Freitag, 22.03.2019

Sexualmoral, Zölibat und Klerikalismus

Missbrauchskrise:Experten diskutieren die Folgen in Würzburg - Verpflichtende Ehelosigkeit infrage gestellt

WÜRZBURG
Kommentieren
Vieles liegt noch im Schatten: Bei einer Fachtagung in Würzburg haben 140 Menschen über den Missbrauchsskandal diskutiert. Symbolfoto: Harald Tittel (dpa)
Foto: Harald Tittel

»Ein Mo­no­lith aus rö­mi­schen Mar­mor«, so be­sch­reibt Kai Chris­ti­an Mo­ritz die Theo­lo­gie, wie er sie früh­er er­lebt hat. Mo­ritz ist Miss­brauch­sop­fer - »Über­le­ben­der«, sagt er. Und der Schau­spie­ler stu­diert mitt­ler­wei­le Theo­lo­gie.

Ausgerechnet die Wissenschaft, die der »Täterorganisation das Skript für die Taten« geliefert habe.

Er fragt: »Wie konnte eine so hoffnungsvolle und frohe Botschaft so entstellt und beschmutzt werden?« 140 Menschen aus Deutschland, Österreich und Lichtenstein suchten darauf Antworten bei einer Fachtagung am Samstag in Würzburg.

Dabei legten einige die Axt am Marmor an. Der Jesuit Godehard Brüntrup etwa stellte die Frage nach dem Zölibat und die Sexualmoral in einen Zusammenhang. Seine These: Die verpflichtende Ehelosigkeit leben kann nur jemand, der reif ist. Und das bedeutet für den Professor an der Münchner Hochschule für Philosophie, derjenige müsse wissen, auf was er verzichte. Das gehe nicht, wenn man sich an die katholische Sexualmoral halte, die Geschlechtsverkehr nur in der Ehe kennt. Der Weg zur personellen Reife führe also nur über die schwere Sünde, so Brüntrup.

Plädoyer für Wahlfreiheit

»Ein Rezept für ein Desaster« nennt der Jesuit die verpflichtende Ehelosigkeit. Denn oft sei sie »geschluckt, aber nicht verdaut«. Sie werde als Bedingung zum Priesteramt akzeptiert, aber vielfach finde der angehende Geistliche bestenfalls rationale Argumente dafür. »Die Mehrheit der Priester hat den Zölibat nicht vollständig integriert«, sagte Brüntrup; also keine tiefere Erfüllung in der Ehelosigkeit gefunden. Komme es dann zu Konflikten, könne das fatal sein und Missbrauch begünstigen. Deshalb plädierte er für Wahlfreiheit: Der Zölibat sei unabhängig vom Priesteramt eine eigene Berufung.

Bei der Tagung waren es nicht allein Missbrauchsbetroffene, die persönlich wurden. Thomas Schärtl etwa, der als Professor in Regensburg Philosophische Grundfragen der Theologie lehrt, berichtete von seiner Missio, also eine Lehrbeauftragung. Die hatte ihm in den USA Theodore McCarrick gegeben, damals noch in Amt und Würden. Mittlerweile ist er der erste Kardinal, der dieses Amt wegen sexueller Übergriffe verloren hat. McCarrick sei ein Symbol dafür, »dass Bischöfe im Missbrauchsskandal verstrickt sind«, sagte Schärtl.

Aufruf zu Demutsgesten

Er riet ihnen zu klaren Demutsgesten: nur in Soutane, ohne die Insignien der Macht aufzutreten. Auch das Amtsverständnis müsse diskutiert werden. Wenn Priester als Mittler zwischen Himmel und Erde dargestellt würden, sei dies eine Überhöhung, so Schärtl. Er bemühte Kardinal John Henry Newman: Christus habe zur Verkündigung keine Engel geschickt, sondern Menschen.

Sein Kollege und Mitveranstalter, der Würzburger Fundamentaltheologe Matthias Remenyi, sieht die Autorität des Lehramts auf dem Spiel stehen. »Und die Härte der Auseinandersetzung ist der Angst vor diesem elementaren Machtverlust geschuldet.«

Doris Reisinger sprach über die Macht. Ihre Erfahrungen in der geistlichen Gemeinschaft »Das Werk« hat sie unter ihrem Mädchennamen Doris Wagner als Buch veröffentlicht. Die neueste Publikation der Theologin befasst sich mit der Frage des spirituellen, also geistlichen Missbrauchs. Das erweiterte sie in Würzburg um die Verletzung der intellektuellen Selbstbestimmung. Autoritäten bestimmten, was Gläubige zu denken und zu fühlen hätten, so Reisinger.

Überhöhung des Priesteramts

Die theologischen Positionen teilte auch der Vertreter der Institution Kirche, der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer. Er kritisierte in Würzburg offen die Überhöhung des Priesteramts, »hochgradig aufgeladen« sei es. Er stützte die geäußerten Thesen, etwa zur Sexualmoral.

Und der Generalvikar wendete sich gegen die Annahme, der Missbrauchsskandal werde für eine Reformagenda benutzt: »Ich widerspreche der schrecklichen Vokabel vom Missbrauch des Missbrauchs.« Damit würden Diskussionen vom Tisch gefegt, Menschen mundtot gemacht. »Es hat alles mit allem zu tun«, sagte Pfeffer.

Und der Missbrauch sei nur die Spitze eines Eisbergs vieler anderer Leidensgeschichten. Für den Essener ist klar: Die Kirche muss, sie wird sich radikal verändern. »Die Frage ist nur, ob wir es gestalten können oder ob uns die Entwicklung weiter überrollen wird.«

Hintergrund

» Der Missbrauch ist nur die Spitze eines Eisbergs vieler anderer Leidensgeschichten. «

Klaus Pfeffer,Generalvikar in Essen

Hintergrund

» Ich widerspreche der schrecklichen Vokabel vom Missbrauch des Missbrauchs. «

Klaus Pfeffer,Generalvikar in Essen

Hintergrund

» Auseinandersetzungs-Härte ist Angst vor elementarem Machtverlust geschuldet. «

Matthias Remenyi,Fundamentaltheologe

Hintergrund

» Ein Rezept für ein Desaster. «

Godehard Brüntrupüber verpflichtenden Zölibat

Hintergrund: Staatsanwälte leiten erste Ermittlungen ein

Rund vier Monate nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) haben Staatsanwaltschaften in Bayern erste Ermittlungen gegen beschuldigte Kirchenleute eingeleitet.

Die Staatsanwaltschaft Würzburg prüft nach Angaben eines Sprechers derzeit 15 »konkrete, etwaig strafbare« Vorgänge. Weitere Verfahren seien angekündigt, sagte der Sprecher der Würzburger Staatsanwaltschaft. Die Studie hatte nach Angaben eines Sprechers der Diözese 62 Beschuldigte aus dem Würzburger Bistum aufgelistet. Laut dpa-Umfrage haben inzwischen alle bayerischen Bistümer die Personalakten, die der Studie zugrunde lagen, an die Behörden weitergegeben, damit mutmaßliche Täter strafrechtlich verfolgt werden können.

Mehr als 38 000 Akten aus den Jahren 1946 bis 2014 waren deutschlandweit für die Missbrauchsstudie der DBK untersucht worden. Danach wurden mindestens 3677 Minderjährige von 1670 Klerikern missbraucht. ()

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!