Ein großer Schritt für Asperger-Autistin

Christine Preissmann hat sich mit Praxis für Psychotherapie in Roßdorf selbstständig gemacht

Roßdorf
3 Min.

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Roßdorf, Praxis Dr. Christine Preissmann Interview mit Christine Preissmann, Ärztin und Asperger-Autistin, die jetzt eine eigene Praxis in Roßdorf hat, die Selbstständigkeit ist ein riesiger Schritt für sie als Autistin, Foto: Petra Reith Bildunterschrift 2021-04-01 --> Das Lächeln hat sie sich über Jahre angeeignet: Asperger-Autistin Christine Preissmann in ihrer neuen Praxis. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith
»Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal tun würde«, sagt Christine Preissmann. Und dann lacht sie. Dabei fällt ihr das mit der Mimik nicht so leicht. Die 51-Jährige sitzt hinter ihrem Schreibtisch in dem hellen, lichtdurchfluteten Raum, in dem gleich mehrere Fenster den Ausblick über Wiesen und Felder bei Roßdorf (Kreis Darmstadt-Dieburg) gestatten.

Im Büro hängen Fotografien ihrer Reisen, die sie gemacht hat. Löwen in Afrika, Eislandschaften in der Antarktis.

In dieser freundlichen, offenen Umgebung wird die promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie demnächst Patienten empfangen. Ihnen durch Krisen helfen und sie bei seelischen Problemen zu unterstützen. Was jetzt erst einmal nicht so ungewöhnlich klingt. Aber Christine Preissmann ist Asperger-Autistin. Und für Menschen wie sie ist jede Veränderung eine Herausforderung. Denn nach über 18 Jahren hat sie ihre Stelle als Ärztin in einer psychiatrischen Klinik in Heppenheim (Kreis Bergstraße) aufgegeben - um sich selbstständig zu machen. Um sich als Psychotherapeutin niederzulassen. Letztes Jahr habe es plötzlich freie Kassensitze im Landkreis gegeben, wie sie erzählt. Und sie wagte es, traute sich.

Zu viele Reize

Der Klinikbetrieb mit Schichtdiensten hatte ihr lange nichts ausgemacht. Aber zuletzt haben ihr die Nachtdienste immer mehr zugesetzt. So sehr, dass sie sie irgendwann nicht mehr machen konnte. Die Reize, die Impulse waren irgendwann zu viel Stress für sie. Ihr Körper reagierte darauf, indem sie morgens regelmäßig mit Übelkeit aufwachte und Tage danach brauchte, um sich davon zu erholen. Autisten wie Preissmann können nicht filtern. Auf sie wirken Geräusche, Bilder, Töne und Lichtreflexe ungefiltert ein. Ihr Gehirn ist nicht in der Lage, die unwichtigen Reize auszusortieren und die wichtigen Informationen zu priorisieren. Was zu Chaos im Kopf führen kann.

Bei Preissmann wurde der Autismus erst spät erkannt. Mit 27 Jahren erhielt sie diese Diagnose durch Zufall, als sie sich wegen Depressionen in psychotherapeutische Behandlung begeben hatte.

Autisten tun sich durch Corona besonders schwer. Weil Strukturen wegfallen, müssen sich die Menschen neu organisieren. »Das Selbststrukturieren fällt vielen schwer. Das gelingt vielen nicht gut.« Für sie war das vergangene Jahr auch ein anstrengendes Jahr. Mitte März wurden alle Veranstaltungen für den Rest des Jahres innerhalb kürzester Zeit abgesagt. »Plötzlich hing ich in der Luft.« Autisten brauchen nämlich feste Strukturen, um sich orientieren zu können. Eine Bekannte zeigte ihr dann, wie sie Online-Seminare und Vorträge organisiert. Seitdem macht sie das und nennt es eine gute Möglichkeit.

Denn sie will weiter über Autismus aufklären. Die Leute nähmen, so Preissmann, das Angebot dankbar an. Neulich im Zug saßen neben ihr zwei Leute. Die eine Frau sagte, sie habe gelesen, dass Autisten doch ganz normale und liebe Menschen seien. »Ich fand es toll, dass ganz normale Menschen sich für Autismus interessieren. Das war nicht immer so. Und langsam erkennen viele auch, dass Autisten nicht nur die schaukelnden Kinder in der Ecke sind«, meint die Ärztin.

Was sie vermisst hat das letzte Jahr, war die Möglichkeit, sich in ein Café zu setzen und Menschen zu beobachten. »Ich war gerne alleine unter Menschen. Das fehlt mir gerade sehr«, meint sie.

Keine Überraschungen

Überraschungen gab es keine für die Medizinerin bei ihrem Schritt in ihr neues Leben. »Ich wusste, was auf mich zu kommt. Ich habe mich genau informiert«, sagt sie. Auch das ist typisch für Asperger-Autisten. Aber das Praxisschild an der Tür passt noch nicht. »Der Vermieter hat gesagt, es wird umgehend getauscht. Aber er hat eine andere Vorstellung von umgehend als ich«, erklärt die 51-Jährige. Was normale Menschen hinnehmen, stört sie jeden Tag. Darüber hinwegsehen kann sie nur schwer. Auch wenn sie sich über die Jahre viel angeeignet und viel gelernt hat, was Verhalten, Einfühlungsvermögen und Emotionen angeht. »Sonst könnte ich auch nicht als Therapeutin arbeiten.«

Den Klinikalltag lässt sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter sich. »Ich war gerne dort. Ich habe dort die stabilste Zeit in meinem Leben erlebt«, erzählt Preissmann. Die Patienten hätten sich nach und nach von ihr verabschiedet. »Das macht dann doch etwas mit einem.« Angst vor ihrem neuen Leben hat sie nicht. Auch Mut hätte es nicht gebraucht, um diesen Schritt zu gehen. »Ich finde es eher passend und angemessen, dass ich jetzt hier sein kann«, meint Preissmann. Weg vom stressigen, oft fremdbestimmten Klinikalltag hin zu Selbstständigkeit und Freiheit. Ein großer Schritt für eine Asperger-Autistin.

Online-Seminar »Gut leben mit Autismus« zusammen mit Ergotherapeutin Meike Miller am Samstag, 29. Mai, 10 bis 16 Uhr; Internet www.preissmann.com

Hintergrund: Weltautismustag am 2. April

Asperger-Autismus ist eine Störung des autistischen Formenkreises. Der Weltautismustag am 2. April soll helfen, das Verständnis für Menschen mit Autismus zu verbessern. Menschen mit Asperger-Syndrom haben Probleme in der sozialen Interaktion. Blickkontakt, Gestik und Mimik fallen ihnen schwer und sie haben eine verminderte Fähigkeit, nonverbale Signale bei anderen Personen zu erkennen. Die Betroffenen sind außerdem oft darauf fixiert, ihre äußere Umgebung und Tagesabläufe möglichst gleichbleibend zu gestalten. Die autistische Störung bleibt ein Leben lang bestehen. Durch gezielte Förder- und Therapiemaßnahmen lässt sich eine deutliche Verbesserung der Symptomatik erreichen und die Lebensqualität steigern. Christine Preissmann wird ihr Leben lang deshalb Psychotherapie als auch Ergotherapie benötigen.

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