Mittwoch, 28.10.2020
75 Jahre Main-echo Main-Echo Startseite

Interview: So können Selbsthilfegruppen eine Stütze für Schlaganfall-Patienten sein

Aphasiker-Zentrum Unterfranken in Würzburg koordiniert Zusammenschlüsse in Region

Würzburg
Kommentieren
3 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

ARCHIV - 04.09.2014, Miesbach: Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein. (zu dpa «Kassen und Kliniken schließen Frieden - Klagewelle abgewendet» vom 25.01.2019) Foto: Stephan Jansen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Foto: Stephan Jansen
Auch für den Schla­g­an­fall­pa­ti­en­ten Mar­co Nohl aus Wäch­ters­bach (Main-Kin­zig-Kreis) war Selbst­hil­fe - al­so das Tref­fen und der Aus­tausch mit an­de­ren Be­trof­fe­nen - ein wert­vol­ler Be­stand­teil des Ge­sund­wer­dens. Ihm hat vor al­lem über psy­chi­sche Hür­den - er litt ein Jahr nach dem Schla­g­an­fall an Angst­stör­un­gen - hin­weg ge­hol­fen, mit an­de­ren zu sp­re­chen.

Thomas Hupp ist seit 2001 Geschäftsführer des Aphasiker-Zentrums Unterfranken in Würzburg. Dort wird die in der Region aufgestellte Selbsthilfe koordiniert. Wir haben dem Psychologen aus Würzburg dazu Fragen gestellt.

 

  • Unsere Serie, die Schlaganfallpatient Marco Nohl auf seinem Weg zurück ins Leben begleitet, gibt es hier.

 

Ist so eine Selbsthilfegruppe für jeden etwas? Oder gibt es Menschen, die gar nicht damit zurecht kommen?

Die Selbsthilfegruppe ist nicht für jeden etwas, das muss jeder für sich ausprobieren und entscheiden - was auch möglich ist. Man kann sich ein Treffen ansehen und dann durchaus dem Gruppenleiter sagen, dass man nicht wiederkommt. Vor allem, wenn die Folgen des Schlaganfalls nicht zu schwer sind, wollen sich Betroffene oft nicht mit dem schweren Leiden anderer konfrontieren. Vielleicht, weil einem dann erst richtig bewusst wird, was alles mit einem hätte passieren können. Auch der Altersdurchschnitt könnte ein weiterer Hinderungsgrund sein. 20- oder 30-Jährige werden eher nicht in Gruppen gehen, deren Durchschnittsalter bei 60 und älter liegt. Auch leben heute viele Menschen individualistischer, während man sich früher öfter auch in Gruppen oder Cliquen getroffen hat. Auch das kann ein Grund sein, eine solche Gruppe zu meiden.

Wo liegt die Zukunft von Selbsthilfegruppen in Zeiten von Facebook & Co.?

Die persönlichen Gruppentreffen wird es meiner Meinung nach weiter geben, vielleicht weniger häufig - neben den digitalen Gruppen. Ich denke, dass mittelfristig auch neue Formen der virtuellen Selbsthilfe entstehen werden.

Was gibt Betroffenen so ein Austausch?

Der gegenseitige Austausch gibt den Betroffenen in vielerlei Hinsicht etwas. Man fühlt sich mit dem, was einem passiert ist, nicht alleine. Man fühlt sich verstanden, weil dort Menschen sind, denen das Gleiche oder etwas Ähnliches widerfahren ist. Man bekommt wertvolle Informationen oder Tipps hinsichtlich Therapeuten oder Rehaeinrichtungen, Umgang mit abgelehnten Anträgen und Hilfen im Alltag mit Halbseitenlähmung. Wenn die »frisch« Betroffenen sich mit den »alten Hasen« austauschen, macht das Mut zu sehen, wie das Leben wieder weiter gehen und trotz Behinderung auch gut gelingen kann

Was sind die größten Probleme von Patienten?

