Friedhöfe als Refugien der Natur

Fauna: Die Orte der Trauer bieten Raum für Artenvielfalt - Auf historischen Friedhöfen finden Tiere Unterschlupf

FRANKFURT
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Dieses Trafohäuschen an einem Friedhof im hessischen Friedberg wurde zum Vogelturm umgebaut. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Foto: Sebastian Gollnow
Bie­nen sum­men zwi­schen Gr­ab­stei­nen, Fle­der­mäu­se fin­den Un­ter­schlupf in al­ten Fried­hofs­bäu­men. Die letz­te Ru­he­stät­te von Men­schen kann zahl­rei­chen Tier- und Pflan­zen­ar­ten wert­vol­len Le­bens­raum bie­ten. Doch Na­tur­schüt­zer se­hen ge­ra­de auf neue­ren An­la­gen Po­ten­zial für mehr Na­tur und Nach­hal­tig­keit.

Diese seien anders als viele alte Friedhöfe oftmals viel zu aufgeräumt, sagt Frank Uwe Pfuhl vom Wetterauer Kreisverband des Naturschutzbunds (Nabu) Hessen. Als Beispiel nennt er Grabgestaltungen mit Schotterflächen, wie man sie auch in Vorgärten findet. Diese seien zwar pflegeleicht und im Trend, doch für die Ökologie von Nachteil.

Die Naturschützer wollen für die Möglichkeiten einer naturnahen Grabgestaltung - etwa mit einheimischen Blühpflanzen oder Stauden - sensibilisieren. Friedhöfe seien letztlich große Grünanlagen, so Pfuhl. »Man verschenkt Potenzial, wenn man sie steril, sauber und aufgeräumt hält. Potenzial für uns Menschen, dort einen Ort der Ruhe zu finden, aber auch für den Mikroklimaschutz und die Artenvielfalt.«

Insbesondere historische Anlagen mit ihren alten Bäumen, verwunschenen Ecken und Gehölzen bieten auch heute noch viel Raum für Artenreichtum, wie der Nabu-Landesverband unlängst in Erinnerung gerufen hat. »In diesen jahrhundertelang gewachsenen Biotopen finden zahlreiche Vogel- und Insektenarten, Igel, Eichhörnchen, Bilche und Fledermäuse, aber auch Eidechsen einen sicheren Rückzugsort.«

Auch Friedhofsverwaltungen nehmen die Nachhaltigkeit in den Blick. »Die Friedhöfe sind Grünanlagen, auf denen zwar Naherholung möglich ist, die aber aus nahe liegenden Gründen der Pietät nicht zugleich zur Freizeitgestaltung freigegeben sind. Sie eignen sich deshalb besonders gut, die Natur und die Tiere zu schützen, da hier kein Nutzungsdruck gegeben ist«, heißt es etwa aus Offenbach. Friedhöfe seien also »Refugien der Natur« im innerstädtischen Bereich. »Deshalb legen hier Stadt und Stadtwerke großen Wert auf den Umweltschutz und die Nachhaltigkeit.«

In Offenbach können den Stadtwerken zufolge auf dem Alten Friedhof Bienenvölker ausschwärmen, es gibt insektenfreundliche Blüten, Brutkästen für Vögel oder Platz für Fledermäuse. Auf dem Neuen Friedhof soll bald ein Naturlehrpfad entstehen. Es gibt hier auch einen »Memoriam-Garten« mit rund 160 Pflanzenarten. Die Stadt hat zudem eine geänderte Satzung, die unter anderem den Einsatz von Pflanzenschutz- und Unkrautbekämpfungsmitteln auf den Friedhöfen verbietet. Die Mitarbeiter benutzten schon lange keine solchen Mittel mehr, die Satzung solle aber festlegen, »dass auch dort arbeitende Friedhofsgärtnereien und Privatleute darauf verzichten müssen«.

Auf dem Friedhof in Friedberg-Dorheim gibt es eine Blühwiese für Insekten. Diese sei auf einer Fläche angelegt worden, die ansonsten erst einmal brach gelegen hätte, heißt es aus der Wetterau-Stadt. Vor dem Eingang des Friedhofs steht außerdem ein altes Trafohäuschen, das die Nabu-Gruppe Friedberg zu einem Vogel- und Fledermaushotel umgebaut hat. Das Thema Nachhaltigkeit ist auch bei den Bestattern angekommen. Das sagt der Geschäftsführer des Verbands »Deutsches Institut für Bestattungskultur«, Hermann Hubing. »Es gibt durchaus einen Trend, der hingeht zu nachhaltigeren Bestattungen. Und er sollte auch dahingehen.« Klar sei aber auch: »Die meisten Leute beschäftigen sich erst mit dem Thema Bestattungen, wenn der Fall eintreten ist. Dann haben sie ganz andere Dinge im Kopf als zu diskutieren: Ist das nachhaltig?« Das könne man im Vorfeld machen, bei Vorsorgegesprächen, sagt Hubing. Die Bestatter hätten dann die Möglichkeit, auf das Thema aufmerksam zu machen.

Hubing zufolge gibt es beispielsweise Särge aus nachhaltiger Produktion, Verordnungen regelten den Verzicht von Kunststoffen und Kommunen erlaubten meist nur noch komplett verrottbare Urnen. Materialien wie Marmor oder Metall für die Gefäße können dann nicht mehr verwendet werden, wie er erläutert. Natürlich bedeute das eine Einschränkung. »Aber im Sinne der Umwelt halte ich diese Einschränkung für durchaus sinnvoll. Es gibt auch schöne Urnen, die abbaubar sind.«

Hintergrund

» Man verschenkt Potenzial, wenn man sie steril, sauber und aufgeräumt hält. «

Frank Uew Pfuhl,Naturschützer

Hintergrund

» Es gibt durchaus einen Trend, der hingeht zu

nachhaltigen Bestattungen. «

Hermann Hubing,Bestattungsexperte

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