Voller Hass ins Essen gespuckt

Gesellschaft: Dirk Geldermann berät Männer mit Gewalterfahrungen aus Unterfranken - »Wichtig ist es, klar die eigenen Bedürfnisse zu benennen«

WÜRZBURG
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Dirk Geldermann berät zweimal im Monat im Würzburger Matthias-Ehrenfried-Haus Männer aus Unterfranken, die häusliche Gewalt erleben. Foto: Pat Christ
Foto: Pat Christ

In ziemlich desperater Stimmung kam Tobias (Name geändert) aus Würzburg vor wenigen Monaten zu Männergewaltberater Dirk Geldermann vom Nürnberger Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA). Zehn Jahre lebte Tobias zu diesem Zeitpunkt bereits in einer schwulen Partnerschaft. Lange funktionierte die super. Der 35-jährige und sein Mann waren viel unterwegs. Dann kam Corona. Man hockte dauernd aufeinander. Es kriselte. Dann krachte es. »Schließlich kam es zu Gewalt«, schildert Dirk Geldermann.

Seit vielen Jahren halten die Caritas und die Diakonie, die Arbeiterwohlfahrt, der SKF, freie Träger und Kommunen Angebote für von Gewalt betroffene Frauen vor. Für Männer gibt es noch kaum Anlaufstellen. Im November 2019 begann Philipp Schmuck beim ISKA, ein Beratungsangebot für männliche Opfer häuslicher Gewalt aus Nordbayern aufzubauen. Im Februar stieg Dirk Geldermann in die Arbeit ein. Der 38-Jährige berät speziell Männer aus Unterfranken. Das tut er live nach Terminvereinbarung an jedem ersten und dritten Donnerstag im Würzburger Matthias-Ehrenfried-Haus. Hetero-, homo- und intersexuelle Männer jeden Alters können zu ihm kommen.

Nicht zu entschuldigen

Gewalt ist nicht zu entschuldigen, betont der Berater. Egal, was der Auslöser war. Natürlich ist man in einer Partnerschaft nicht immer perfekt. Ist man nicht jeden Tag gut drauf. Manchmal enttäuscht man den anderen. Egal - nie darf hierauf mit Beleidigungen, verbalen Attacken, Schlägen oder Psychoterror reagiert werden. Doch das geschieht. Und nicht selten sind Männer betroffen. Dirk Geldermann kennt inzwischen Dutzende Geschichten häuslicher Gewalt gegen Partner und Ehegatten. Da wird geschlagen. Mit Suizid gedroht: »Oder die Frau geht am Tisch vorbei und spuckt dem Mann ins Essen.« Voller Verachtung. Voller Abscheu und Hass.

Häufig müssen sich betroffene Männer zunächst von Vorurteilen befreien, bevor sie Hilfe annehmen können. Nicht alleine mit einem Problem fertig zu werden, gilt als Zeichen von Schwäche. Umgekehrt werden Männer deutlich seltener als Frauen darauf angesprochen, ob sie womöglich Gewalt in ihrer Beziehung erleben. Bei Frauen ist dies laut Dirk Geldermann deshalb anders, weil man sich hier seit über 20 Jahren intensiv mit dem Problem »Häusliche Gewalt« befasst: »Darum ist man auch geschult, genau hinzuschauen.« Dieser scharfe Blick fehlt noch in Bezug auf Männer mit Gewalterfahrung in der Partnerschaft oder Ehe.

Wie häufig es im Freistaat zu häuslicher Gewalt gegen Männer kommt, davon erzählt die Polizeistatistik. 2020 wurden bei der Bayerischen Polizei insgesamt 20 134 Fälle im Phänomenbereich »Häusliche Gewalt« erfasst. Dabei ging es zum großen Teil um vorsätzliche Körperverletzung. Knapp 16 000 Opfer waren weiblich, nahezu 4200 männlich. 2019 starben nach Auskunft des Innenministeriums zwölf Menschen in Bayern durch Partnerschaftsgewalt. Drei waren männlich. Ein Mann wurde ermordet. Ein anderer totgeschlagen. Ein anderer so schwer verletzt, dass er an den Folgen starb. Laut Dirk Geldermann betrifft tödliche Partnergewalt jedes Jahr zu rund 20 Prozent Männer.

