Warum die Sterndeuter würziges Harz brachten

Heilmittel: Würzburger Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat Myrrhe zur Arzneipflanze des Jahres 2021 gewählt

WÜRZBURG
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»(Sie) fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe«, heißt es im Matthäusevangelium, als der Stern von Bethlehem die Weisen aus dem Morgenland zu Jesus führt. Myrrhe, jene wertvolle Gabe, wurde zudem bei Jesu Begräbnis als heiliges Salböl verwendet und ihm bei seiner Kreuzigung, vermischt mit Wein, als Betäubungstrank angeboten. Doch warum brachten die Sterndeuter Gold, Weihrauch und Myrrhe zur Geburt des Herrn mit? Alle drei Gaben waren nicht nur extrem wertvoll, sondern galten zudem als wichtige Heilmittel. Der in Würzburg ansässige Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat den Myrrhenbaum vor wenigen Wochen zur Arzneipflanze des Jahres 2021 gewählt. Gekürt wird seit 1999, um an die lange und gut dokumentierte Geschichte von Pflanzen in der europäischen Medizin zu erinnern.

Das balsamisch-süß und würzig-warm riechende Harz des Myrrhenbaums ist getrocknet sehr stabil und wurde schon im Altertum als wertvolles Gut über lange Handelswege transportiert. Der echte Myrrhenbaum (Commiphora myrrha) stammt von einem dornigen, laubabwerfenden Baum aus der Familie der Balsambaumgewächse, der in der Regel nicht höher als vier Meter wächst. Zu unterscheiden ist der echte Myrrhenbaum von anderen Commiphora-Arten, die teilweise ebenfalls medizinisch genutzt wurden und werden. Er ist in den Trockengebieten des nordöstlichen Kenias, in Dschibuti, Somalia, im östlichen Äthiopien sowie auf der arabischen Halbinsel im Oman und Jemen zu finden.

Neue Forschungsansätze

Wichtig sei der Jury bei der Auswahl, dass eine große Geschichte hinter der jeweiligen Arzneipflanze stehe, es gleichzeitig aber neue Forschungsansätze und wissenschaftliche Erkenntnisse gebe, sagt Tobias Niedenthal, Koordinator der Forschergruppe Klostermedizin wie auch des genannten Studienkreises. Seit dem unerwarteten Tod von Dr. Johannes Gottfried Mayer im März 2019, Begründer wie von Beginn an Kopf beider Organisationen, führt sein langjähriger Assistent Niedenthal mit mehreren neuen Partnern die Arbeit und das Andenken an den renommierten Klostermedizin-Experten fort. Mayer hatte sich 2015 selbst ausführlich mit »Neuen Beobachtungen zur Tradition eines wahrhaft biblischen Arzneimittels« im gleichnamigen Aufsatz über die Myrrhe in der Zeitschrift für Phytotherapie beschäftigt. Die Auslobung der Arzneipflanze des Jahres 2021 erfolgte zum 19. November, dem Geburtstag des verstorbenen Medizinhistorikers.

Tatsächlich ist das Wissen um die Heilkräfte des aromatischen Gummiharzes uralt. Seine rituelle und medizinische Nutzung werde, hieß es in der Auslobung, bereits in den ältesten erhaltenen Aufzeichnungen der Menschheit erwähnt. Auch im alten Testament findet sich ein Salbenrezept mit Myrrhe - im Buch Exodus 30,23-25 sagt Gott zu Moses: »Nimm zu dir die beste Spezerei: die edelste Myrrhe, fünfhundert Lot, und Zimt, die Hälfte so viel, zweihundertfünfzig, und Kalmus, auch zweihundertfünfzig, und Kassia, fünfhundert, nach dem Lot des Heiligtums, und Öl vom Ölbaum ein Hin. Und mache ein heiliges Salböl nach der Kunst des Salbenbereiters.«

Im alten Ägypten nutzte man Myrrhe schon vor 3000 Jahren zur Einbalsamierung - und in altägyptischen Texten wie auch später bei den Autoren der griechisch-römischen Antike fanden Wissenschaftler Rezepturen zur Behandlung verschiedener Krankheiten. Wie der griechische Arzt Dioskurides (um 60 nach Christus) in seiner »Materia Medica« festhielt, soll Myrrhe unter anderem gegen Husten, Seiten- und Brustschmerzen, gegen starken Durchfall sowie Nierenleiden wirken. Eingesetzt wurde das aromatische Harz zudem gegen Heiserkeit, Mundgeruch, Darmwürmer, Entzündungen sowie Schwund des Zahnfleisches und in der Wundbehandlung. Seit der Antike wird Myrrhe zudem als Parfüm und Aphrodisiakum genutzt.

Allgemeines Stärkungsmittel

Bereits im Mittelalter entwickelten sich Beschwerden des Verdauungstraktes zu einem Hauptanwendungsgebiet der Myrrhe - ob im Werk des spätestens seit dem Film »Der Medicus« auch heute wieder bekannten persischen Arztes Ibn Sina (circa 980/1037) oder im 12. Jahrhundert in der Schule von Salerno. In ihren Handschriften beschäftigte sich die berühmte mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen gleich in zwei Kapiteln mit der Myrrhe, sie beschreibt die Anwendung der Rinde bei Gelbsucht und Lähmungen, die äußerliche Anwendung des Harzes bei Magenbeschwerden sowie innerlich bei Fieber. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Myrrhe auch als allgemeines Stärkungsmittel für Magen, Herz und Nerven empfohlen.

Was aber ist tatsächlich dran an der Heilwirkung der Myrrhe? »Heute werden in Europa Zubereitungen aus Myrrhe wegen ihrer adstringierenden, entzündungshemmenden und antimikrobiellen Eigenschaften vor allem bei Entzündungen der Haut sowie der Schleimhäute im Mund- und Rachenbereich, aber auch des Darmes eingesetzt«, schreibt Niedenthal in der Jurybegründung. Im Gespräch ergänzt er: Im Mai 2018 wurde die Myrrhe offiziell und erstmals in die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung »Colitis ulcerosa« aufgenommen. Wörtlich heißt es in der Empfehlung 6.2.10.: »Eine Kombination aus Myrrhe, Kamillenblütenextrakt und Kaffeekohle kann komplementär in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt werden.« Es gebe Hinweise darauf, dass die Therapie »der Standardtherapie mit Mesalazin in der remissionserhaltenden Therapie nicht unterlegen und sehr gut verträglich« sei.

Gesunde Darmflora

Klinische Studien gingen voraus und bestätigten die entkrampfende und anti-entzündliche Wirkung der Myrrhe allein sowie in Kombination mit Kamille und Kaffeekohle. Entsprechend geforscht wurde unter anderem an der Charité in Berlin. »Untersuchungen konnten zeigen, dass die Arzneipflanzen die Darmbarriere stärken und eine gesunde Darmflora unterstützen«, schreibt der dortige Studienleiter Rainer Stange. In einer von ihm geleiteten Beobachtungsstudie mit mehr als 1000 Patienten in 131 deutschen Arztpraxen stellte sich laut Pressemeldung parallel zur Einnahme eines pflanzlichen Arzneimittels aus Myrrhe, Kaffeekohle und Kamille nach Arzt- und Patientenurteil eine Besserung der Durchfallsymptomatik und des Gesamtbeschwerdebilds bei Reizdarm, chronischen Darmerkrankungen und akuten Durchfällen ein.

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