»Sanft in den Hormonhaushalt eingreifen«

Tobias Niedenthal: Das Mitglied der Würzburger Forschergruppe Klostermedizin über Mönchspfeffer als Arzneipflanze des Jahres 2022 - Heute medizinische Anwendung

WÜRZBURG
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Mönchsp­fef­fer spielt ei­ner­seits in der Ge­schich­te ei­ne Rol­le, an­de­rer­seits aber auch in der heu­ti­gen me­di­zi­ni­schen An­wen­dung:

Seine Wirkung beim Prämenstruellen Syndrom (PMS) ist gut erforscht und es gibt mehr als ein Dutzend Arzneimittel, die Mönchspfefferextrakt beinhalten; und zwar - anders als meistens sonst in der Pflanzenheilkunde - sogar von typischen, großen Generikaherstellern.

Was die Pflanze so besonders macht, erzählt Tobias Niedenthal (44), der die Forschergruppe Klostermedizin wie auch den in Würzburg ansässigen »Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde« koordiniert. Dieser hat den Mönchspfeffer zur »Arzneipflanze des Jahres 2022« gewählt. Niedenthal ist selbst Jury-Mitglied.

Schon in der Antike war der Mönchspfeffer Symbol der Keuschheit. Woher kommt diese Deutung?

Woher sie in der Antike kommt, wissen wir nicht so genau, aber es deutet schon der Name darauf hin. Die botanische Bezeichnung lautet bis heute »Vitex Agnus-castus«. »(h)agnos« bedeutet im Altgriechischen heilig, aber auch keusch. Das lateinische »agnus« bedeutet »Lamm«. Hier verschwimmen also altgriechische und lateinische Bedeutungen, weshalb im Mittelalter das lateinische »castus'« - also keusch, rein - ergänzt wurde. Das lässt vermuten, dass Mönchspfeffer bereits in der Antike als Anaphrodisiakum verwendet wurde. So wurden Blätter ausgestreut, um die Keuschheit zu wahren.

Hinzu kommt ein mythologischer Überbau. In welchen antiken Sagen wird Mönchspfeffer erwähnt?

Hera, die Frau von Zeus, soll zum Beispiel unter einem »Keuschbaum«, wie der Mönchspfeffer auch genannt wird, geboren worden sein. Und in der Sage um Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte, kommt er vor. Als Strafe wurde Prometheus an einen Felsen gekettet und dann von Herakles befreit. Danach soll er einen Kranz aus Mönchspfefferzweigen getragen haben, wohl als Erinnerung an die Fessel, mit der er an den Felsen gekettet war. Die Erzählung zeigt auch, dass man die Zweige m Alltag nutzen kann: Zum Beispiel lassen sich Weinreben an Rankhilfen anbinden, wie es teilweise in Italien bis heute geschieht; oder man kann Kränze flechten.

Was weiß man über die einstige medizinische Verwendung des Mönchspfeffers?

Er wurde sehr vielfältig eingesetzt in der griechisch-römischen Medizin von Wundbehandlung über Tierbisse bis hin zu Eingriffen in den Geschlechtstrieb. Mönchspfeffer sollte auch die Milchbildung fördern, die Annahme allerdings steht im Gegensatz zur heutigen wissenschaftlichen Forschung. Schon damals nutzte man hauptsächlich die Früchte, aber auch noch die Blüten und die Blätter.

Bei Hildegard von Bingen wird der Mönchspfeffer nicht erwähnt. Wie kommt's?

Das waren Wellen. In der Antike war Mönchspfeffer ganz wichtig, während das Wissen um seine Anwendung bei uns im frühen Mittelalter weitgehend verschwand. Er ist im Lorscher Arzneibuch, einer Handschrift aus dem 8. Jahrhundert, noch genannt, taucht dann aber erst wieder im hohen Mittelalter gegen Ende der Klostermedizin auf. Damals wurden arabische Schriften, die sich auch auf die antiken Texte bezogen, über Italien und Spanien ins Lateinische übersetzt. So schwappte das Wissen zu uns zurück. Mönchspfeffer war wieder sehr beliebt bis in die Zeit der gedruckten Kräuterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts. Dann verschwand das Wissen erneut - und wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und mit einer wissenschaftlichen Basis untermauert. Seit 20, 25 Jahren gehört Mönchspfeffer zu den am besten untersuchten Arzneipflanzen.