Dass Männer auch Opfer sind, sei eine nicht mehr anzuzweifelnde Tatsache. Erniedrigung, Erpressung, Bevormundung - all dies und vieles mehr passiert tagtäglich hinter geschlossenen Wohnungstüren. Frauen, die dies erleiden müssen, ernten in vielen Fällen Mitgefühl von ihrem Umfeld. Sind Männer betroffen, so Dirk Geldermann, wird häufig bagatellisiert. Ein absolutes Tabuthema ist nach seiner Erfahrung sexualisierte Gewalt von Frauen gegenüber Männern. Dahinter stecke die Klischeevorstellung, dass Männer »es« sowieso immer können. Und immer wollen. Was dem Sozialarbeiter zufolge in keiner Weise der Realität entspricht: »Auch Männer können sich vergewaltigt fühlen.«

In welchem Maße gerade auch die ältere Generation von häuslicher Gewalt betroffen ist, das, so Geldermann, sei ebenfalls kaum bekannt. Seit Februar wandten sich jedoch mehrere Männer im Alter zwischen 60 und 80 Jahren an den Berater. Sie schilderten, dass es ihnen seit langem schlecht geht in ihrer Beziehung. Sich weiterhin Demütigungen und Schläge gefallen zu lassen, dazu sind sie nicht mehr bereit. Sie wollen einen Schlussstrich ziehen, auch wenn der heißt, Vertrautes aufzugeben. Das gemeinsame Haus. Gemeinsame Bekannte. Dirk Geldermann macht den Senioren Mut: »Es ist nie zu spät, ein neues Leben anzufangen.« Ein freies Leben. Ein Leben ohne Gewalt.

Vieles bleibt ungesagt

Die meisten Männer haben zahlreiche Male versucht, die Gewaltspirale zu Hause zu durchbrechen. Irgendwann waren sie mit ihrem Latein zu Ende. Sie begannen, nach Hilfe zu suchen. Nicht mit dem Ziel, sich zu trennen. Sondern mit dem Willen, besser mit der Partnerin zusammenzuleben. Dirk Geldermann bespricht in diesen Fällen, wie dies gelingen kann: »Wichtig ist es zum Beispiel, klar die eigenen Bedürfnisse zu benennen.« Das klingt banal. Doch sehr vieles, was für den Partner zu wissen wichtig wäre, bleibt in einer Beziehung ungesagt. Oft verhelfen solche Tipps wieder zu mehr Harmonie. Doch manchmal muss »Mann« konstatieren: Die Beziehung ist am Ende.

Tobias' Partner zum Beispiel konnte zum Schluss kein gutes Haar mehr an seinem Mann lassen. Er war nur noch genervt. Nur noch aggressiv. Tobias bekam Angst vor ihm. Trotzdem er Gewalt erlitt, war es polizeilich nicht möglich gewesen, seinen Mann aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen. Tobias musste fliehen. Was ihm mit Hilfe von Dirk Geldermann gelang: Der 35-Jährige kam in der Männerschutzwohnung »Riposo« der Caritas in Nürnberg unter. Wo er sich stabilisieren konnte. Ein Zurück zu seinem Mann erscheint ihm inzwischen völlig unmöglich.

Stichwort: Beratung für Männer

Seit November 2019 gibt es beim Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA) in Nürnberg die Beratungsstelle »Häusliche Gewalt gegen Männer«. In Unterfranken berät Dirk Geldermann.

Er ist unter Tel.: 09 11 / 27 29 98 20 zu erreichen. Zweimal im Monat berät der Sozialpädagoge im Würzburger Matthias-Ehrenfried-Haus (Bahnhofstraße 4-6) nach vorheriger Terminvereinbarung live. (pat)

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