Das »weiße Gold« hält Einzug im Erbacher Schloss

Sonderausstellung: Porzellan aus Frankenthal zu Gast in der Odenwald-Stadt - Exponate im 100 Seiten starken Katalog detailliert dargestellt

Erbach
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Die Wissenschaftliche Leiterin der Gräflichen Sammlungen, Anja Kalinowski, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Porzellanfiguren Koch und Köchin. Foto: Manfred Giebenhain
Foto: Manfred Giebenhain
Vor sechs Jah­ren ist das Deut­sche El­fen­bein­mu­se­um in das Er­ba­cher Sch­loss um­ge­zo­gen. Vom »wei­ßen Gold« ist auch dann die Re­de, wenn Por­zel­lan im Mit­tel­punkt der Be­trach­tung steht, wie es dies der­zeit auf die be­nach­bar­ten Räu­me der Gräf­li­chen Samm­lun­gen zu­trifft.

Noch bis Ende des Jahres mischen sich rund 300 »keramische Gäste« aus der Frankenthaler Porzellanmanufaktur unter die Exponate der Dauerausstellung, um auf Tischen und Möbeln sowie in Vitrinen zu gefallen.

Zerbrechliche Schönheiten

Die »zerbrechlichen Schönheiten«, wie sie im über 100 Seiten starken Katalog im Einzelnen beschrieben werden, stehen stellvertretend für die Porzellanmanufaktur, die im 18. Jahrhundert ihren Siegeszug in Europa vollzogen hat. »Mit der Ausstellung Frankenthaler Porzellane in den Schlossräumen wollen wir Sie in die Hofhaltung und Lebenswelten des Grafen Franz I., seiner Vorfahren und seiner Nachkommen entführen«, erklärt dazu die Wissenschaftliche Leiterin der Gräflichen Sammlungen, Anja Kalinowski. Der Großteil der ausgestellten Stücke sind Leihgaben des Erkenbert-Museums in Frankenthal. Die Sonderausstellung unter dem Titel »Zu Gast im Schloss« ist noch bis 6. Januar 2023 zu sehen.

Siegeszug des weißen Golds

Der Besucher nähert sich nicht über den bekannten Haupteingang des Schlosses, der zunächst in den Rittersaal und in die Waffenkammer führt. Anstelle diesem begibt sich der Gast über die Stufen des ehrwürdigen Turms in die Beletage des Schlosses, wo er nach wenigen Schritten im Herzen der höfischen Welt ankommt. Begrüßt und begleitet wird er dabei von Familienmitgliedern und Schlossgästen des 18. Jahrhunderts, die in Form von Scherenschnitten Gestalt annehmen.

Damit wird der Bogen gespannt von der Porzellanmanufaktur von Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz (1724 - 1799) und dem Erbacher Geschlecht. »Waren die Erbacher Schenken einst bei unzähligen Gastmählern der kurpfälzischen Regenten zugegen, so kehren nun deren Porzellanerzeugnisse ein ins Erbacher Schloss und werden hier als Gäste empfangen«, führt Kalinowski in das Thema ein. Wie alle Landesherren bildeten die Pfalzgrafen keine Ausnahme, um am Siegeszug des weißen Golds teilhaben zu können. Kurfürst Carl Theodor förderte die Ansiedlung einer Porzellanfabrik in Frankenthal, unweit seiner neuen Residenz in Mannheim.

Bevor der Besucher von heute als erste die festlich gedeckte Tafel in der Hirschgalerie in Augenschein nimmt, führt die Ausstellung in die Geschichte der Frankenthaler Porzellanmanufaktur ein. Sie geht auf den Straßburger Fayence-Fabrikanten Paul Anton Hannong (1700 - 1760) zurück. Es folgt eine kleine Einführung in die Produktionstechnik, wie sie in Europa praktiziert wurde. Im kleinen Kabinett macht Kalinowski auf ein trauriges Familienereignis aufmerksam, das sich unter dem großen Gemälde befindet, das Graf Franz I. mit seinen Kindern zeigt, wie er ihnen vom Tod der Mutter berichtet. In der ausgestellten Porzellantasse wurde Wöchnerinnen eine kräftigende Brühe gereicht, erklärt die Kuratorin der Ausstellung den Zusammenhang zwischen Gemälde und Exponat.

Nicht nur in der Erfindung der Porzellanherstellung war China vorbildlich für das europäische Porzellan. Im Chinesischen Zimmer sind zwischen zwei Regaleinsätzen Exemplare aus Frankenthal zu sehen, deren Blumen- und Landschaftsdekore auf Geschirrtellern ihren Vorbildern zum Verwechseln ähnlich sehen. In aristokratischen Kreisen beliebt waren auch die gerade in Mode gekommenen Heißgetränke wie Kaffee, Tee und Kakao. Die Zuckerdosen überragten die anderen Serviceteile. Ihre Größe stand für den Wohlstand, denn Zucker war ebenfalls noch ein Luxusgut. Der Oraniersaal steht ganz im Zeichen der barocken Speisetafel, die vom französischen Königshof geprägt war. Zur Eindeckung der beiden Hauptgänge gehörten passende Porzellanfiguren; beispielsweise mythologische Gruppen, Jagdszenen, jahreszeitliche Darstellungen oder Schäferidyllen.

Vergnügliche Tischgespräche

Es mangelte auch nicht an Humor. So dürfte das Duo aus Koch und Köchin Anlass zu vergnüglichen Tischgesprächen gegeben haben, macht Kalinowski auf die Handlungen aufmerksam. Während der Koch die Eier in seiner Kappe aufschlägt, stellt die Köchin aus dem Inhalt eines Nachttopfs eine Wurst her. Der Nachttopf gehörte zur persönlichen Toilette. Im Schlafzimmer der Gräfin angekommen, öffnet die Kuratorin die Tür zu einem kleinen Raum, in den nicht mehr als ein Leibstuhl hineingepasst hat. Zu den Aufgaben der Dienerschaft gehörte es auch, gefüllte Gefäße teils über längere Wege und Treppen zur gewünschten Stelle zu tragen, um sie zu entleeren.

Hintergrund: Ausstellung »Zu Gast im Schloss

Die Ausstellung »Zu Gast im Schloss - Zerbrechliche Schönheiten der Frankenthaler Porzellanmanufaktur« im Erbacher Schloss ist noch bis 6. Januar 2023 zu sehen. Von Montag bis Freitag ist die Besichtigung nur mit Führung möglich. Die Führungen beginnen um 11, 12, 14, 15 und 16 Uhr. Samstags, sonntags und an Feiertagen ist der Besuch von 11 bis 17 Uhr möglich. Begleitend finden Vorträge, Experten- und Kostümführungen statt. Zusätzlich werden Workshops in der Porzellanmalerei für Erwachsene und Kinder angeboten. Termine sowie weitere Informationen zur Sonderausstellung stehen im Internet unter www.schloss-erbach.de (pgi)

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