Chefs demonstrieren für 35-Stunden-Woche

Pflege: Soziale Einrichtungen wollen künftig jeden Dienstag in Würzburg auf der Straße für bessere Arbeitsbedingungen werben

WÜRZBURG
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Leiter sozialer Einrichtungen in der Region wollen an jedem Dienstag in Würzburg darauf aufmerksam machen, dass sehr viel mehr Geld in den sozialen Bereich investiert werden muss, damit der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Foto: Pat Christ:
Foto: Pat Christ

Fast jeden Tag muss sich Steffi Busch ans Telefon hängen und schauen, ob sie eine Kollegin findet, die bereit ist, in den Dienst zu kommen - obwohl sie frei hat. »Denn nahezu täglich ist jemand von uns krank«, sagt die Pflegedienstleiterin der Würzburger Alten- und Behinderteneinrichtung »Arche«. Weil das Personal auf Kante genäht ist, können Ausfälle nicht kompensiert werden. Das will Steffi Busch nicht länger hinnehmen. Darum demonstrierte die Pflegerin am Dienstag auf dem Würzburger Marktplatz.

Auf dem ersten Blick verstieß es gegen alle gewohnten Spielregeln, was am Dienstag in Würzburgs Innenstadt passierte: Arbeitgeber sozialer Einrichtungen demonstrierten für eine 35-Stunden-Woche in sozialen Berufen. Sie verlangten mehr Personal. Tarifbindung. Und den Abbau von Bürokratie. Damit taten sie das, was normalerweise Gewerkschaften tun. »Diens-Tag für Menschen« nennt sich die Aktion, die fortan jede Woche stattfinden soll. 45 Akteure kamen zum Auftakt zusammen. Steffi Busch war eine der wenigen Pflegekräfte, die sich beteiligten: Aufgrund der Corona-Auflagen durften höchstens 50 Menschen zusammenkommen. Die meisten waren Einrichtungschefs.

»Bessere Pflege kostet mehr«

Die Forderungen wirken gewaltig und sind nicht ohne eine Umverteilung von Steuern, höhere Abgaben und das Abschöpfen von Vermögen zu erfüllen. »Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine bessere Pflege mehr kosten wird«, betonte Johannes Spielmann, Theologe aus Dammbach bei Aschaffenburg sowie Vorstand der Würzburger Blindeninstitutsstiftung. Die Situation im sozialen Sektor sei deshalb so fatal, weil »die Solidargemeinschaft nicht mehr stimmt«. Spielmann fordert, dass ausnahmslos alle in Sozialversicherungen einzahlen müssten. Außerdem müssten Reiche, die ihr Geld leistungslos vermehren, etwa durch Dividenden, viel stärker zur Kasse gebeten werden.

Nicht zum ersten Mal steht die Pflege im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Rolf Müßig, Chef der Arche gGmbH und seit 44 Jahren in der sozialen Branche aktiv, erinnert sich an etliche Protestaktionen der letzten Jahre. 2006 zum Beispiel wurde in Würzburg mit viel Prominenz ein »Unterfränkischer Pflegestammtisch« gegründet, um die Situation der Pflege zu verbessern. Der Aschaffenburger Kabarettist Urban Priol gehörte zu den Unterstützern. »Altenpflege 2020 - Hoffnung oder Horror?« lautete einer der Stammtisch-Titel vor 14 Jahren. Bald schlief die Sache wieder ein. Ohne Resultate. Vor fünf Jahren demonstrierten über 2500 Pflegekräfte aus Bayern in München. Echte Konsequenzen blieben aus.

