Backsteine fürs Krafttraining

Drei Darmstädter Fotoschauen zwischen Humor und skurrilen Ideen

Darmstadt
2 Min.

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Vor dem Lan­des­mu­se­um geht es dr­un­ter und dr­üb­er. Tel­ler, Tas­sen und Schüs­seln ge­hen zu Bruch, da­für fliegt die Haus­frau in ho­hem Bo­gen nach oben. In der Fo­to­se­rie von An­na und Bern­hard Blu­me bleibt nichts an sei­nem Platz. Die 17 Schwarz-Weiß-Bil­der, auf Ban­ner ge­druckt, er­zäh­len vom Auf­stand der Din­ge und Men­schen. Ent­stan­den sind sie 1985/86, als die Zwil­lin­ge der Blu­mes schon groß wa­ren - das Paar kann­te al­so die tra­di­tio­nel­len Rol­len­bil­der der 60er Jah­re.

"Trautes Heim" nannten sie die Serie. So benennt auch Julia Reichelt, die Leiterin des Kunstforums der Darmstädter Uni, ihre neue Schau. Die sollte schon im April starten, im Rahmen der "Darmstädter Tage der Fotografie". Aber dann kam Corona. Die Schau wurde verschoben, das Fotofestival startet erst im Oktober, die Universität bleibt bis Frühjahr 2021 geschlossen. Damit verlor Reichelt ihre Ausstellungsräume. Doch sie kam auf die kluge Idee, alles im Außenbereich zu zeigen - die erste deutsche Fotoschau im Freien, die aktueller nicht sein könnte. Denn das traute Heim gilt als sichere Burg vor Corona & Co.

Rund 90 Werke von zehn renommierten oder jungen Künstlern sind über die Innenstadt und im kleinen "Konsum Mathildenhöhe" verteilt. "Die Schau sieht jetzt anders aus, als sie ursprünglich geplant war", sagt Reichelt. Die Fotos wurden wetterfest auf Banner oder Alu-Dibond-Platten gedruckt und stabil aufgestellt. Das hat bis zu 40 000 Euro mehr gekostet.

Ein Gewinn ist die Schau allemal. Eilige Passanten und selbst müßige Flaneure können der Kunst nicht ganz ausweichen. Mit sicherem Gespür hat Reichelt auf dem Friedensplatz vier hohe Kuben versetzt aufgestellt, die Erwin Wurm, Iiu Susiraja, Pixy Liao und Alexey Shlyk mit je vier Bildern bespielen. Die Finnin Iiu Susiaraja ist eine geniale Selbstdarstellerin, bei ihr spielen Alltagsobjekte absurde Rollen. "Garden party is over" heißt ein Bild - folglich rollt Susiraja mit dem Rasenmäher über zwei Tassen, während im Kerzenleuchter rote Lippenstifte stecken.

Während Erwin Wurm, der Komiker unter den Künstlern, mit Bananen, Möbeln und Handtaschen seinen Körper verändert, erinnert Alexej Shlyk an den Erfindungsreichtum seiner Heimat in Belarus. Dort werden aus Backstein massive Hanteln fürs Krafttrainung, und Vasen werden geklebt, bis sie tropfen. Pixy Liao wiederum, die in Deutschland ihre Premiere hat, wie Shlyk, AdeY und Susiraja, thematisiert die Beziehung zu ihrem Freund und hängt ihn zum Trocknen auf, wie ein Hemd. Die Chinesin hat eine fast kindliche Lust am Experimentieren, lebt ihren Witz aus und trifft damit das Motto des kommenden Festivals "Skurrile Fluchten - Humor in der Fotografie". Kleine Alltagsfluchten hat auch Heide Stolz in den 60ern mit Mann und Kindern erprobt. Zwar ging es nur von München zu einer Kiesgrube, aber mit dem Pop-Art-Maler Uwe Lausen entwickelte sie viele Fotos voller Film- und Gewaltfantasien. Die Schau in der Kunsthalle mit 60 Fotos kippt aber um, wenn Lausen die Waffe auf die eigenen kleinen Töchter richtet - ein Alptraum, auch wenn die Bilder gut komponiert sind.

Die zweite Kunthallen-Schau versammelt drei Fotografen. Ute Mahler dokumentierte den tristen DDR-Alltag der 70er und 80er. "Zusammenleben" nannte sie den Zyklus, der spontan entstandene und melancholische Porträts aus Mahlers Umfeld zeigt. Der Titel dient jetzt auch als Klammer der Dreier-Schau. Wieder anders der Brite John Myers, obgleich auch er sich bei den Nachbarn umgesehen hat. Eigen eigenen Reiz hat sein lakonisch-ironisches Porträt eines älteren Ehepaares von 1973. Der Mann ist vom Büro zurück, das Paar sitzt auf dem Sofa. Sie, mit Streifenkleid und Schuhen, könnte sofort ausgehen. Er, mit weißem Hemd und Krawatte, zieht ruhig an seiner Pfeife - mit Haussschuhen wird ohnehin nichts aus dem Weggehen. Joachim Brohm schließlich hat kleine Fluchten im Ruhrpott und an der Atlantikküste festgehalten. In Gelsenkirchen wurden schon 1982 die ersten Industrieflächen am Fluss naturnah zurückgebaut, und die Menschen nahmen sie sofort in Beschlag. Brohm zeigt "Wuselbilder" mit sonnenbadenden Menschen auf Decken, vor Zelten oder vor dem Grill.

Infos: Kunstforum bis 15. November; "Konsum" geöffnet Donnerstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr. www.tu-darmstadt.de/kunstforum - Kunsthalle bis 3. Januar; geöffnet Mittwoch bis Sonntag 11 bis 17 Uhr. www.kunsthalle-darmstadt.de

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