Handwerk in Bayern: Zukunftsangst auf hohem Niveau

Hoher Auftragsbestand bei Fachkräftemangel

München
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Eine der größten Herausforderungen für klein- und mittelständische Unternehmen ist der Fachkräftemangel. Neben akademischen Berufsgruppen leiden aber auch das Handwerk und die Pflegeberufe unter einem akuten Mangel an qualifizierten Kräften. Symbol-Foto: dpa
Foto: Patrick Pleul
Die Zahlen des letzten Quartals zeigen: Bayerns Handwerkern geht es ganz gut. Der Umsatz kletterte im ersten Halbjahr 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um preisbereinigt 3,3 Prozent und 86 Prozent der  Betriebe bewerteten ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend - ähnlich viele wie vor einem Jahr. Doch der Blick in den Herbst vertreibt den Betriebsinhabern den Optimismus.

Das äußert sich in den Erwartungen. Nur noch acht Prozent der Betriebe sehen nach der vierteljährlichen Erhebung des Bayerischen Handwerkstags (BHT) zuversichtlich in die Zukunft und erwarten eine bessere Geschäftslage, 73 Prozent gehen von einer gleichbleibenden aus. Das bedeutet eine Reduzierung um sechs beziehungsweise zwei Punkte, erläuterte BHT-Präsident Franz Xaver Peteranderl am Freitag in München. Spürbar wird der schwindende Optimismus auch in der Investitionsneigung, die um zwei Prozentpunkte auf 37 Prozent abnahm.
 
In dem von der Corona-Krise weitgehend unberührten Bau- und Ausbaubranche würden die Preise weiter in die Höhe getrieben und die Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung würden wohl bis weit in das kommende Jahr anhalten, sagte Peteranderl. In der Folge würden Bauprojekte storniert. Insgesamt hätten Bau und Ausbau zwar noch gut zu tun, aber wie lange das Auftragspolster ausreiche, sei schwer prognostizierbar. Das Bauhauptgewerbe als Wachstumslokomotive des Handwerks stehe jedenfalls "nicht mehr unter Volldampf", so der BHT-Präsident.

Hoher Auftragsbestand

Quer durch alle Branchen können sich die Betriebe mit einem durchschnittlichen Auftragsbestand für 11,2 Wochen (plus 0,5 Wochen gegenüber dem Vorjahr) noch nicht beklagen. Die Betriebsauslastung nahm im zweiten Quartal um einen Prozentpunkt auf 81 Prozent zu. Die Aussichten für das zweite Halbjahr hingen ganz wesentlich davon ab, ob und wie viel Erdgas Russland in den kommenden Monaten noch liefert, sagte Peteranderl.
 
Eine wie auch immer geartete Rationierung der noch vorhandenen Gasmenge würde energieintensive Gewerke wie das Lebensmittelhandwerk, Industriezulieferer oder Textilreiniger stark betreffen. Die Verbraucher würden dies wahrscheinlich zuerst am eingeschränkten Sortiment der Bäckereien zu spüren bekommen. Peteranderl schloss sich den Forderungen an, die deutschen Atomkraftwerke noch etwas länger laufen zu lassen. Deren Nutzung über das Jahresende hinaus dürfe "keinesfalls ausgeschlossen" werden, was man auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gegenüber deutlich gemacht habe.
 
Neben der Inflation und der erwarteten Energieprobleme belastet der anhaltende Fachkräftemangel das Handwerk. Knapp einen Monat vor Start des neuen Ausbildungsjahres seien noch zahlreiche Plätze im Handwerk unbesetzt, berichtete BHT-Hauptgeschäftsführer Frank Hüpers. Bis jetzt seien nur 15.000 neue Lehrverträge abgeschlossen worden - 2,6 Prozent weniger als vor einem Jahr. Man versuche, "mit allem, was möglich ist" gegen den Azubi-Mangel anzukämpfen, so der Hauptgeschäftsführer.

Whistleblower-Meldestelle im Handwerksbetrieb

Während der Handwerkspräsident die Pläne der bayerischen Staatsregierung zur verstärkten Förderung der beruflichen Bildung begrüßte, kritisierte er den vom Bundeskabinett beschlossenen Entwurf für ein "Hinweisgeberschutzgesetz". Das gehe weit über das Notwendige hinaus und werde zusätzliche Bürokratie und Unfrieden stiften, sagte Peteranderl. Von den insgesamt knapp 209.000 bayerischen Handwerksbetrieben, die zusammen 946.400 Menschen beschäftigen, verfügen 2.500 über eine Belegschaft von mehr als 50 Personen, so dass sie eine interne Meldestelle für Whistleblower einrichten müssten.Traditionell überkreuz liegt Peteranderl, der auch Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern ist, mit der Münchener Verkehrspolitik. Beunruhigt sind die Handwerker von der immer wieder auftauchenden Idee einer "City-Maut", die bei etwa sechs bis zehn Euro pro Fahrzeug und Tag für Fahrten in, aus und nach München betragen soll. Natürlich lehnen dies die Handwerksbetriebe in ihrer großen Mehrheit ab, berichtete Peteranderl. Mehr noch: 41 Prozent der oberbayerischen Betriebe kündigten an, bei Einführung einer solchen Maut nicht mehr im Stadtgebiet Münchens tätig werden zu wollen.

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