Gerrit Himmelsbach: "Freistaat soll Jagdschloss zurückkaufen"

Aschaffenburg
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»Im Spessart gibt es mehrere Brennpunkte«: Gerrit Himmelsbach, Historiker und Vorstandsmitglied des Spessartbunds. Eichenzentrum, Walderlebniszentrum, Jagdschloss Luitpoldhöhe, Naturschutz im Wald: Wie geht es in der Region weiter? Der Spessartbund gründet für die Entwicklung des Spessarts eine neue Arbeitsgruppe. Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Ei­chen­zen­trum im Ha­fen­l­ohr­tal, Wal­der­leb­nis­zen­trum am Bisch­bor­ner Hof, Jagd­sch­loss Rohr­brunn, Ent­wick­lungs­kon­zept für den Spess­art: Zu die­sen The­men grün­det der Spess­art­bund, Dach­ver­band der hie­si­gen Wan­der­ve­r­ei­ne, ei­ne Ar­beits­grup­pe.

Unser Medienhaus sprach mit Gerrit Himmelsbach (51) vom Spessartbund-Vorstand darüber, was dieses Projekt bewirken soll.

Der Arbeitsgruppen gibt es generell viele. Warum braucht der Spessartbund eine neue?

Weil es auch im Nachklang zur Nationalpark-Debatte mehrere Brennpunkte im Spessart gibt.

Welche?

Das sind die Pläne der Staatsregierung für ein Eichenzentrum im Hofgut Erlenfurt im Hafenlohrtal und für ein Walderlebniszentrum am Bischborner Hof. Dazu kommen die Überlegungen zum Jagdschloss Luitpoldhöhe bei Rohrbrunn, das die Eigentümer ja offensichtlich verkaufen wollen. Das alles sollte nach Auffassung des Spessartbunds koordiniert werden, damit ein Gesamtkonzept entsteht. Deshalb die Arbeitsgruppe.

Darüber hinaus haben wir den Spessartkongress aus dem Jahr 1995 im Blick. Damals wurde klar, dass man den Spessart als Ganzes betrachten muss. Den bayerischen und den hessischen Spessart als Gesamtheit - auch beim Thema Naturschutz. Dafür ist der Spessartbund bestens geeignet, weil er in beiden Teilen des Spessarts daheim ist.

Wann startet die Arbeitsgruppe?

Wir legen am Mittwoch, 16. Januar, los. Eingeladen sind alle Ortsgruppen des Spessartbunds, die Fördermitglieder und natürlich der Vorstand. Gerhard Ermischer, Präsident des bayerischen Wanderverbands und Vorsitzender des Archäologischen Spessartprojekts, das die hiesige Kulturlandschaft erforscht, wird die Gruppe leiten.

Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?

Wir haben uns vorgenommen, nach einem Vierteljahr mit Zwischenergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Eingebunden sind der Verein Naturpark Spessart und der Tourismusverband Spessart-Mainland. Wir wollen mit der Arbeitsgruppe herausfinden, was die Menschen in der Region für ihren Spessart wirklich wollen. Deshalb muss man ihnen zuhören, was wir tun wollen.

Spessart als Kulturlandschaft: Diese Stichworte haben Sie eben genannt. Wir steht es um die Kulturlandschaft Spessart?

Die Kulturlandschaft ist eine über Jahrhunderte von den Menschen geschaffene Landschaft. Sie deckt mehrere Themen ab: Wald, Vorspessart, Spessarttäler. Beim Wald geht es darum, wir wir ihn bewirtschaftet haben wollen - Stichworte Forstwirtschaft, Naturschutz, Holzrechte. Beim Vorspessart geht es um die für ihn charakteristischen Streuobstwiesen und deren Zukunft. Bei den Spessarttälern geht es darum, sie offen zu halten, damit Büsche und Sträucher nicht überhand nehmen. Generell geht es um die Biodiversität.

Wie soll es mit der Kulturlandschaft Spessart weitergehen? Wie soll sie sich entwickeln?

Genau das gilt es, in der Arbeitsgruppe zu erörtern. Wollen wir, dass die Kulturlandschaft Spessart so bleibt wie sie ist? Oder wollen wir Veränderungen - und wenn ja, welche? Darum geht es.

Mal konkret. Wie steht der Spessartbund zu dem vom Freistaat für 26,5 Millionen Euro geplanten Eichenzentrum im Hofgut Erlenfurt im Hafenlohrtal? Die Planungen sind ja schon sehr weit gediehen.

Wir sind für die Sanierung des Hofguts, das ja dem Freistaat gehört. Die Nutzung sollte der Bedeutung des Hafenlohrtals als Kulturlandschaft und auch dem Naturschutz gerecht werden.

Das heißt?

Wir halten »Waldwelt Spessart«, das geplante Angebot für Tagesbesucher und Touristen im Eichenzentrum, für ungeeignet - zum einen wegen der schlechten Verkehrsanbindung, zum anderen aufgrund der Lage in dem naturschutzfachlich sensiblen Gebiet.

Und die vorgesehene Akademie »Wald und Gesellschaft«, in der beispielsweise Lehrer und Naturführer über den Spessart tiefgründig informiert werden sollen, um anschließend ihr Wissen weiterzugeben?

Dieser Seminarbetrieb mit Fortbildung im Eichenzentrum wäre sehr sinnvoll. Wir als Spessartbund können uns sehr gut vorstellen, dort unsere Wanderführer-Ausbildung zu machen.