Mönchspfeffer-Samen kann man essen und er wurde schon von Mönchen im Mittelalter als Gewürz genutzt. Trotzdem scheint er hier nicht allzu bekannt als Geschmacksgeber. Warum?

Vorneweg: Mönchspfeffer ist kein typisches Hausmittel, davon würde ich sogar eher abraten. Es macht wenig Sinn, sich aus den Früchten einen Tee zu kochen, denn die Stoffe, die man zur heilenden Anwendung braucht, sind nicht wasserlöslich, hier ist ein alkoholischer Auszug sinnvoller. Will man Mönchspfeffer bei PMS einsetzen, ist das fertige Arzneimittel anzuraten. Aber, sie haben recht, in Italien werden die Mönchspfefferfrüchte, die ein bisschen wie Pfefferkörner aussehen und auch so riechen und schmecken, gerne als Gewürz eingesetzt. In diesen geringen Mengen ist dies unbedenklich. Dass Mönchspfeffer bei uns als Geschmacksgeber kaum eine Rolle spielt, liegt vor allem daran, dass sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet eher vom Mittelmeer bis Indien reicht. Seine Verwendung spielt traditionell keine Rolle.

Woran erkenne ich den Mönchspfeffer?

Er ist ein Lippenblütler, das ist noch nicht allzu lange bekannt, weiß man aber über genetische Untersuchungen. Eher unüblich für Lippenblütler - denken Sie etwa an Minze oder Thymian - wächst er als Busch, er kann drei bis fünf Meter hoch werden. Man erkennt ihn am ehesten an seinen meist fünffach gefingerten Blättern und am Blütenstand, der, so gesehen, doch wieder der Minze ähnelt, aber deutlich größer ist. Mönchspfeffer ist zudem ein Insektenmagnet, allein deshalb lohnt sich sein Anbau im Garten. In älterer Literatur steht noch, dass er nicht ganz winterhart ist. Er sollte wohl tatsächlich nicht total kalt und ungeschützt stehen, aber im Hausgarten in Würzburg sehe ich keine Probleme. Ich weiß, dass Mönchspeffer in einigen Botanischen Gärten in Deutschland überwintert.

Mönchspfeffer kann die Sexualhormone beeinflussen. Wie macht sich das bemerkbar?

Er senkt das Prolaktin, dabei handelt es sich um ein Hormon, das die Milchdrüsen bildet. Ist der Prolaktinspiegel sehr hoch, sind Frauen anfällig für das Prämenstruelle Syndrom. Deshalb kann Mönchspfeffer dagegen helfen. Diese Wirkung bei Problemen im Zyklus mit Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Spannungsgefühl in der Brust ist ziemlich gut belegt. Man kann mit Mönchspfeffer sanft in den Hormonhaushalt eingreifen, gleichzeitig ist das Nebenwirkungsrisiko sehr gering. Vereinzelt wurde in Studien über Kopfschmerzen, Schwindel Hautreaktionen und Magen-Darm-Beschwerden berichtet. Und wo man ein bisschen aufpassen muss: Hat man einen östrogenabhängigen Tumor sollte man die Einnahme mit dem Arzt absprechen. Das Wissen um die den Prolaktinspiegel senkende Wirkung widerspricht gleichzeitig der alten Annahme, dass Mönchspfeffer die Milchbildung fördern soll. Es könnte sein, dass es von der Dosis abhängt, ob Mönchspfeffer die Milchbildung eher fördert oder aber hemmt. Da müsste die Wissenschaft noch einmal genauer hinschauen, das wird aber leider nicht gemacht.

Wo könnte die Wissenschaft sonst noch genauer hinschauen?

