Unterfränkischer Grünen-Landtagsabgeordneter fordert bessere Vorbereitung auf extrem heiße Sommertage

Main-Echo-Gespröch mit Patrick Friedl

Aschaffenburg
5 Min.

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Patrick Friedl. Foto: Niklas Wunderlich
Foto: Niklas Wunderlich
Auf dem Teilstück eines Ackers, das ausgetrocknet ist, haben sich durch Hitze Risse gebildet. Der Klimawandel lässt Pflanzen früher sprießen - und das kann einer Studie zufolge die Dürre im Sommer verstärken. Foto: Bernd Wüstneck (dpa)
Foto: Bernd Wüstneck
Sommertage mit fast 40 Grad im Schatten, Tropennächte mit Temperaturen jenseits der 20-Grad-Marke: Im Jahr 2018 erlebte unsere Region einen Jahrhundert-Hitzesommer. Und 2019 ging's fast genauso weiter. Wir müssen lernen, mit den hohen Temperaturen umzugehen, sagt der Patrick Friedl, Grünen-Landtagsabgeordneter aus Würzburg.

In seiner Fraktion ist der 50-Jährige für Klimaanpassung zuständig - also den Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Im Interview mit unserem Medienhaus erklärte Friedl, wie sich Kommunen auf Hitzeperioden vorbereiten können, wie der Freistaat dabei helfen könnte und was jeder Einzelne tun kann, um Hitzetage in seinem Umfeld erträglicher zu machen.

Herr Friedl, der Klimawandel bringt viele Phänomene mit sich: Mehr Unwetter, weniger Niederschläge, höhere Temperaturen. Welche ist die aus Ihrer Sicht größte Herausforderung?

Die schleichende, aber dramatische Temperaturveränderung ist die größte Herausforderung. Da hängt so viel dran. Es geht ja nicht nur um ein paar heiße Tage im Sommer. Auch im Winter und im Frühjahr steigt die Durchschnittstemperatur. Die Pflanzen blühen früher, gleichzeitig bleibt die Frostgefahr bis in den Mai hinein. Dieses Jahr hat der Spätfrost in unserer Region das Wintergetreide erwischt. Das ist eine unmittelbare Auswirkung der Temperaturveränderung. Auch einige Insektenarten vermehren sich.
Der Borkenkäfer zum Beispiel hat ein, zwei Generationen mehr pro Jahr und befällt vor allem Fichten, aber auch andere Nadelgehölze und Buchen. Ich habe das in meinem eigenen Garten erlebt: Dort standen drei Fichten, top Zustand. Der Hitzesommer 2018 hat sie erheblich geschwächt, im Sommer 2019 sind zwei vertrocknet und der dritten hat der Borkenkäfer den Rest gegeben. Ganz auffällig ist der Anstieg auch bei den Zecken, man muss jetzt sehr auf Borreliose und FSME acht geben.

In diesem Jahr wurde in Ihrer Heimatstadt Würzburg schon im Juni die 30-Grad-Marke geknackt. Ab wann wird es für Sie ungemütlich?

Es hängt von der individuellen Konstitution ab, ob jemand Hitze verträgt. Ich gehöre zu denjenigen, die eher schlechter damit klar kommen. Wenn die Temperatur innerhalb des Hauses die 24 Grad überspringt, wird es für mich anstrengend.

Wie gefährlich ist Hitze für die Menschen?

Wer mit Herz-Kreislauf-Problemen zu tun hat, der hat auch mit der Hitze Probleme. Ab einem Alter von 65 Jahren wird es gefährlich, wenn es heiß wird. Bei kleinen Kindern gilt: Je jünger, desto gefährdeter. Es wird geschätzt, dass es infolge der Hitzewelle 2003 in Europa 45 000 bis 75 000 Tote gab. Wir haben leider keine genauen Zahlen. Es gibt keine klare Definition für Tod durch Hitze. Es wird auch oft von einem vorzeitigen Tod gesprochen, weil die Hitze die angelegten Todesursachen verstärkt. Wir brauchen aber Zahlen zu Hitzetoten, weil so die Relevanz der Hitzegefahr feststellbar ist.

Nun könnte man sagen: In Spanien ist es auch heiß, die Menschen dort können damit umgehen.

Weil schon seit Jahrhunderten in dieser klimatischen Zone unterwegs sind. Die Gebäudesubstanz, die Baustruktur, die Lebensabläufe sind darauf ausgerichtet. Wir müssen noch mehr tun, um angemessen auf die Hitze reagieren zu können. Es ist enorm wichtig, dass Kommunen, die von Hitze belastet sind, eine gute Hitzeaktionsplanung machen.

Worum geht es bei der Hitzeaktionsplanung?

Es geht darum, dass geregelt wird, wie Hitzewarnungen durch den Deutschen Wetterdienst kommuniziert werden. Krankenhäuser, Senioreneinrichtungen, oder Kindertagesstätten müssen Pläne erstellen, was dann zu tun ist: Wo schlafen Patienten in heißen Tropennächten? Wer achtet darauf, dass die Kinder und Senioren in den Einrichtungen genügend trinken? Wo braucht es bauliche Maßnahmen, ein Sonnensegel oder eine Klimatisierung? Die Nahverkehrsbetriebe müssen sich damit auseinandersetzen, dass in der Mittagshitze und in Stoßzeiten nur ausreichend klimatisierte Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Jede einzelne Maßnahme klingt banal und naheliegend. Aber in der Summe ist es eine riesige Aufgabe.
Die Hitze als Bedrohungslage braucht eine feste Stelle, die im Blick hat, dass die Risiken minimiert werden. Ähnlich wie ein Krisenstab im Katastrophenfall. In Deutschland empfiehlt eine Bund-Länder-Kommission, dass jedes Bundesland eine zentrale Koordinierungsstelle für die kommunalen Hitzeaktionspläne einrichtet. Dafür setzen wir Grüne uns im bayerischen Landtag ein. Aber hier verweigert sich die Staatsregierung.

