Mittwoch, 21.08.2019

Auf der Harley Richtung Freiheit

Freizeit:Daniela Steuer und Peter Schädler organisieren seit 30 Jahren einmal im Jahr eine inklusive Motorradtour

WÜRZBURG
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Inklusive Bikertour Bildunterschrift 2019-05-23 --> Bei der Tour 2018 ein Team: Biker Patrick Sonnemann und seine Beifahrerin Petra Seufert. Foto: Michaela Schneider
Foto: Michaela Schneider
Fri­sche Luft und das Ge­fühl von Frei­heit schnup­pern: Zum ers­ten Mal war Pe­t­ra Seu­fert vo­ri­ges Jahr beim in­k­lu­si­ven Mo­tor­rad­aus­flug da­bei. Seit ei­nem Schla­g­an­fall sitzt die in­zwi­schen 57-Jäh­ri­ge im Roll­stuhl. Die­sen hat­te sie ei­nen Tag lang ge­tauscht und war zu Pa­trick Son­ne­mann als Bei­fah­re­rin ins Tri­ke ge­s­tie­gen.

Der war 2018 schon zum zehnten Mal bei der Tour dabei, begründet sein Engagement mit wenigen Worten: »Hier kann ich einem Menschen einen Tag lang Freude schenken. Hat mein Beifahrer Freude, macht das auch mich glücklich.« 2019 wird sich der Motorradausflug für Menschen mit Behinderung zum 30. Mal jähren.

Um die 80 Motorräder, Trikes und Gespanne werden am 12. Juli 2019 in Kolonne durch Unterfrankens Ortschaften fahren und für Aufsehen sorgen. Mancher Rollstuhlfahrer sitzt dabei im Gespann, andere Teilnehmer fahren als Sozius mit. »Die Leute winken uns zu und sehen keinen Unterschied zwischen Fahrer und Beifahrer, alle sind gleich«, beschreibt Daniela Steuer, Pädagogin bei den Mainfränkischen Werkstätten im unterfränkischen Würzburg, was das Projekt für die Teilnehmer so besonders macht. Die Werkstätten sind eine gemeinnützige Einrichtung für Menschen mit Behinderung von den Lebenshilfe-Vereinen Würzburg, Kitzingen Main-Spessart Marktheidenfeld und dem Verein für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung.

Zusammen mit dem Harley-Davidson-Händler Peter Schädel hatte sie die Aktion vor 30 Jahren ins Leben gerufen, zunächst im ganz kleinen Rahmen. In einer Kneipe in Eibelstadt hatten sich die beiden zufällig kennengelernt. »Wir waren eine kuriose Kombination - die Pädagogin und der Harleyfahrer. Aber die Chemie passte. Und wir Harleyfahrer hatten schon länger darüber nachgedacht, uns sozial zu engagieren, um unser Image aufzubessern«, erzählt Schädler. Motto: Zum schlechten Ruf die gute Tat.

Die Bewegung kam aus Amerika, dort organisierten Biker regelmäßig riesige Charity-Aktionen. In Deutschland indes waren Motorradfahrer als Rocker verschrien. »Und auch die Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen waren groß. Ein Stück weit waren damit beide Seiten eine Randgruppe«, sagt Daniela Steuer. Auch Peter Schädler gesteht: Berührungsängste waren seinerzeit da. »Aber wir haben schnell gemerkt. Das sind Menschen wie wir. Wer definiert, was eine Behinderung ist?«, sagt der heute 68-Jährige. In seinem damaligen Harley-Davidson-Laden sprach er Kundschaft an, organisierte Fahrer und wählte eine Route aus. Zur ersten Tour startete das ungewöhnliche Duo als Versuchsballon im Jahr 1989 mit zehn Fahrern. »Für manchen Beifahrer bedeutete der Tagesausflug eine Form von Freiheit, wie er sie zuvor nicht erlebt hatte«, erinnert sich die Pädagogin. 1990 warteten bereits 27 Harleys vor den Mainfränkischen Werkstätten. Mittlerweile beteiligen sich Motorradclubs aus ganz Unterfranken. Die Aktion finanziert sich komplett über Spenden - und die Mainfränkischen Werkstätten besitzen für rund 100 Beifahrer eine vollständige Ausrüstung. Bürgermeister, Politiker und Gastronomen laden den Motorradtross unterwegs ein und bewirten Fahrer und Beifahrer. Auch unterstützen die Motoradstaffel der Polizei, der ADAC, das Bayerische Rote Kreuz, der Arbeiter- und Samariter-Bund und die Johanniter. »Vor 30 Jahren gab es in Deutschland kaum vergleichbare Aktionen, inzwischen gibt es viele Nachahmer«, erzählt Schädler. Bis heute wird er angerufen von Menschen, die Tipps erfragen, wie sich ein solches Projekt am besten realisieren lässt.

»Fahrer und Beifahrer sind den Tag über füreinander verantwortlich, so sind viele echte Freundschaften entstanden« erzählt Steuer. »Wir wurden zu Feiern der Biker eingeladen, waren bei Motorradgottesdiensten oder auch auf der Motorradmesse dabei.« Einer der Biker habe ihr im hohen Alter von 80 Jahren gesagt: Der Kontakt zu den behinderten Menschen gebe ihm so viel. Er werde dabei bleiben, so lange er auf einem Motorrad sitzen könne, so Steuer.

2017 erhielten Daniela Steuer und Peter Schädler für die Aktion den Förderpreis für aktive Bürger der Stadt Würzburg. Im Juli 2018 bekamen sie für ihr Engagement den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Nominiert war das Aktionsteam zudem für den Deutschen Engagementpreis in Berlin.

Hintergrund

» Hier kann ich einem

Menschen einen Tag lang Freude schenken. «

Patrick Sonnemann, Biker

Hintergrund

» Die Leute sehen keinen Unterschied zwischen Fahrer und Beifahrer. «

Daniela Steuer, Pädagogin

Hintergrund: Die Geburtstagstour am 12. Juli

Um die 80 Teams werden am 12. Juli gegen 10 Uhr von den Mainfränkischen Werkstätten aus über Dettelbach, Mainstockheim, Buchbrunn und Eibelstadt Richtung Ochsenfurt fahren. Nach der Mittagspause führt die Tour über Giebelstadt, Geroldshausen, Waldbüttelbrunn und die Hettstadter Steige nach Zell zum Clubhaus an der Hafenschänke.

Dort erwartet die Biker bei der Geburtstagstour gegen 15 Uhr nicht nur ein Buffet, sondern auch ein Konzert einer Inklusionsband mit den Namen »Mosaik«. (mic)

Hintergrund

Bei der Tour 2018 ein Team: Biker Patrick Sonnemann und seine Beifahrerin Petra Seufert. Foto:

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