Das versöhnliche letzte Antlitz

Berufsbild: Die Bildhauerin Alexandra Beate Pohlus aus Bamberg/Würzburg fertigt als eine der letzten Totenmasken aus Gips nach einem traditionellen Verfahren

WÜRZBURG
4 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

»Ich se­he kei­nen Sch­re­cken in mei­ner Ar­beit. Der Mensch legt sei­ne Hül­le ab und geht in ei­ne an­de­re Welt«, sagt Alex­an­d­ra Bea­te Pohlus. Sie strahlt Le­bens­f­reu­de aus, wäh­rend sie ganz selbst­ver­ständ­lich über den Tod spricht.

Die Bildhauerin, Theologin, Philosophin und promovierte Kunsthistorikerin ist eine der Letzten, die das alte Handwerk der Totenmaskenbildnerei noch auf traditionelle Art praktiziert. Sie tut es auch in der Hoffnung, den Hinterbliebenen Trost zu schenken. »Sähe ich nichts Positives in meiner Arbeit, würde ich sie nicht machen«, sagt Pohlus. Doch die Künstlerin mit Wohnsitz in Bamberg und Nebenwohnsitz in Würzburg macht es seit Jahrzehnten. Gingen Anrufe bei ihr ein, fuhr sie auch schon nachts los, um vor der Beerdigung in der Leichenhalle, der Pathologie oder im heimischen Schlafzimmer des Verstorbenen das Gipsnegativ seines Antlitzes zu nehmen.

Ihr eigener Vater sei seinerzeit unter recht unglücklichen Umständen verstorben - und trotzdem habe er auf dem Sterbebett sehr versöhnlich ausgesehen, erzählt die Künstlerin. Das schenkte ihr selbst Trost. Könne sie dieses Gefühl an andere Hinterbliebene weitergeben, sei sie zufrieden. Und wahrscheinlich ist es auch das Interesse am Menschen selbst, das die Totenmaskenbildnerin für die außergewöhnliche Arbeit begeistert. Nicht von ungefähr fertigt sie als Bildhauerin am liebsten Porträts, versucht sich einzufühlen. In einer Ausstellung in Passau im Jahr 2019 stellte sie die Lebenden und die Toten einander gegenüber und zeigte Porträts wie auch Totenmasken.

Die Tradition der Totenmasken reicht Jahrtausende in die Vergangenheit, wenn auch in frühen außereuropäischen Kulturen »Begräbnismasken« frei gestaltet wurden, wie bekannte Beispiele wie die Totenmaske des ägyptischen Pharaos Tutanchamun oder auch das Goldene Antlitz des antiken Heros Agamemnon aus der Zeit um 1500 vor Christus zeigen. Die erste bekannte schriftliche Erwähnung eines Gipsabgusses geht zurück auf Plinius den Älteren in seiner »Naturalis historia«. Eine frühe berühmte Gipsmaske zeigt den Renaissance-Dichter Dante.

Von Generation zu Generation

Vor allem in Adelskreisen und unter Künstlern wurde es üblich, die Erinnerung an Verstorbene in Form einer Totenmaske wach zu halten. So weiß die Nachwelt bis heute, wie Richard Wagner, Bayernkönig Ludwig II. oder auch Friedrich Schiller auf dem Totenbett aussahen. Von Johann Wolfgang Goethe übrigens wurde seinerzeit keine Totenmaske, sondern ein Lebendabguss gefertigt. Alexandra Beate Pohlus hat Beides schon häufig gemacht, bei Totenmasken seien die Gesichtszüge prägnanter, bei Lebendabgüssen brauche es nicht selten eine Nachbearbeitung.

Bis heute gebe es Familien, die die Tradition der Totenmasken von Generation zu Generation weitertragen, erzählt die Bildhauerin. Gleichzeitig gebe es aber auch ein neues Klientel, das nach anderen Umgangsformen mit dem Tod suche. Neue Umgangsformen also für ein Zeitalter, in dem das Sterben und ein bewusster Umgang mit der Vergänglichkeit aus dem Alltag vieler Menschen verdrängt und das Lebensende zum Tabuthema erklärt wurde.

