Hartes Ringen mit den Pfunden

Adipositas: In Würzburg lernen Kinder und Eltern einen guten Umgang mit der Krankheit

WÜRZBURG
3 Min.

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Düfte können Heißhunger-Attacken stoppen. Foto: Pat Christ
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Nicht alle Kinder werden von früh auf dazu gebracht, Obst und Gemüse als Nahrung zu schätzen. Foto: Pat Christ
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Doris Götz. Foto: Pat Christ
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Als Oli­ver Har­dy, eins­ti­ger Pro­mi der Slap­stick-Film­sze­ne, 15 Jah­re alt war, soll er be­reits 120 Ki­lo auf die Waa­ge ge­bracht ha­ben. Das ist enorm, je­doch nicht sin­gu­lär. »An un­se­rer ak­tu­el­len Schu­lung nimmt ein 15-Jäh­ri­ger teil, der 125 Ki­lo wiegt«, sagt Bri­git­te Mül­ler vom Am­bu­lan­ten Schu­lungs­zen­trum in Würz­burg.

In der vor 25 Jahren gegründeten Einrichtung für Eltern chronisch kranker Kinder läuft gerade eine Adipositas-Schulung für übergewichtige Jungs aus Unterfranken.

Manche Menschen bekämpfen Frust darüber, dass gerade alles quergeht, mit Essen. Auch bei Ärger wird der Kühlschrank geöffnet. Ebenso bei Stress oder Langeweile. Das hat ungute Folgen: Die Waage schlägt aus. Schon Kinder kennen diese Problematik. Die ist auch bei weitem nicht neu, weshalb es in Würzburg bereits seit 2001 einjährige Adipositas-Schulungen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern gibt. Die Corona-Krise hat bei einigen Kindern jedoch die Problematik verschärft, sagt Brigitte Müller. Sie hockten daheim. Ohne Eltern, die sie kontrollierten: »Und konnten den ganzen Tag naschen.« Wer vor der Krise schon dick war, geriet in die Gefahr, vollends adipös zu werden.

Seit Februar ringen elf männliche Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren gemeinsam mit ihren Pfunden. »Es ist das erste Mal, dass wir eine reine Jungengruppe haben«, berichtet Diätassistentin Brigitte Müller. Geschult wird sowohl online als auch in Präsenz. Ein ganzes Jahr lang lernen zum einen die Teenager, zum anderen aber auch ihre Eltern, wie der Lebensstil in der Familie nachhaltig umgestellt werden könnte. Eine Schlüsselfrage für die Jungs lautet: Was kann ich tun, wenn mich der Heißhunger überfällt?

Das Gefühl, dass man jetzt unbedingt etwas essen muss, auch wenn man gar keinen Hunger hat, kann sich sintflutartig über einen ergießen. Es ist schwer, dagegen anzukämpfen. »Hier können Düfte helfen«, sagt Brigitte Müller. Und zwar deshalb, weil Düfte Erinnerungen auslösen. Diese Erinnerungen unterdrücken zumindest für den aktuellen Moment die Lust auf Süßes. Gute Dienste, lernen die elf Jungs, leisten auch kleine Gegenstände wie Steine, Kastanien oder Nüsse: »So ein Erinnerungsstein in der Hosentasche kann die Kraft verleihen, bei Heißhunger-Attacken ›Stopp!‹ zu sagen.« Schließlich nützten positive Sätze, die man sich mandraartig immer wieder vorsagt.

In Zeiten, in denen der Besuch bei der Tankstelle zunehmend unerfreulicher wird, schätzen es die Familien sehr, dass das Ambulante Schulungszentrum »Blended Learning« mit hohem Online-Anteil eingeführt hat. Von den Schulungen profitieren nicht nur adipöse Kinder. Weitere Kurse werden für Kinder mit Asthma, Neurodermitis und, ganz neu seit diesem Jahr, Epilepsie angeboten. »Seit April dürfen wir jedoch Online-Schulungen bei Asthma nicht mehr abrechnen, was wir überhaupt nicht verstehen«, sagt Doris Götz, die Leiterin des Ambulanten Schulungszentrum. Dies sei dem Zentrum von der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KVB) im März kurz vor Beginn des zweiten Quartals mitgeteilt worden.

Die Begründung ist für Doris Götz schier ungeheuerlich: »Es heißt, das sei nun nicht mehr nötig, da die Pandemie vorbei ist.« Wie könne das behauptet werden, wenn das Schulungszentrum selbst bis heute auf tagesaktuelle Tests und Masken bestehen müsse?, fragt sie sich. Die Konsequenzen seien bitter: »Es fielen nun vier Schulungen hintereinander aus.« Gerade Eltern von asthmakranken Kindern sind Götz zufolge nach wie vor äußerst vorsichtig: »Viele können es sich nicht vorstellen, bei Schulungen mit sechs fremden Familien in einem Raum zu sitzen.« Das Zentrum legte laut Götz Widerspruch gegen die Entscheidung der KVB ein.

Die Schulungen des Zentrums dienen dazu, dass sich Kinder eine Vorstellung machen können, was mit ihnen los ist. »Ist das Kind in der Arztpraxis, spricht der Kinderarzt in der Regel mit den Eltern«, erläutert Doris Götz. Das Kind, so klein es auch ist, kriegt mit: Es geht um mich. Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Aber was genau ist los? Erfährt das Kind nicht, welche Krankheit es hat und was es bedeutet, an dieser Krankheit zu leiden, können Ängste ausgelöst werden: »Hier setzen unsere Schulungen mit ihrer kindgerechten Aufklärung an.«

Hilfe für Eltern

Aber auch Eltern, die bei einer chronischen Erkrankung ihres Kindes nicht mehr weiterwissen, erhalten Unterstützung. Es geht zum einen darum, die eigenen Ressourcen zu aktivieren. Aber natürlich gibt es auch ganz konkrete Informationen. Wann zum Beispiel spricht man von »Adipositas«? Was wäre das Idealgewicht meines Kindes? Leider, so Doris Götz, werden die Adipositas-Schulungen im Moment nicht so gut angenommen, wie es notwendig wäre: »Die Kinderärzte aus Unterfranken, mit denen wir gut vernetzt sind, sind in Bezug auf Adipositas sehr besorgt.«

Gut angenommen wurde die erste Epilepsie-Schulung, die sich über zwei Präsenztage erstreckt. Jeweils am Samstag treffen die Familien im Zentrum ein, am Sonntag reisen sie wieder zurück. Wie auch bei den anderen Schulungen, kommen die Familien aus einem Umkreis von hundert Kilometern um das Zentrum. Initiatorin der neuen Schulung ist Juliane Spiegler, Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) an der Uniklinik Würzburg. Bei der »Flip&Fap« genannten Schulung lernen die Teenager die Nervenzellen »Flip« und »Flap« kennen und erfahren, was bei einem epileptischen Anfall in ihrem Kopf vor sich geht.

Stichwort: Schulungszentrum

Im Ambulanten Schulungszentrum Würzburg hilft ein multiprofessionelles Team Kindern und ihren Eltern, mit chronischen Erkrankungen wie Adipositas, Asthma, Neurodermitis und Epilepsie gut umzugehen. Diesem Team gehören Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und Ernährungswissenschaftler an. Kontakt: zentrum@schulung-wuerzburg.de. pat

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