Kommen wir vom Hafenlohrtal hoch zum Bischborner Hof an der B 26. Dort plant der Freistaat ein Walderlebniszentrum eventuell mit einem Aussichtsturm. Das wird sicher auch ein Thema Ihrer neuen Arbeitsgruppe sein.

Ja. Dieses Projekt hat auch mit der Haushaltsentwicklung des Freistaats zu tun. Ein Termin hierzuim Münchner Umweltministerium wurde neulich ja abgesagt. Da ist wohl noch alles offen. Beim Eichenzentrum ist das viel konkreter. Auch beim Walderlebniszentrum ist unsere Arbeitsgruppe gefordert. Es gilt zu klären, wie das Umweltministerium dazu steht.

Zuletzt bestimmte das Jagdschloss Luitpoldhöhe in Rohrbrunn die Spessart-Debatte. Die Eigentümer wollen offenbar das Schlösschen verkaufen. Gleich gab es Ideen: vom Tourismuszentrum bis hin zum Museum für den Prinzregenten Luitpold, der dort während seiner bekannten Sauenjagden im Spessart wohnte. Wie sieht das der Spessartbund?

Auch wenn es andere Ansichten gibt: Wir sind dafür, dass der Freistaat das Jagdschloss, das er vor ein paar Jahren an privat verkauft hat, zurückkauft. Neben dem Pompejanum in Aschaffenburg ist das Jagdschloss in Rohrbrunn das einzige Wittelsbacher Erbe in der Region. Die Idee eines Luitpold-Museums ist interessant, weil es so etwas in ganz Bayern nicht gibt. Es wird Aufgabe der neuen Arbeitsgruppe des Spessartbunds sein, hier die Initiative zu ergreifen, sich eventuell mit Behörden und Eigentümern auseinander zu setzen, auszuloten, was gegebenenfalls im Schlösschen gemacht werden soll und wer Träger wird.

Im Spessart gibt es seit der sehr emotional und kontrovers geführten Nationalpark-Debatte zwei Lager: Gegner und Befürworter. Beide Seiten haben vor allem unterschiedliche Ansichten, wenn es um den Naturschutz im Wald geht. Zusammengefasst: weitere Naturschutzflächen - ja oder nein? Wie sieht das im Spessartbund aus?

Wir haben 10 000 Mitglieder. Da sind natürlich auch beide Seiten vertreten.

Kann vielleicht genau diese Tatsache eine Chance sein, dass man zusammenfindet?

Von der Debatte über den Naturschutz bis hin zu den Projekten in den genannten Spessart-Gebäuden: Ich wünsche mir, dass wir mit unserer neuen Arbeitsgruppe ein Ergebnis erzielen, das alle mittragen können. Wir müssen die Menschen mitnehmen, die Menschen, die hier wohnen ebenso wie die Besucher. Man muss miteinander reden, dann findet man auch zueinander. Wenn man in München, in der Landespolitik, etwas erreichen will, dann geht das nur, wenn wir als Region Spessart mit einer Stimme sprechen. Wer weiß? Vielleicht gelingt uns ja ein Pilotprojekt. Ein Vorzeigeprojekt für andere Mittelgebirgsregionen, die sich ebenfalls Gedanken um ihre Zukunft machen.

Zur Person: Gerrit Himmelsbach

Der Aschaffenburger Gerrit Himmelsbach war von 2006 bis zur Organisationsreform 2017/2018 Vorsitzender des Spessartbunds, der Dachorganisation der Wandervereine in der Region. Seit der Reform ist Himmelsbach eines von zehn Vorstandsmitgliedern. Außerdem ist er Projektleiter beim Archäologischen Spessartprojekt (ASP), das sich mit der Erforschung der Kulturlandschaft beschäftigt. Seit 2010 ist das ASP ein Institut der Uni Würzburg.

Gerrit Himmelsbach hat in Würzburg und Straßburg mittelalterliche und neuere Geschichte sowie Archäologie studiert. Der 51-Jährige ist promovierter Historiker.

Hintergrund: Biosphärenreservat im Spessart?

Mit 136 Ja- zu 6 Nein-Stimmen hat der Spessartbund vor Kurzem in einer Versammlung die Gründung der neuen Arbeitsgruppe zur Zukunft des Spessarts beschlossen. Laut Mitteilung des Dachverbands der hiesigen Wandervereine mit 10 000 Mitgliedern ging es bei diesem Treffen auch um ein mögliches Biosphärenreservat im Spessart, das bereits während der Nationalpark-Debatte ein Thema war.

Gerhard Stühler, Vorsitzender der Spessartbund-Ortsgruppe Schöllkrippen (Kreis Aschaffenburg), habe sich in der Versammlung dafür ausgesprochen. Zentraler Punkt dieses Reservats könnte nach Ansicht der Ortsgruppe Schöllkrippen die Bayerische Schanz sein. Hier sei sowohl eine geeignete Infrastruktur vorhanden als auch ein entsprechender historischer Hintergrund mit der Birkenhainer Straße, heißt es weiter.

Zudem befinde sich die Bayerische Schanz ziemlich genau auf der bayerisch-hessischen Grenze. Stühler laut Mitteilung: »Warum sollte im Spessart nicht möglich sein, was seit Jahren in der Rhön mit drei Bundesländern funktioniert?« (Bayern, Hessen, Thüringen).

Geplant sei ein »intensiver Informationsaustausch mit dem benachbarten Biosphärenreservat Rhön« durch die neue Arbeitsgruppe des Spessartbunds, heißt es weiter.

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