Proteste ebbten ab

Immer wieder kamen die Entscheidungsträger mit der Vogel-Strauß-Politik durch: Die Proteste verebbten irgendwann. Danach wurde weitergewurstelt. Manchmal gelang es, an kleinen Stellschrauben zu drehen. Doch das große Ganz lief munter fort in eine verhängnisvolle Richtung. »Der Mensch steht heute nicht mehr im Mittelpunkt«, sagt Walter Herberth, Oberpflegamtsdirektor des Würzburger Juliusspitals. Eine Aussage, die nahezu einer Bankrotterklärung gleichkommt. Oder wäre es denkbar, dass ein auf Produktion spezialisierter Betrieb zugibt, dass sein Produkt nicht mehr im Mittelpunkt steht? Dass also nicht alles dafür getan wird, das Produkt so gut wie möglich herzustellen?

Für die Einrichtungsleiter gehörte deshalb mehr als nur ein Quantum Mut dazu, sich auf die Straße zu stellen und zuzugeben: So, wie die Dinge liegen, können wir in unseren Einrichtungen nicht das Bestmögliche für die Menschen machen. Was nicht nur daran liegt, dass es zu wenig Personal gibt. In Kliniken verhindert das System der Fallpauschalen zunehmend eine gute Versorgung, verdeutlichte Herberth. Denn um ihre Gewinne zu steigern, schauen private Kliniken, dass sie ihre Patienten so schnell wie möglich entlassen. Womit sie das Signal aussenden: Es geht kürzer! Herberth: »Dadurch wird das Hamsterrad für uns alle immer schneller angetrieben.«

»Nicht nur Applaus«

Die Leistungen der Pflege nur durch Applaus zu würdigen, reicht laut Herberth nicht. Inzwischen sei der Beruf so unattraktiv, dass Einrichtungen lange suchen müssen, um freie Stelle zu besetzen. Das verschärft die Personalsituation weiter. »Der Arbeitsmarkt ist leergefegt«, bestätigt Johannes Spielmann. Die Teams müssen also auch wegen vakanter Stellen mehr arbeiten. Die Gefahr, durch Stress krank zu werden, steigt weiter an. Ausfälle mehren sich. So schraubt sich die Spirale immer weiter nach oben. Noch dazu wird der Pflegeberuf anspruchsvoller. Weshalb die 35-Stunden-Woche in der Pflege Spielmanns »wichtigstes Anliegen« ist.

Wie schlechte die Pflege unter den gegebenen Prämissen ist, erfahren viele Bürger am eigenen Leib. Ulrike A. (Name geändert), die der 30-minütigen Kundgebung auf einer Bank am Marktplatz folgte, erlebte die letzten Lebenstage ihres vor acht Wochen gestorbenen Partners in der Klinik als extrem ungut. Ihr Partner litt an Krebs. Wie sehr er litt, darauf sei keine Rücksicht genommen worden: »Er lag mit Kopfhörern im Bett, weil er in einem Zimmer war, in dem ein gehörloser Senior dauernd schrie.« Weil niemand achtgab, stürzte er aus dem Bett. Und starb. Der Mensch im Mittelpunkt? Die 84-Jährige stöhnt auf: »Nein, dass der Mensch im Mittelpunkt stand, habe ich nicht erlebt.«

Zahlen & Fakten: Rund 34000 Pflegerstellen sind derzeit unbesetzt

Laut Statistik der Bundesarbeitsagentur sind bundesweit derzeit rund 15 000 Stellen für Krankenpfleger und 19 000 Stellen für Altenpfleger offen. Stellen in der Krankenpflege sind im Durchschnitt derzeit 230 Tage vakant, die Vakanz in der Altenpflege beträgt 239 Tage. Laut dem jüngsten AOK-Fehlzeiten-Report lag der Krankenstand in der Pflege aufgrund physischer und psychischer Belastungen des Berufs im Jahr 2018 bei 7,6 Prozent. Im bundesweiten Durchschnitt lag der Wert bei 5,5 Prozent. Der Anteil der Krankenhäuser in privater Trägerschaft laut dem Statistischen Bundesamt von 15,5 Prozent im Jahr 1992 auf über 37 Prozent 2017. Bei den Plfegeheimen werden über 50 Prozent privat getragen. (pat)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!