Samstag, 20.07.2019

Wie Tierpflege auf einem Gnadenhof zur Therapie wird

Auf dem Gnadenhof "Gut Harmony" darf jeder mitarbeiten

Veitshöchheim
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Mit dem »Gut Harmony« verwirklichte sich Nicole Kanclerski einen großen Lebenstraum. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider

»Früh­er war ich ein Ghet­to­kind, in fast je­den Satz ha­be ich ei­ne Be­lei­di­gung ein­ge­baut«, sagt De­ni­se. Glau­ben kann man dies kaum, lernt man die jun­ge Frau, An­fang 20, heu­te ken­nen. Höf­lich und of­fen geht sie mit Men­schen, lie­be­voll mit Tie­ren um.

»Friends« ließ sie sich zusammen mit einem Sternchen auf den Unterarm tätowieren. Mit Lippenpiercing, auffälligen Ohrringen und den kurzen, blonden Haare strahlt sie auf den ersten Blick Selbstbewusstsein aus. Die Körperhaltung indes spricht eine andere Sprache und erzählt von einer dramatischen Vergangenheit aus Missbrauch, Gewalt und traumatischen Erlebnissen. Das ließ das Vertrauen der jungen Frau in Menschen zerbrechen und trieb sie ins Borderline-Syndrom, die Selbstverletzung und die Psychiatrie.

Als Denise nach einer Gesetzesübertretung Sozialstunden ableisten musste, tat sie dies auf dem »Harmonie-Hof«, einem privat finanzierten Gnadenhof mitten in den Weinbergen der unterfränkischen Gemeinde Veitshöchheim. Der Umgang mit den Tieren sowie die Geduld und deutlichen, doch immer positiven Worte der Hof-Begründerin Nicole Kanclerski haben das »Ghettokind« in eine junge Frau mit Ausstrahlung und Zukunftsplänen verwandelt. Sie sucht einen Praktikumsplatz und hofft darauf, demnächst eine Ausbildung als Tierpflegerin zu beginnen. Sie träumt davon, eines Tages selbst einen Gnadenhof für Hunde zu betreiben.

Kindheitstraum erfüllt

Dass sich die beiden Frauen verbunden fühlen, mag zum Teil daran liegen, dass auch Nicole Kanclerski in sehr schwierigen Verhältnissen aufwuchs. »Ich musste als Kind ganz viel Negatives erfahren. Aber ich hatte immer auch ganz liebe Menschen um mich. Und ich merkte früh, was Helfen bewirken kann.« Wegen einer Sehbehinderung hatte die gebürtige Hannoveranerin im Jahr 2002 am Berufsförderungswerk in Veitshöchheim umgeschult auf Bürokauffrau, blieb in der idyllischen fränkischen Kommune hängen, fand ihre Liebe und erfüllte sich einen Kindheitstraum: »Ich wollte immer einen Hof mit Tieren haben. Und ich wollte Menschen in schwierigen Verhältnissen helfen, weil ich merkte, dass die Arbeit am Tier gut tut.« Den Hof - bis heute ohne Strom und fließendes Wasser - kaufte sie im Jahr 2006. Ab 2014 modelte sie ihn zum inklusiven Gnadenhof um, 2016 gründete sie den Verein Gut Harmony e.V.

Komfortzone verlassen

Die Idee dahinter: Jeder darf und soll auf dem Hof mitarbeiten, wie er kann - egal ob mit geistiger oder körperlicher Behinderung, mit psychischen Problemen oder Suchterkrankung. Kanclerski kam in Kontakt mit der Aktionsgemeinschaft Sozialisation (AGS), die Einsatzstellen für Gesetzesübertreter suchten, und erklärte sich bereit, AGS-Klienten Sozialstunden auf dem Hof ableisten zu lassen. Auch mehrere AGH-Stellen (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) als arbeitsmarktpolitische Maßnahme sind inzwischen genehmigt.

»Nie etwas Selbstloses getan«

Ein AGH-Mitarbeiter auf dem Hof ist - neben Denise - auch Markus. Zuvor hatte er auf Gut Harmony bereits 320 Sozialstunden abgeleistet. Eine Suchterkrankung, Depressionen und eine bipolare Störung kamen bei ihm dazu. Entgegen komme ihm die Flexibilität, die Nicole Kanclerski ihm ermögliche. Kommt er nicht morgens, arbeitet er eben am Nachmittag. Andere Arbeitgeber hätten hier wohl längst die Reißleine gezogen. »Ich lerne in meinem Tempo wieder, wie Arbeiten funktioniert«, sagt Markus. Noch etwas anderes dürfte sein Leben bereichern: »Bis ich zum Gut Harmony kam, hatte ich nie etwas Selbstloses getan. Es ging mir immer um Konsum, es ging mir immer um mich.« Dass er seine Komfortzone verlassen musste, habe ihm neue Perspektiven gezeigt.

