In Haft und kein Besuch

Strafvollzug: Die Würzburger Ärztin Bärbel Krumme fordert die Aufhebung des Besuchsverbots für ehrenamtliche Mitarbeiter

WÜRZBURG
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Bärbel Krumme erhält wöchentlich einen Brief von einem jungen Gefangenen aus Syrien, um den sie sich ehrenamtlich kümmert. Oft malt er Bilder, zum Beispiel von seiner Familie. Foto: Pat Christ
Foto: Pat Christ
In jenen Momenten, wenn sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen, kommen den Männern aus dem Würzburger Gefängnis mitunter reichlich krude Gedanken in den Sinn. »Viele glauben nicht ans Virus«, erfuhr Bärbel Krumme von Adib (Name geändert), einem jungen Syrer, um den sich die Ärztin seit zwei Jahren ehrenamtlich kümmert. Hinter Gittern, sagt sie, blühen offenbar Verschwörungsmythen. Was für sie nicht verwunderlich ist. Denn Gefangene haben weniger Kontakt nach außen denn je. Damit fehlen ihnen Korrektive.

 

Gefangene können nicht per E-Mail mit Freunden oder Verwandten kommunizieren. Sie haben nicht einmal die Möglichkeit, jemanden »draußen« anzurufen, wenn es ihnen schlecht geht. Als vor kurzem Adibs Mutter starb, an der er sehr hing, hatte der junge Mann keinerlei Möglichkeit, seine Familie zu kontaktieren. Wer wie und wie viel Kontakt haben darf, ist rigide geregelt. Vor der Pandemie durfte Bärbel Krumme als Ehrenamtliche einmal in der Woche zu Adib gehen. Bei diesen Besuchen redete und lernte sie mit ihm. Adib, der aus einer armen, kinderreichen Familie stammt, ging in Syrien nur bis zu seinem zwölften Lebensjahr zur Schule. Er hat deshalb sehr viel an Lernstoff nachzuholen.

Einsatz für Menschenrechte

Seit Jahren setzt sich Bärbel Krumme für die Menschenrechte von Geflüchteten ein. Das Engagement der heute 77-Jährigen begann 1979 auf dem Rettungsschiff »Cap Anamur« des Menschenrechtsaktivisten Rupert Neudeck. Später war Krumme als Tropenärztin im Auftrag des Missionsärztlichen Instituts Würzburg in vielen Krisenregionen im Einsatz. Heute engagiert sie sich im Würzburger Ökumenischen Arbeitskreis Asyl. Dessen Hauptziel ist die langfristige Begleitung von Geflüchteten. Für Bärbel Krumme heißt das, auch holprige, dornenreiche Wege mitzugehen. So unterstützte sie Adib weiter, als der vor zwei Jahren wegen Drogenbesitzes und Dealerei inhaftiert wurde.

Oft nachvollziehbare Gründe

Als Ärztin war es eine Zeitlang ihr Job gewesen, sich um Drogenabhängige zu kümmern, erzählt Bärbel Krumme. Diese Arbeit habe ihr eine völlig neue Welt erschlossen. Krumme lernte damals, dass es fast immer nachvollziehbare Gründe gibt, warum eine Person suchtkrank wird. »Ich habe erfahren, dass es sich bei Süchtigen häufig um sehr sensible Menschen handelt«, sagt sie. An Drogen kamen sie oft deshalb, weil sie das, was ihnen das Leben abverlangte, nicht verkraftet haben. So war es auch, vermutet die pensionierte Internistin, bei Adib. Heimweh und Traumata wegen dem, was Adib während des Kriegs erlebt hatte, brachten ihn dazu, Drogen zu nehmen.

Dass die Pandemie eine Neuregelung des Besuchs in der JVA nötig machte, versteht Bärbel Krumme gut. Bis kurz vor Weihnachten durfte sie Adib immerhin noch alle 14 Tage hinter einer Scheibe und mit Mundschutz sehen. Dass nun nicht einmal das mehr möglich ist, kann die Ärztin jedoch nicht nachvollziehen. Auf dem Weg zum Besuchszimmer habe sie keinerlei nähere Kontakte zu Vollzugsbeamten, schildert sie. Gefahren bestünden definitiv nicht. »Es ist für mich schwer erträglich, dass Sportler Wettkämpfe im In- und Ausland betreiben dürfen, während man für Gefangenen, die gar keine Lobby in unserer Gesellschaft haben, nicht einmal Kompromisslösungen findet«, erklärt sie.

Es ist vor allem die Inkonsequenz des staatlichen Handelns, was Bärbel Krumme irritiert. In ihren Augen werden ohne Not Resozialisierungschancen beschnitten. Mit der Kritik daran, dass die Maßnahmen nicht angemessen sind, steht sie nicht alleine. Auch Jochen Deitert, der in der Würzburger JVA ehrenamtlich einen religiösen Gesprächskreis anbietet, »wundert« sich. »Mein Gesprächskreis findet nicht mehr statt, obwohl wir in der Kirche der JVA reichlich Platz hätten, denn es nehmen höchstens zehn Gefangene teil«, sagt er. Warum, fragt sich Krumme, sind draußen Gottesdienste erlaubt, drinnen in der JVA aber nicht einmal religiöse Treffen im allerkleinsten Kreis?

Gefängnisdirektor Robert Hutter kann nicht zwischen verschiedenen Optionen wählen: Er muss sich strikt an das halten, was vom Staat angeordnet wurde. »Besuche von Ehrenamtlichen sind derzeit ausgesetzt«, bestätigt er. Selbst Besuche von engen Angehörigen seien nur noch einmal im Monat für eine Stunde möglich: »Dabei sind Schutzmaske, Abstand und Trennscheibe obligatorisch.« Als Ersatz für die unmittelbaren Kontakte könnten Inhaftierte seit Pandemiebeginn jedoch zweimal im Monat für jeweils bis zu 20 Minuten telefonieren. Für gefangene Eltern, die ihre Kinder bisher während eines Sonderbesuchs sahen, werde versucht, eine Skype-Verbindung aufzubauen.

»Existenzielle Probleme«

Während einer Haft gibt es nur wenige Highlights, meistens sind die Gefangenen mit sich und ihren Problemen beschäftigt. Diese Probleme sind in vielen Fällen »existenziell«, sagt ein psychiatrischer Gutachter aus Würzburg, der seinen Namen nicht nennen möchte, weil er eng mit der Justiz zusammenarbeitet. Oft sitzen Gefangene auf einem Schuldenberg. Viele wissen nicht, wo sie nach der Haftentlassung wohnen und wovon sie leben sollen. Bei geflüchteten Häftlingen kommt noch die Sorge vor einer Abschiebung hinzu. Dem Psychiater zufolge können Ehrenamtliche, die sich diese Sorgen anhören und versuchen, zur Lösung beizutragen, äußerst hilfreich sein.

Hintergrund: Besuche in der JVA

Die Besuchsreduzierung in Bayerns Gefängnissen ist nach Auskunft des Würzburger Anstaltsleiters Robert Hutter von der Aufsichtsbehörde vorgegeben. Außenkontakte sollen reduziert werden. »Jeder Besucher kommt in der Regel auch mit Bediensteten zusammen, ohne dass immer eine Schutzscheibe dazwischen ist, und könnte so das Virus übertragen«, so Hutter. Dem JVA-Leiter zufolge akzeptieren die Würzburger und Aschaffenburger Gefangenen die Besuchsbeschränkung »im Wesentlichen«. Aufgrund des Rückgangs der Inzidenzwerte würden die Besuchsmodalitäten »in den kommenden Wochen« wohl verbessert. (pat)

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