Das frühere Leben, der ehemalige Alltag ist bei vielen Aphasikern plötzlich nicht mehr da oder er hat sich drastisch verändert. Freunde und auch Verwandte wenden sich mit der Zeit ab. Neue Freundschaften sind aufgrund der Aphasie vielleicht nur schwer aufzubauen, was zu sozialem Rückzug bis hin zu Vereinsamung führen kann. Fehlende oder gestörte Sprache führt zu Schwierigkeiten in der Beziehung, weil die Betroffenen sich nur schwer oder nicht mehr mitteilen und ihre Gefühle äußern können. Aphasiker brauchen mehr Zeit, um zu kommunizieren und an Gesprächen mit anderen teilhaben zu können, was in unserer schnelllebigen Zeit immer schwieriger wird. Möglicherweise ist der Beruf danach weg, was finanzielle Probleme nach sich zieht und nicht selten am eigenen Selbstwert kratzt.

Und wie kommen Betroffene aus diesem Tief wieder heraus?

Das »alte Leben« ist nicht mehr vorhanden. Schlaganfallpatienten müssen mühsam ein neues Lebenskonzept entwickeln, das ihre Sprachstörungen und körperlichen Behinderungen mit einbezieht. Man muss sich der neuen Situation stellen. Es gilt zu überlegen, was ich mit den mir verbliebenen Fähigkeiten machen kann und möchte. Und da sind einige Betroffene sehr ideenreich. Sie bringen beispielsweise ihre eigene Geschichte zu Papier, programmieren Sprachübungen für andere Patienten, betätigen sich künstlerisch in Musik, Fotografie, Malerei oder übernehmen verantwortungsvolle Positionen im Bereich der Selbsthilfe-Verbandsarbeit. Auch das gibt es.

(5) Nach dem Schlaganfall: Die Angst vor dem Rückschlag
Quelle: Stephanie Renger

Kommen auch Angehörige zu den Treffen? Was erzählen diese denn, was die größten Probleme sind nach einem Schlaganfall in der Familie?

Ja, die Selbsthilfegruppen sind alle gemischt - Betroffene und Angehörige. Typische Angehörigenthemen sind der Rollenverlust oder -tausch. Das kann zum Beispiel der Verlust der Autorität als Vater oder Mutter sein. In der Regel gibt es einen extremen Anstieg der Verantwortung bei den Angehörigen. Im schlimmsten Fall muss ich plötzlich alles alleine überdenken, entscheiden, weil kein Austausch und keine Absprache mit Partnern mehr möglich ist. Es gibt oft wenig Wertschätzung durch die betroffenen Partner. Die geringe Motivation der Betroffenen für Therapie oder andere Aktivitäten fordert Angehörige noch mehr. Durch das permanente Funktionieren verlieren die Angehörigen die Aufmerksamkeit für eigene Bedürfnisse und Grenzen. Und viele haben ein permanentes schlechtes Gewissen, nicht alles geben zu können.

Hintergrund: Das Aphasie-Zentrum Unterfranken in Würzburg

 1972 erleidet der Jurist Erich Rieger aus Würzburg nach einem Reitunfall eine schwere Aphasie. Auf der Suche nach Menschen, die das gleiche Schicksal teilen, gründet er 1981 die erste Aphasiker-Selbsthilfegruppe in Würzburg, die sich zunächst in seinem Keller trifft.

Das sind die Wurzeln des heutigen Aphasiker-Zentrums Unterfranken. Solche Zentren als Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige gibt es heute in fast jedem Bundesland. Ende der 1980er Jahre war man weitgehend auf sich alleine gestellt. Heute werden zwölf Selbsthilfegruppen in ganz Unterfranken mit rund 270 Teilnehmern begleitet. Davon sind rund 170 Betroffene und rund 100 Angehörige. Die Treffen finden in der Regel einmal monatlich statt.

In der Region gibt es in Aschaffenburg eine Betroffenen- und Angehörigengruppe sowie psychologische Einzelberatung. In Mömbris (Kreis Aschaffenburg), Miltenberg sowie Gemünden, Karlstadt, Marktheidenfeld (Kreis Main-Spessart) gibt es auch Gruppen. (bk)

Internet www.aphasie-unterfranken.de

 

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!