»Rassistischer Stimmung Stirn bieten«

Benjamin Ortmeyer: Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler fordert stärkere Auseinandersetzung mit NS-Zeit

Frankfurt
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Frankfurt. Benjamin Ortmeyer, Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik der Goethe-Universität Frankfurt © Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber
Er ist ein Mann kla­rer Wor­te und scheut kei­ne Kon­fron­ta­ti­on - auch wenn ihm das nicht im­mer Zu­stim­mung ein­bringt. Ben­ja­min Ort­mey­er ist Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler und lei­tet die NS-For­schungs­s­tel­le an der Frank­fur­ter Goe­the-Uni­ver­si­tät.
In einem Appell, den er gemeinsam mit Micha Brumlik an die Kultusministerkonferenz, die Wissenschaftsministerien der Länder, das Bundeswissenschaftsministerium sowie alle Universitäten und Hochschulen in Deutschland richtet, ruft er dazu auf, dass die die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ihren festen Platz im Studium der Erziehungswissenschaften bekommen muss. Im Gespräch mit unserem Medienhaus erläutert er, warum er das für so wichtig hält.

Warum dieser Appell?
Es sind gebildete und Pädagogen nötig und zur Allgemeinbildung und einer humanistischen und demokratischen Orientierung wird auf jeden Fall die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, der NS-Ideologie und der NS-Pädagogik benötigt.

Glauben Sie, dass Pädagogen, die das verinnerlicht haben, eine Wissensänderung bei Schülern bewirken können?
In der Tat. Noch wichtiger als die Argumentation ist, dass die Jugendlichen spüren, dass jemand vor ihnen steht, der sich wirklich mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, der es ernst meint und der weiß, worum es geht. Das setzt Fachwissen plus wirkliche Auseinandersetzung voraus, aber auch eine humanistische Grundhaltung.

Glauben Sie, dass es in der Forschung nach wie vor die Bestrebungen gibt, die NS-Zeit zu negieren? Also wären wir wieder da, wo Fritz Bauer nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen hat....
Man kann feststellen, dass die Lage heute auf wissenschaftlichem Gebiet, was die Verbrechen der Nazis angeht, völlig anders und wesentlich besser ist als zur Zeit von Fritz Bauer. Was die Analyse der Ideologie und der Pädagogik der Nazis angeht, ist das aber eine ganz andere Frage. Auch wegen der heutigen Neonazi-Bewegung denke ich, dass kaum noch systematische Forschung betrieben wird. Daher die Gründung der Forschungsstelle, daher auch unser Appell.

Und was versprechen Sie sich letztlich von dem Appell?
In den Lehrplänen ist an keiner Universität die Auseinandersetzung mit der NS-Pädagogik im erziehungswissenschaftlichen Studium verankert. Der Appell dient auch dazu, andere Universitäten und Erziehungswissenschaftler mit den Ergebnissen unserer Forschung bekanntzumachen, sie anzuregen, sich an der eigenen Universität verstärkt mit der NS-Zeit auseinander zu setzen.

Was meinen Sie: Wird er Gehör finden auf Bundesebene?
Gehör wird der Appell finden, da sind wir beide sehr sicher. Es gibt sehr viel Zustimmung auch von Professoren aus dem erziehungswissenschaftlichen Bereich und auch von den Studierenden. Aber langer Atem und Hartnäckigkeit sind auf jeden Fall wichtige Eigenschaften.

Bewegt Sie die aktuelle Flüchtlingsdebatte auch dazu?
Das, was heute in der Realität mit der so genannten Flüchtlingsbewegung passiert, hat zwei Seiten: die konkreten realen politischen Maßnahmen und die Frage der Stimmung, der Atmosphäre. Wir alle müssen davon ausgehen, dass eine dumpfe rassistisch-nationalistische Stimmung teilweise unabhängig von Parteizugehörigkeit sehr viel größeren Einfluss hat, als irgendwelche Meinungsforscher in ihren Studien herausbekommen haben. Dem muss man die Stirn bieten. Hier ist die Skala in Richtung der Vorgänge wie in Rostock oder Hoyerswerda leider nach oben offen. Die Anbiederei an die Nazi-Parolen erinnert an Max Frischs »Biedermann und die Brandstifter«. Die Auseinandersetzung mit den demagogischen Methoden der NS-Propaganda von Goebbels wird immer wichtiger, um sich mit heutigem nationalistisch-rassistischem Gedankengut auseinanderzusetzen. Es wird immer dringlicher, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.
Bettina Kneller
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