Viele Streicheleinheiten

Fünf Tage die Woche verbringt Denise den Vormittag auf dem Gnadenhof, mistet Ställe aus, versorgt die Tiere mit Wasser und Futter, verteilt viele, viele Streicheleinheiten. An die drei Ziegen, an den inzwischen 37 Jahre alten Marco, der zurzeit das älteste Pferd auf »Gut Harmony« ist. Den Fellwechsel schafft er nicht mehr alleine und so zupft die junge Frau auf der Weide geduldig Winterfellbüschel. Dass die Arbeit auf einem Gnadenhof immer wieder mit Abschieden verbunden ist, erfuhr Denise schmerzlich, als Wallach Balou starb, den Sie besonders ins Herz geschlossen hatte. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihn bis zum Ende zu begleiten, war beim Einschläfern an seiner Seite. Inzwischen richtet sie eine kleine Gedenkstätte für die Tiere des Gnadenhofs ein mit Fotografien und spart sich mühsam Geld zusammen für Bilderrahmen.

Platz begrenzt

Für Nicole Kanclerski ist auch eine andere Sache nicht leicht: Der Platz auf dem Gnadenhof ist begrenzt, immer wieder muss sie Tiere ablehnen. Sechs Pferde, drei Ziegen, zwei Schweine, zwei Hasen und eine Katze leben derzeit auf dem Gelände. Hinzu kommen temporär zwei Rehe und ein Kitz, ein Eichhörnchen mit Gehirnerschütterung und drei Wildschweinbabys, die sie bei sich zuhause versorgt, bis die Tiere gesund, aufgepäppelt und beispielsweise in einem Wildgehege untergebracht sind. »Eine Bache wurde überfahren und brachte im Todeskampf acht Frischlinge zur Welt. Ein einziges überlebte«, schildert Nicole Kanclerski beispielhaft eines der Tierschicksale. Zudem befindet sich auf dem Gelände des Gnadenhofs die Auswilderungsvoliere einer Greifvogelauffangstation. Im Gespräch ist eine Kooperation mit einem Tierheim.

»Bei Anfragen muss ich erst einmal schauen, inwieweit ich den Tieren gerecht werden kann«, sagt die 47-Jährige. Und sie muss die Finanzierung stemmen können. Gerade bei alten Pferden seien die Kosten für Hufschmied, Osteopath, Zahnarzt und gegebenenfalls Medikamente hoch. Und für Nicole Kanclerski spielt bei der Entscheidung oft auch eine Rolle, ob damit gleichzeitig einem Menschen geholfen wird. Die beiden Schweine Eberhard und Waltraud übernahm sie von einem Therapiehof, als dessen Besitzerin an Krebs erkrankte. Eine gute Tat in doppelter Hinsicht, schließlich hatten die Therapietiere einige Jahre lang selbst Menschen bei der Genesung unterstützt.

Mit Ziegen ins Altenheim

Mit zwei ihrer drei Ziegen fährt die Gnadenhofbesitzerin einmal pro Monat in ein Altenheim - und hier war auch Denise schon dabei. Erzählt, wie die Senioren Rüben für die Tiere schneiden und dann verfüttern. Und wie die Ziegen wie hypnotisiert auf Berührungen und Zuwendung reagieren. Auch ein Praktikum im Altenheim hat die junge Frau mittlerweile hinter sich. Ob sie sich auch dort vorstellen könne zu arbeiten? Denise bleibt zunächst eine Antwort schuldig, wendet sich den Ziegen zu, sagt dann: »Tiere können mich nicht belügen oder verletzen. Menschen haben das oft gemacht. Tiere geben Dir Liebe, wie es Menschen nicht können.« Sie selbst hat zwei Hunde - und Bela habe ihr häufig die Tränen aus dem Gesicht geleckt, wenn sie traurig war. Ohne zu fragen, ohne zu urteilen.

Was Denise inzwischen zudem zu schätzen weiß, ist die Verantwortung, die mit der Arbeit mit Tieren verbunden ist. »Sie brauchen unsere Hilfe, Futter und Zuwendung. Das tut mir megagut.« Sie zögert, sagt dann: »Ich trage meinen Sack mit mir, das wird wohl auch so bleiben.« Sei sie aber auf dem Hof, denke sie nur an die Tiere, an ihre Aufgaben und an den Moment.

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