Das sind alles sehr kurzfristige Maßnahmen. Worauf kommt es auf lange Sicht an?

Langfristig geht es in den Hitzeaktionsplänen um die Belüftung von öffentlichen Räumen und Siedlungsstrukturen. Wir brauchen Frischluftschneisen und Bereiche, in denen nachts die Luft abkühlen und in wärmere Bereiche abfließen kann. Wir können nicht kreuz und quer die Gegend verbauen und uns dann wundern, dass in den Innenstädten die Luft steht. Dazu gehört auch die Überlegung: Wo kann ich einen großen Baum hinpflanzen, behindert der eventuell die Luftströmung? Die städtische Bauleitplanung, die Landschafts- und Flächennutzungspläne müssen auf Hitzesituationen ausgerichtet sein. Und wir brauchen mehr unversiegelte Flächen mit Böden, die Wasser aufnehmen können.
Und es sind ja nicht nur die Menschen, die unter der Hitze leiden. Unsere Pflanzen tun es auch. Bei der Gartenschau 2018 in Würzburg stand jeden Vormittag die Feuerwehr da und hat die Wiesen bewässert. Wir müssen die Wiesen höher wachsen lassen, damit sie nicht verdorren. Letztes Jahr sind im Würzburger Stadtgebiet 1500 Bäume vertrocknet, das sind drei Prozent des Baumbestands in der Innenstadt. Wir müssen unsere Grünanlagen neu denken. Wir brauchen Bäume, die mit der Hitze besser klar kommen.  Wenn man das alles zusammen nimmt, ist das eine enorme Herausforderung, der sich die Städte stellen müssen.

Gibt es in den Kommunen ein Bewusstsein für das Thema Klimaanpassung?

Ich habe das Gefühl, dass es bei der Wohnbevölkerung sehr ausgeprägt ist. Im Prinzip haben ja alle Ortschaften, die gewachsen und eng bebaut sind, im Sommer ähnliche Probleme mit Aufheizungssituationen.

Und bei den kommunalen Entscheidungsträgern?

Meine Erfahrung ist: Es braucht Leute, die das regelmäßig anmahnen. Es gibt schon die Tendenz, andere Themen wichtiger zu nehmen. Das hat sich allerdings durch die beiden letzten Sommer verändert. Gerade deswegen fordere ich die Landesregierung so vehement auf, das Thema wirklich ernst zu nehmen. Wenn es gut dotierte und gut beworbene Förderprogramme gibt, fangen auch die Kommunen an, zu schauen, was sie tun können. Das gilt nicht nur für die Hitzeaktionsplanung, sondern auch für andere Themen.

Was soll der Freistaat Ihrer Meinung nach konkret tun?

Zuerst soll er eine eigene Koordinierungsstelle einrichten von Umwelt- und Gesundheitsministerium. Dazu braucht es Personal: Konkrete Ansprechpersonen mit Namen und Telefonnummer. Bisher gibt es nur eine Poststellen-E-Mail-Adresse.
Dann braucht es Fördermittel. Zunächst 20 bis 25 Millionen Euro für Hitzeaktionspläne und die Planung von städtischen Umbaumaßnahmen. In den Folgejahren braucht es Mittel für die Maßnahmen selbst. Die Kommunen können das nicht alles alleine schultern. Ich sehe da den Freistaat ganz entscheidend in der Pflicht, weil er die Rahmenbedingungen dafür geschaffen hat, dass der Klimawandel in diesem Tempo voranschreitet.

Die Stadt Erlangen verbietet die Neuanlage geschotterter Steingärten. Ein Schritt in die richtige Richtung oder übers Ziel hinaus geschossen?

Diesen Fall muss ich mir noch genauer anschauen. Generell werden wir nicht umhin kommen, gewisse Dinge regulatorisch anzugehen. Wenn ich sehe, wie die Flächenversiegelung unser aller Gesundheit gefährdet, müssen wir auch alle dafür sorgen, dass das anders wird.

Was können Einzelpersonen beitragen?

Jeder, der einen Garten hat, kann schauen: Welche Bereiche sind versiegelt, und müssen die wirklich versiegelt blieben? Reicht auch eine kleinere Terrasse, ließe sich der Hof umgestalten? Man kann im Urban Gardening aktiv werden und für kleine Stücke, die der Kommune gehören, die Pflege übernehmen. Vor meinem Haus in Würzburg haben wir einen 25 Meter langen Streifen mit Stauden bepflanzt.
Jeder kann sein Mobilitätsverhalten überdenken. Die Klimaanpassung ist zwar extrem wichtig. Aber sie kann nur funktionieren, wenn wir den Klimawandel stoppen. Unsere Hauptaufgabe ist es, den Ausstoß von Klimagasen zu verringern.

Hintergrund: Kalte Dusche bringt noch mehr ins Schwitzen

Gerade bei sommerlicher Hitze wollen sich viele Menschen nach dem Sport am liebsten eiskalt abduschen. Doch ist das überhaupt sinnvoll?  Eher nicht, meint Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln.  »Eine kalte Dusche ist natürlich wieder ein Stress für den Organismus, der dazu führt, dass der Körper manchmal sogar noch etwas mehr erhitzt«, erklärt Froböse. Er rät, es ruhig mit der Temperatur angehen zu lassen und zunächst mit handwarmen Wasser zu duschen. Das kann man Schritt für Schritt kälter drehen. »Wir müssen uns nicht wie nach dem Saunagang schnell ab?kühlen.«  (dpa)

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