Man weiß, dass bei hohem Prolaktinspiegel die Fruchtbarkeit sinkt. Das hängt damit zusammen, dass eine stillende Mutter einen hohen Prolaktinspiegel hat, gleichzeitig ist sie nicht fruchtbar bis zum Abstillen. Eine wissenschaftlich nicht so gut belegte Annahme ist, dass Frauen mit Kinderwunsch Mönchspfeffer nehmen sollen, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Gleiches gilt beim Klimakterium, Mönchspfeffer wird bei Wechseljahresbeschwerden durchaus gegeben. Dazu gibt es unterschiedliche Erfahrungsberichte, die Anwendung hilft den einen mehr den anderen weniger oder gar nicht. Aktuelle Studien sind mir keine bekannt. Zur Wirkung auf PMS wird indes weiter geforscht. Und was man sich zudem vor allem im Labor genauer anschaut: Im Mönchspfeffer sind noch einige andere interessante Stoffe drin, hier schaut man vor allem auf deren Wirksamkeit gegen Bakterien, Stichwort Antiinfektiva. Es ist nämlich ein Stoff im Mönchspfeffer, der sich auch im Spitzwegerich findet, Aucubin, er wirkt antibakteriell.

Sie sagen, Mönchspfeffer, werde auch in der Veterinärmedizin eingesetzt?

Das ist richtig, und zwar hauptsächlich beim Pferd. Hier gibt es eine Krankheit namens Equines Cushing-Syndrom - eine Hormonstörung, bei der zu viel Cortisol gebildet wird, das kann mit zahlreichen und sehr unterschiedlichen Symptomen einhergehen. Hier kann Mönchspfeffer helfen, dazu gibt es sogar Studien. Und Studien zur Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel bei Tieren sind noch viel seltener als beim Menschen. Gerade bei Turnierpferden, bei denen man bei Arzneimitteln mit Blick aufs Doping aufpassen muss, ist Mönchspfeffer seit einigen Jahren eine Option. Auch beim Schaf, Rind und Hund gibt es Anwendungen, diese sind aber nicht so gut erforscht.

Hintergrund

Tobias Niedenthal koordiniert die Forschergruppe Klostermedizin und den Würzburger Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde. Foto:

Hintergrund

» Mönchspfeffer ist ein

Lippenblütler, das ist noch nicht allzu lange bekannt. «

Tobias Niedenthal,Mönchspfeffer-Experte

Hintergrund

» In der Antike wurden

Blätter ausgestreut, um die Keuschheit zu wahren. «

Tobias Niedenthal,Mönchspfeffer-Experte

Bislang benannte Jahreswesen 2022

Wildtier des Jahres:

Der Schweinswal

Vogel des Jahres:

Der Wiedehopf

Lurch des Jahres:

Die Wechselkröte

Fisch des Jahres:

Der Hering

Insekt des Jahres: Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege

Schmetterling des Jahres: Der Kaisermantel

Libelle des Jahres:

Die Kleine Pechlibelle

Wildbiene des Jahres:

Die Rainfarn-Maskenbiene

Spinne des Jahres:

Der Trommelwolf

Einzeller des Jahres: Blastocystis

Höhlentier des Jahres: Die Kleine Hufeisennase (Fledermaus)

Baum des Jahres: Die Rotbuche

Blume des Jahres: Der Einbeere

Regionale Streuobstsorten des Jahres:

Die Ersinger Frühzwetschge (Baden-Württemberg), der Friedberger Bohnapfel (Hessen) und der Böhmische Rosenapfel (Sachsen),

Orchidee des Jahres: Die Braunrote Stendelwurz

Wasserpflanze des Jahres: Die Hornblättrige Armleuchteralge

Stadtpflanze des Jahres:

Der Blauglockenbaum

Pilz des Jahres: Der Fliegenpilz

Flechte des Jahres: Die Zähe Leimflechte

Moos des Jahres: Das Sparrige Kleingabelzahnmoos

Alge des Jahres:

Stylodinium

Mikrobe des Jahres:

Die Bäckerhefe

Gemüse des Jahres:

Der Mais

Heilpflanze des Jahres: Die Große Brennnessel

Arzneipflanze des Jahres:

Der Mönchspfeffer

Giftpflanze des Jahres:

Die Kartoffel

Staude des Jahres: Das Japanische Berggras

Boden des Jahres:

Der Pelosol (Tonboden)

Flusslandschaft des Jahres (2020 bis 2023):

Die Weiße Elster

Pflanzengesellschaft des Jahres:

Die Ackerwildkraut-Vegetation der Kalkäcker

Waldgebiet des Jahres:

Die Erdmannwälder

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