können in der Zeit mal Behördengänge erledigen, Arzttermine wahrnehmen, Freunde treffen«, sagt Manfred Plaumann.

13 Familienpaten

Plaumanns sind Leihgroßeltern und springen ein, weil eigene Großeltern weit weg wohnen oder sich nicht kümmern können oder weil es sie vielleicht nicht gibt. Familienpaten nennt sich das Projekt vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), das es seit 2014 gibt. Der Bedarf steige in Zeiten wegbrechender sozialer Strukturen laufend, so Koordinatorin Tina Schenk vom SkF. Sie organisiert die Familienpaten im Auftrag der Stadt Aschaffenburg. »Es melden sich mehr Familien, als ich überhaupt Paten vermitteln kann«, sagt die Sozialarbeiterin.

Auch deswegen sucht sie immer dringend nach geeigneten Paten. Diese werden geschult, so Schenk. Zum Beispiel in Kommunikation und Umgang mit Konflikten oder Versicherungsfragen. Ein erweitertes amtliches Führungszeugnis sei Grundvoraussetzung. Es müsse letztlich zusammenpassen zwischen Familie und Paten. »Das Kennenlernen wird über mehrere Wochen angebahnt und begleitet«, erklärt Schenk. Erst dann werde eine Vereinbarung getroffen, in der man Wünsche festlegen könne - von Familienseite und von Patenseite her. Inzwischen gibt es 13 Familienpaten. »Zuverlässigkeit ist wichtig. Die Familien müssen sich darauf verlassen können«, so Schenk. Insofern sei es schon ein besonderes Ehrenamt.

Für Plaumanns, die ursprünglich aus dem Berliner Raum stammen, wegen ihrer Berufe in die Region gekommen und längst im Ruhestand sind, sind Marie-Lous Eltern schon so etwas wie ihre eigene Familie geworden. »Wir haben eine starke Bindung entwickelt«, bestätigt Helga Plaumann. Die Vertrautheit ist gewachsen. Da ihre Kinder und Enkel in der Schweiz leben, sehen sie sie nicht so oft, wie sie es sich wünschen. »Sie sind wie wir von woanders hierher gekommen und hatten hier niemanden. Wir räumen der Familie freie Zeit ein für Dinge, die sie mit einem kleinen Kind nicht machen können«, erklärt Manfred Plaumann. Das sei eine riesige Verantwortung. Deshalb sei es ihnen beiden wichtig gewesen, auch vernünftig abgesichert zu sein bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Als Paten sind sie als Ehrenamtliche über eine Unfall- und Haftpflichtversicherung im Rahmen des Projektes versichert.

Was den Ausschlag bei Helga Plaumann gab, Leihoma zu werden? »Das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden und nette Menschen kennenzulernen«, sagt sie lächelnd. »Wir wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben«, ergänzt ihr Mann. Auch wenn beide wie Großeltern für das fremde Mädchen sind: Alt fühlen sie sich noch lange nicht. »Dafür sind wir glücklicherweise zu fit.«

Etwas Sinnvolles machen

Etwas Sinnvolles mit seiner freien Zeit in der Rente anfangen: Das wollte auch Wendelin Bopp aus Werbach-Wenkheim (Main-Tauber-Kreis). Auch er ist Familienpate - und das aus voller Überzeugung. 2015 ging der Angestellte einer Firma in der Region in Rente. Er ist selbst dreifacher Opa - was ihn nicht davon abhält, sich als Ehrenamtlicher für den Caritasverband Tauberkreis zu engagieren. Seit 2015 gibt es dort Familienpaten. Einen Jungen betreuen er und seine Frau aktuell. Einmal in der Woche holt er ihn von der Schule ab. »Abends holt ihn dann seine Mutter oder wir bringen ihn heim«, erzählt Bopp. Der Bub sei ein Natur- und Gartenfan und freue sich, mit im Garten der Familie zu sein. »Im Sommer waren wir mit ihm auch im Schwimmbad«, so Bopp. Die Mutter des Jungen sei alleinerziehend und froh, mal ein bisschen Freiraum haben zu können.

Dass es alles andere als einfach ist, um solche Projekte überhaupt zum Laufen zu bringen, weiß man beispielsweise in Niedernberg (Kreis Miltenberg). Dort hatte schon 2017 Gemeindepädagoge Timo Wöll den Versuch gestartet, eine Leihgroßelternvermittlung aufzubauen. »Es fehlte am Zuspruch. Bis auf vier interessierte Familien und einige Anfragen aus umliegenden Gemeinden kam es kaum zu Vermittlungsgesprächen. Fast keine Senioren oder jüngere Interessierte haben sich über das Projekt informieren wollen«, sagt Wöll. Im Sommer 2018 hatten dann die beiden Niedernbergerinnen Katja Schlichting und Marina Fellinger noch einmal versucht, ein ähnliches Projekt aufzubauen. Es wurde ebenfalls inzwischen eingestellt.

Auch in Karlstadt (Kreis Main-Spessart) zeigt sich ein ähnliches Problem: Das 2015 gestartete Projekt »Leihoma-Leihopa« sei nicht angenommen worden, teilt Christl Keller vom Ehrenamtsbüro der Stadt mit.

Für ein gutes Miteinander

Vergleichbare Erfahrungen hat in Mömlingen (Kreis Miltenberg) Seniorenbeauftragter Horst Semler gemacht. Warum er das Vorhaben angefangen hatte? Ein Aspekt sei gewesen, jungen und neu zugezogenen Familien eine Basis im Ort für ein gutes Miteinander zu bieten. Daraufhin aktivierte Semler zwar Leihgroßeltern, aber niemand forderte diese an. »Wir haben das dann nicht weiterverfolgt«, sagt er.

Der wirtschaftliche Faktor bei Leihgroßeltern ist nicht unerheblich. Der Einsatz einer Leihoma oder eines Leihopas bemisst sich laut SkF auf 40 Einsätze pro Jahr für zwei bis vier Stunden. Hinzu komme die Zeit für Schulungen und Austauschgespräche. So leistet ein Ehrenamtlicher gut rund 100 bis 200 Stunden pro Jahr an unbezahltem Engagement.

bEinen Info-Kaffee für Interessierte am Projekt Familienpaten gibt es am Donnerstag, 24. Oktober, von 14 bis 16 Uhr im SkF, Erbsengasse 9 in Aschaffenburg.

Hintergrund

Eine verantwortungsvolle Tätigkeit ist die als Leihoma oder Leihopa. Sie erfordert Flexibilität, Belastbarkeit und erzieherische Erfahrung. Foto:

Hintergrund: Leihgroßeltern wissenschaftlich untersucht

Die beiden Soziologinnen Birgit Blättel-Mink und Alexandra Rau von der Goethe-Universität Frankfurt haben Leihgroßeltern im Jahr 2016 wissenschaftlich untersucht. Laut ihren Ergebnissen waren insgesamt 1514 Personen in Hessen als Leihgroßeltern tätig, darunter 85 Männer.

Der Großteil aller Leihgroßeltern in Hessen entfiel auf die öffentlich geförderte Leihgroßelternschaft, finanziert von Kommunen, Kreisen oder vom Bundesland. 36 Prozent waren zwischen 50 und 54 Jahre alt, 28 Prozent zwischen 55 und 59 Jahre und über 35 Prozent 60 Jahre und älter. ()

Hintergrund

Leihgroßeltern Helga und Manfred Plaumann mit Tina Schenk (rechts) vom Sozialdienst katholischer Frauen in Aschaffenburg. Foto:

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