Nicole Kultau aus Aschaffenburg erkrankte mit 40 Jahren an Brustkrebs - Heute hilft sie Erkrankten

Wenn die Diagnose ein Leben verändert

Aschaffenburg
5 Min.

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Aschaffenburg, Park Schönbusch Mini-Serie Brustkrebsmonat Oktober: Nicole Kultau aus Aschaffenburg hat Brustkrebs überlebt und hilft heute vielfältig betroffenen Frauen, die selbst unter Brustkrebs und der Therapie leiden. Begleitet hat sie ihr Sohn Justin. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith
Aschaffenburg, Park Schönbusch Mini-Serie Brustkrebsmonat Oktober: Nicole Kultau aus Aschaffenburg hat Brustkrebs überlebt und hilft heute vielfältig betroffenen Frauen, die selbst unter Brustkrebs und der Therapie leiden. Foto: Petra Reith
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Ni­co­le Kul­tau aus Aschaf­fen­burg er­krank­te mit 40 Jah­ren an ge­ne­tisch be­ding­tem Brust­k­rebs - und nahm das Schick­sal da­mals an. Heu­te hilft die al­lein­ste­hen­de Mut­ter ei­nes be­hin­der­ten Soh­nes an­de­ren Be­trof­fe­nen.

Dieses Jahr hat Nicole Kultau aus Aschaffenburg ihr zweites Leben schon zum elften Mal feiern können. Im Mai 2010 hatte die heute 52-Jährige nach langem, bangem Warten und Zittern die Diagnose Brustkrebs erhalten. »In dem Moment ist mein Leben erst einmal in sich zusammengefallen. Was kommt auf mich zu? Wie kann ich das meistern?«, erinnert sich Kultau beim Gespräch im Schönbusch. In dem Park treffen wir sie zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn Justin, der mehrfach schwer behindert ist. Die beiden leben zusammen und sind ein echtes Team. Ein einmaliges Team aus Mutter und Sohn, das auch oft in Sachen Brustkrebs unterwegs ist, andere Betroffene trifft und unterstützt.

Als Nicole Kultau, die im Netz als Prinzessin uffm Bersch anderen Brustkrebs-Patientinnen hilft, ihre niederschmetternde Diagnose bekam, war Justin 13 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor war er umfassend an beiden Beinen operiert worden. Hinter den beiden lag schon eine schwere Zeit mit monatelangen Krankenhausaufenthalten - die Nicole als Mutter an seiner Seite durchstand.

»Eine Krebsdiagnose ist ein absoluter Einschlag. Eine einschneidende Geschichte«, erzählt sie. Kultau hat sich als alleinerziehende Mutter ihres behinderten Kindes damals früh Hilfe und Unterstützung organisiert. »Aber das gelang mir nur, weil ich offen mit meiner Krankheit umgegangen bin. Und weil ich mich informiert habe«, sagt sie weiter. Sie kennt Frauen, die diese Diagnose noch nicht mal ihrer engsten Familie erzählt haben. Aus Scham, aus Angst, aus dem Gefühl heraus, niemanden damit weiter belasten zu wollen.

Durch eine Krebsdiagnose und eine Behandlung zu müssen: Ob man das wolle, danach frage niemand. »Du hast keine Wahl. Du musst da durch. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich für Justin weiter da sein will«, sagt Nicole und streicht sich die Haare aus dem Gesicht, die der Wind ein wenig verweht hat. Neben ihr tastet sich der 24-Jährige über die Wege im Park. Er lächelt, wenn er »Mama schön« sagt und nach ihrer Hand greift. »Wenn wir erst mal vor eine Aufgabe gestellt sind, können wir viel mehr tragen, als wir uns jemals vorstellen konnten«, sagt die 52-Jährige.

Sie hat es bis heute auch deswegen geschafft, weil sie sich nicht aufgegeben hat. Weil sie ihr Leben nicht aufgegeben hat. Ein Lernprozess, der Jahre gedauert hat, wie sie zugibt. Als aktive, mündige Patientin komme man wesentlich besser durch die Therapie als jemand, der schon im Vorfeld resigniere und meine, dass das alles keinen Sinn habe. Dazu gehört nach Kultaus Ansicht, sich zu informieren über seine Krankheit, sich Wissen über die genaue Diagnose anzueignen und die Aussichten, die einen erwarten. Fragen stellen, um Antworten zu bekommen - notfalls auch mehrere Male, wenn man etwas nicht gleich verstanden hat. Keine Scheu haben, Dinge anzusprechen. »Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt keine Fragen, die man nicht stellen darf«, sagt Kultau. Sie will damit anderen Patientinnen Mut machen. Die Ärzte stellten sich in den letzten Jahren zunehmend darauf ein, dass es immer mehr Patientinnen gibt, die genau wissen wollten, was mit ihnen los ist und was auf sie zukommt. »Wir haben kein Problem, viel Zeit in die Auswahl eines neuen Autos oder einer neuen Wohnungseinrichtung zu investieren. Aber wenn es um die eigene Gesundheit geht, dann scheuen sich viele davor, sich dafür Zeit zu nehmen«, meint die Aschaffenburgerin.

