Ex-Ifo-Präsident Sinn warnt vor den Gefahren massiver Geldmengenvermehrung

Wie ein Geldtransporter ohne Bremsen

München
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Hans-Werner Sinn
Der frühere Präsident des Münchener Ifo Instituts Hans-Werner Sinn.
Foto: ifo
Eine frohe Botschaft hatte der frühere Präsident des Münchener Ifo Instituts Hans-Werner Sinn in seiner traditionellen Weihnachtsvorlesung noch nie zu bieten. 2020 machte da erst recht keine Ausnahme. Doch nicht die Corona-Pandemie gab dieses Jahr den Anlass für eher düstere ökonomische Zukunftsvisionen, sondern einmal mehr die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die kann laut Sinn zu einer "Zombifizierung" der europäischen Wirtschaft, zu einer unkontrollierbaren Inflation oder einer Kombination von beidem führen. Mit der Staatspapier-Ankaufspolitik steht der nach wie vor einflussreiche Ökonom ebenso wie viele seiner Kollegen seit Jahren auf Kriegsfuß. Daran hat sich nichts geändert. Entgegen ihrem Mandat betreibe die EZB nicht nur Geld-, sondern auch massiv Fiskalpolitik, so Sinn.

Er schloss sich dem Verdacht an, die EZB verfolge mit dem Ankauf von Staatspapieren in erster Linie den Zweck, hoch verschuldete Regierungen vor einem Zinsanstieg zu schützen. Diese Politik habe zu dem absurden Ergebnis geführt, dass zum Beispiel die Bonität Griechenlands ebenso hoch bewertet werde wie die der USA, obwohl das Mittelmeerland bei seiner Staatsverschuldung unlängst die 200-Prozent-Marke überschritten habe. Die EZB-Politik entlaste die Staaten sowie die Unternehmen und Privatleute, die Schulden machten, gehe aber zu Lasten der Sparer, der Lebensversicherungen und Stiftungen, sagte Sinn. Im Grunde habe sich seit der Zeit der römischen Kaiser nicht viel geändert: "Die Potentaten erliegen der Versuchung, sich der Druckerpresse zu bedienen, nur sind sie heute demokratisch gewählt".

"Auto ohne Bremsen"

Das vorgebliche Ziel der EZB, die Inflation im Euro-Raum anzuregen, so dass die als optimal geltende Zwei-Prozent-Marke erreicht wird, ist nach Einschätzung Sinns ebenso wenig zu erreichen wie eine Ankurbelung der Wirtschaft auf dem Kontinent. Die Zentralbankgeldmenge in der EU habe sich zwar seit 2008 auf inzwischen mehr als sechs Billionen Euro versiebenfacht, doch lägen viele Milliarden in der "Liquiditätsfalle" fest. Darunter versteht Sinn Geld-"Horte" von Haushalten, Unternehmen und vor allem Banken. Dieses Geld gelange nicht in den Wirtschaftskreislauf. Doch mit dem Ankauf von Staatspapieren sorge die EZB dafür, dass die Zinsen niedrig blieben und hoch verschuldete Staaten nicht in Bedrängnis gerieten. Eine solche Politik hält Sinn für "gefährlich".

Der Ökonomieprofessor verglich das EU-Geldsystem mit einem "Auto ohne Bremsen". Dabei müsse es nicht gleich zu einem Unfall kommen. Den Crash vorherzusagen, sei unmöglich. Er könne aber eintreten, wenn sich beispielsweise nach der Corona-Krise die europäische Wirtschaft wieder erhole und die Preisentwicklung in Gang komme. Dann fehlten der EZB die Zügel, um die davon galoppierende Inflation wieder einzufangen, meinte Sinn. Ein Wiederverkauf der gehorteten Staatspapiere durch die EZB zur Reduzierung der Geldmenge sei praktisch nicht möglich, weil dies unter anderem ein massenhaftes Bankensterben zur Folge hätte.

Vorzeichen für Inflation?

Sogar das Potential für die Geldentwertung hat Sinn schon ausgerechnet. Rein theoretisch müsste der Euro danach um 84 Prozent abgewertet werden, um das Verhältnis zwischen vorhandener Geldmenge und Bruttoinlandsprodukt wieder ins Lot zu bringen. Sicher sei eine solche Entwicklung keinesfalls, betonte Sinn "und schon gar nicht sofort". Anzeichen für eine Inflation sieht der Ökonom aber schon auf dem Immobilienmarkt in Deutschland.

Seit 2008 stiegen die Immobilienpreise in 127 Städten um 94, in den sieben größten sogar um 121 Prozent. Eine andere Gefahr der EZB-Geldpolitik besteht Sinn zufolge in der "Zombifizierung" der europäischen Wirtschaft. Darunter wird die Fortführung von nicht mehr wettbewerbsfähigen Unternehmen verstanden. Als Beispiel für eine solche Politik gelte in der Wissenschaft Japan, wo seit vielen Jahren alle Unternehmen gerettet würden und damit die vom Ökonomen Joseph Schumpeter benannte "schöpferische Zerstörung" nicht mehr stattfinde.

Denkbar sei auch eine Kombination beider Phänomene, was dann in eine so genannte Stagflation, also eine Kombination von Wirtschaftsstagnation und Geldentwertung, führen könnte. Mit der Aussicht auf eine Stagflation wollte Sinn seine Zuhörer in der in diesem Jahr virtuell gestalteten Weihnachtsvorlesung dann aber doch nicht entlassen. Wegen des neuen von Biontech entwickelten Impfstoffs werde 2021 besser sein als das alte, zeigte sich Sinn zuversichtlich. Die Leute der Mainzer Firma "retten die Welt".

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