Dass in Alexandra Beate Pohlus' Leben, ganz im Gegenteil, der Tod eine zentrale Rolle im Berufsleben einnehmen sollte, entwickelte sich eher zufällig. Ab 1984 studierte die gebürtige Münchnerin Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in der Landeshauptstadt bei Professor Leo Kornbrust. Noch während ihres Studiums begann sie als Assistentin des Stuckateurs und Formenbauers Gerhard Gareißen in dessen Werkstätten zu arbeiten. Wurde der Meister gerufen, um eine Totenmaske zu nehmen, fuhr sie mit; erstmals 1982, als der Komponist Carl Orff gestorben war.

Den Meister habe es vor der Arbeit mit den Toten gegraust, ganz anders als seine Assistentin. »Mir graust es vor nichts. Man hat es, oder man hat es nicht«, sagt sie mit einem Schulterzucken. Die erste eigene Totenmaske fertige die Bildhauerin mit 35 Jahren in Wien an. Seither hat sie sich - neben ihrer Arbeit als Bildhauerin und Kunsterzieherin - dem uralten Traditionshandwerk verschrieben. Auch spezialisierte Bestatter können heute in modernen Schnellverfahren zwar mit Silicon Negative fertigen. Alexandra Beate Pohlus allerdings macht keinen Hehl daraus, dass sie von den »Silicondraufschüttern« wenig hält, mit Pietät und mit Kunst habe dies nichts zu tun. Bei einer traditionell gefertigten Totenmaske sehe man Fältchen, sehe man Poren, könne frei entscheiden, ob ein Stück Hals und die Ohren mitgearbeitet werden. Ein möglichst naturgetreues Bildnis soll entstehen.

Veränderungen nur auf Wunsch

Das traditionelle Gipsstückformverfahren, das die Bildhauerin anwendet, ist um die 500 Jahre alt. Zunächst wird die Haut des Verstorbenen eingecremt, Ohren und Nasenlöcher werden mit Watte und Creme verschlossen. Dann legt Pohlus eine erste dünne Gipsschicht auf. Ein mehrteiliges Negativ entsteht, indem zwei Fäden von der Stirn bis zum Kinn gelegt werden, ehe die Form in mehreren Schichten aufgebaut wird. Der schwierigste Moment sei das Fädenziehen, das genau zum richtigen Moment erfolgen muss; dann, wenn die Maske nicht mehr zu weich, aber noch nicht zu fest ist. Um die drei Stunden dauert die Arbeit am Leichnam.

Auch das Waschen und Kämmen, nachdem das Gipsnegativ abgeschält ist, gehört dazu. Die eigentliche Totenmaske aus Gips arbeitet Alexandra Beate Pohlus in zwei bis drei Wochen im eigenen Atelier. »Ich versuche, den Verstorbenen eins zu eins rauszubringen.« Veränderungen am Gesicht nimmt sie nur vor, wenn die Hinterblieben dies wollen. Wenn gewünscht, kann sie zu einem späteren Zeitpunkt zudem noch eine Bronzemaske fertigen. Auch Hände hat sie schon abgeformt.

Pietät an oberster Stelle

Pietät steht für die Totenmaskenbildnerin an oberster Stelle, ihr Theologiestudium mag dabei eine Rolle spielen. »Vielleicht klingt das komisch, aber ich Rede bei der Arbeit am Leichnam in Gedanken mit dem Verstorbenen und erkläre ihm, was ich da mache«, erzählt sie. Auch dass sie Handschuhe trägt, hat für Alexandra Beate Pohlus mit Pietät zu tun: »Der Verstorbene hat mich nicht gekannt. Ich weiß nicht, ob er will, dass ich ihn anfasse.« Wenn die Hinterbliebenen dies wünschen, können sie bei der Abnahme des letzten Gesichts dabei sein als ein Ritual des Abschieds. »Teilweise beginnen sie zu erzählen, manchmal kann ich sie trösten«, sagt die Künstlerin. Gut vorstellen könnte sie sich für die Zukunft, verstärkt auch in der Trauerbegleitung zu arbeiten: »Die Menschen sind heute weniger religiös als früher, der Umgang mit dem Tod fällt dadurch schwerer.« Nicht nur die Theologie, auch die Philosophie könne hier viele Antworten geben.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!