Wenn Kultau nicht so viel gewusst und gefragt hätte, würde sie, davon ist sie überzeugt, heute nicht mehr leben. »Wenn ich nicht so kritisch gewesen wäre und darauf beharrt hätte, dass sie mich auf genetischen Brustkrebs testen, wäre ich falsch behandelt worden und mit Sicherheit auch früher gestorben«, erzählt sie. Weil ihr Hinweise auf ihre Verwandtschaft und Familiengeschichte fehlten, wurde das von den Medizinern nicht in Betracht gezogen. Seit 2012 - zwei Jahre nach der Erstdiagnose - weiß Kultau, dass sie BRCA2, eine Form des genetischen Brustkrebs, hat. »Ab dem Zeitpunkt war klar, dass ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme«, sagt sie. Sie hat sich vorsorglich beide Eierstöcke entfernen lassen, weil bei genetisch bedingtem Brustkrebs das Risiko auch an Eierstockkrebs zu erkranken steigt. Im Moment gilt sie als gesund. Aber sie weiß , dass es jederzeit anders werden kann.

Seit der Krebsdiagnose und der Therapie begleitet sie eine Chronic Fatigue. Dieses Symptom ereilt viele Patientinnen nach einer Krebsdiagnose. Nicole Kultau stellte fest, dass sie sehr müde war - obwohl sie genügend schlief. Der Arzt hatte das zuerst als Ermüdung durch Stress beurteilt - ausgelöst durch die Betreuung eines mehrfach schwer behinderten Kindes. Auch Kultau hat gelernt, mit der Begleiterscheinung umzugehen, sich Inseln im Alltag zu schaffen, Rituale zu absolvieren. »Ich habe gelernt, auf mich zu achten. Ich habe gelernt, Kraftanker in mir zu motivieren, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe«, meint sie.

Das Leben, sagt Nicole Kultau, wird nach der Behandlung anders sein als zuvor. Die Behandlung an sich kostet Kraft und Mut. Und das Umfeld verändert sich dadurch. Man verliert den Kontakt zu seinen Arbeitskollegen, weil man unter Umständen monatelang krank geschrieben ist. Man verliert Bekannte, Freunde, selbst Familienmitglieder wenden sich ab, weil sie mit der Situation nicht umgehen können. »Ich kenne Frauen mit ganz kleinen Kindern, die diese Diagnose bekommen und das dennoch mit so viel Mut und Würde annehmen«, meint sie. Vielen Frauen mit genetisch bedingtem Brustkrebs werde auch vorschnell die Rente angetragen, obwohl sie gerne weiterarbeiten wollen. Nur gibt es kein rechtes Modell dafür, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer in dieser speziellen Situation unterstützen könnte.

Kultau bloggt, ist in sozialen Medien wie Facebook und Instagram aktiv. Als Patientenvertreterin unterstützt sie Betroffene direkt. »Jede Frau, die ein Problem mit Brustkrebs hat, darf sich an mich wenden. Ich schreibe mit ihr oder ihren Angehörigen, höre zu, kann ihr raten«, beschreibt sie. Man könne sich so gegenseitig helfen und bestärken, auch an Dinge erinnern, an die der Arzt nicht denkt. »Wenn man Probleme durch die Erkrankung still in sich hineinfrisst, dann bleiben es Probleme. Wer sie artikuliert, der kann vielleicht zusammen mit anderen auf Lösungen kommen. Dann werden die Ängste einfach kleiner«, sagt Kultau. Sie würde gerne noch mehr machen, hat aber noch einen Job und natürlich Justin, um den sie sich kümmern will.

Ihr Traum ist es, eine Boutique für Brustkrebspatientinnen in der Region zu eröffnen. Eine Wohlfühloase mit einem Café, in dem es Vorträge und Diskussionsrunden geben könnte. »Da sehe ich einen Sinn«, meint sie.

Was es mit dem Pinktober und der rosa Schleife auf sich hat

Der Brustkrebsmonat Oktober gibt jährlich internationalen Anlass, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Brustkrebs in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Der Brustkrebsmonat geht zurück auf eine Initiative der American Cancer Society aus dem Jahr 1985 und findet seither wachsende Beachtung in Industrieländern. Die Rosa Schleife ist ein internationales Symbol, durch das Solidarität mit Frauen zum Ausdruck gebracht werden kann, die an Brustkrebs erkrankt sind oder ein besonders großes Risiko für eine Brustkrebserkrankung haben. Zugleich soll die Rosa Schleife den öffentlichen Diskurs über Brustkrebs und die wissenschaftliche Erforschung von Brustkrebs fördern. Das Symbol wurde erstmals 1991 von der US-amerikanischen Stiftung Susan G. Komen genutzt, als jeder Teilnehmer am Race for the Cure - einem Brustkrebs-Solidaritätslauf in New York City - eine rosa Schleife erhielt.Aktion Pink Deutschland mit Sitz in Frankfurt wurde 1999 gegründet. Der gemeinnützige Verein finanziert modellhafte Projekte zur Heilung von Brustkrebs und betreibt Aufklärungskampagnen. Jedes Jahr gibt es den Race for Survival. Dieses Jahr findet er digital statt; Internet www.aktionpink.deNicole Kultau engagiert sich auf ihrer Homepage für andere Patientinnen und setzt sich auch als Patientenvertreterin für diese ein. Sie bloggt, ist aber auch über Facebook und Instagram ansprechbar für Betroffene und ist auch regelmäßig auf Tagungen und Kongressen unterwegs; Internet www.prinzessin-uffm-bersch.de (bk)

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