Klinikseelsorge: Von der Kraft, die Wahrheit zu vermitteln

Edith Spanier-Zellmer hilft in Würzburg Eltern und Geschwister verstorbener Kinder

Würzburg
3 Min.

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Edith Spanier-Zellmer gehört bis Ende dieses Monats dem Seelsorgeteam der Würzburger Uniklinik an. Foto: Pat Christ
Foto: Pat Christ
Edith Spanier-Zellmer ist seit 18 Jahren Seelsorgerin an der Würzburger Uniklinik. Ab 1. Oktober ist die 64-Jährige im Ruhestand.

In den vergangenen 18 Jahren hat sie jede Menge erlebt. Oft Tieftrauriges. Da verlor eine Mutter zum sechsten Mal ein Kind. Oder der kleine Sohn, der unters Auto kam, konnte doch nicht gerettet werden. »Es gab aber auch viel Schönes«, sagt Edith Spanier-Zellmer. Viele Frühchen, deren Eltern die Seelsorgerin an der Würzburger Uniklinik begleitet hat, schafften es, dem Tod von der Schippe zu springen. Dieses Auf und Ab kostete viel Kraft, sagt die 64-Jährige, die sich am 1. Oktober in den Ruhestand verabschiedet.

Manche Kinder erblicken nur kurz das Licht der Welt. Dann sterben sie. Das ist für ihre Eltern eine immense Katastrophe. Das Leid dieser Väter und Mütter können Ärzte und Schwestern kaum auffangen. Deshalb beschloss die »Interessengemeinschaft zur Förderung der Kinder der Würzburger Intensivstation« (KIWI) 2001, an der Uni-Kinderklinik eine spezielle Seelsorge-Stelle zu schaffen. Die neue Kraft sollte da sein für Eltern und Geschwister von Kindern, die auf der Intensivstation der Uni-Kinderklinik behandelt werden. Nachdem Edith Spanier-Zellmer bereits 1985 als Seelsorgerin in der Kinderklinik tätig war, wurde sie ausgewählt, die neue Aufgabe zu übernehmen.

Die Schläge des Schicksals

Schon damals, vor fast 30 Jahren, war Spanier-Zellmer mit seelischer Not konfrontiert worden. »Ich hatte es vor allem mit Kindern zu tun, die an Krebs erkrankt waren«, erzählt die katholische Theologin, die bei der evangelischen Kirche angestellt ist und dem ökumenischen Seelsorge-Team der Uniklinik angehört. Diese Arbeit habe sie damals oft an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Vor allem dann, wenn sie mit Familien konfrontiert war, die von mehreren Schicksalsschlägen gleichzeitig getroffen waren.

In den letzten 18 Jahren standen weniger die Kinder im Mittelpunkt, sondern vor allem die Eltern und die Geschwister. Zu einem Frühchen, das im Inkubator liegt und fast nur schläft, lässt sich nun mal nicht eine so intensive Beziehung aufbauen wie zu einem zwölf Jahre alten Kind, das an einem Gehirntumor leidet. Die Arbeit mit den Eltern ist in beiden Fällen anstrengend. Vor allem, wenn weitere Kinder da sind, tauchen schwierige Fragen auf. Wie sage ich meinem Achtjährigen, dass sein Schwesterchen nicht mehr lebt? Immer wieder erfährt Spanier-Zellmer, dass Eltern versuchen, Unglück zu verschweigen.

Nicht im Ungewissen lassen

Das ist nicht okay, macht Spanier-Zellmer den Eltern klar. Denn die Kinder ahnen die Wahrheit. Unlängst hatte es die Theologin und Sozialpädagogin mit einer Mutter zu tun, die ihrem Jungen nicht sagen wollte, dass sein Schwesterchen, um das wochenlang auf der Intensivstation gekämpft wurde, nun gestorben war. »Aber wie wollen Sie denn erklären, dass Sie nicht mehr in die Klinik gehen?«, fragte Spanier-Zellmer sie direkt. Die Mutter wusste keine Antwort. Sie wäre am liebsten wortlos zur Tagesordnung übergegangen. Doch das ist nicht möglich. Kinder, sagt die Theologin, brauchen Klarheit. Sie dürfen nicht angelogen und nicht im Ungewissen gelassen werden.

Als Job, sagt Spanier-Zellmer, habe sie ihre Arbeit nie empfunden. Was sie tut, fordert den ganzen Menschen. Jeder Tag kann vor eine Situation stellen, die in dieser Konstellation noch nie da gewesen war. Die Theologin hat keinen »Leitfaden«: Auf jede Mutter, jeden Vater und jedes Geschwisterkind stellt sie sich neu ein. Da war vor kurzem zum Beispiel eine Mutter, die erfahren hatte, dass ihr Kind schwerstbehindert zur Welt kommen würde. Nach langer Überlegung entschlossen sich die Eltern zur Spätabtreibung. Die Frage ihres Sohnes, ob Mama schwanger sei, verneinten sie aus diesem Grund.

Kein richtig oder falsch

In diesen Fällen sieht es Spanier-Zellmer als ihre Pflicht an, die Eltern zum Nachdenken darüber zu bringen, ob ihr Verhalten dem Kind gegenüber wirklich richtig ist. »Kinder werden durch solche Situationen in ein Dilemma gestürzt«, sagt die Theologin, die mit einem psychisch kranken Vater aufwuchs und als Kind darunter gelitten hatte, dass niemand mit ihr über die oft »verrückten« Situationen daheim sprach. Entweder beginnen die Kinder, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Oder sie ahnen, dass sie von ihren Eltern angelogen werden. Das leuchtete der Mutter, die sich zur Spätabtreibung entschlossen hatte, ein: »Sie gab ihre Schwangerschaft daraufhin zu.«

Mit den Jahren, so Spanier-Zellmer, konnte sie sich immer mehr auf ihre Intuition verlassen. Und das sei nötig: »Es gibt ja bei meiner Arbeit kein richtig und kein falsch.« Entscheidungen seien allenfalls mehr oder wenig »stimmig«. Sie fallen, wie bei Spätabtreibung, vor einem »inneren Parlament«: »Und das oft mit äußerst knapper Mehrheit.«

Hintergrund: Betreuung von Eltern in Not

Laut »Vereinbarung über Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Versorgung von Früh- und Neugeborenen« des Gemeinsamen Bundesausschusses müssen Perinatalzentren für eine psychosoziale Betreuung der Eltern sorgen. Dies kann durch Psychotherapeuten, Psychologen, Psychiater oder Sozialpädagogen gewährleistet werden. 1,5 Vollzeit-Arbeitskräfte sind pro 100 Aufnahmen von Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm pro Jahr in den Bereichen Geburtshilfe und Neonatologie vorzuhalten.

In den vergangenen 18 Jahren war Edith Spanier-Zellmer Ansprechpartnerin für Eltern auf der Kinderintensivstation sowie im Perinatalbereich der Würzburger Uniklinik. Finanziert wurde die Stelle von der Uniklinik sowie zum Teil durch Spenden an die »Interessengemeinschaft zur Förderung der Kinder der Würzburger Intensivstation«. Ab November werden in Würzburg eine halbtags tätige Psychologin sowie eine halbtags eingesetzte Sozialpädagogin die Aufgabe der Seelsorgerin übernehmen.

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