Sonntag, 25.10.2020
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Interview: Schlaganfall mit 40 - Das sagt Neurologe Ginzburg zu Marco Nohls Fall

Einschränkungen beim Sitzen, Gleichgewichtsprobleme, Koordination

Bad Orb
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Arzt und Patient: Der Neurologe Elmar Ginzburg vom Mediclin Rehazentrum Bad Orb hat Marco Nohl (rechts) 2015 nach dem Schlaganfall betreut. Foto: Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber
2015 hatte der Wächtersbacher Marco Nohl einen Schlaganfall. In der Reha in Bad Orb hat er viel an sich gearbeitet, um wieder auf die Beine zu kommen. Sein behandelnder Arzt Elmar Ginzburg hat mit uns gesprochen.

Ein großer dunkler Fleck: Das war der Schlaganfall, den Marco Nohl im Oktober 2015 mit gerade einmal 40 Jahren erlitt. Klar zu sehen ist er auf MRT-Bildern im Computer seines behandelnden Arztes Elmar Ginzburg. Zwei Zentimeter groß schätzt der Neurologe die Blutung im Mittelhirn im Bereich der Brücke. Für diesen Teil sei das eine sehr große Blutung, sagt er dann. Im schlimmsten Fall hätte das bei Nohl einen tödlichen Ausgang nehmen können.

Elmar Ginzburg ist Neurologe und Chefarzt der Fachklinik für Neurologie und Klinische Neuropsychologie im Mediclin Rehazentrum in Bad Orb (Main-Kinzig-Kreis). Dort hat man sich auch auf Schlaganfallbehandlungen spezialisiert. Im Jahr werden rund 1650 Schlaganfallpatienten aus Darmstadt, Fulda, Gelnhausen, Hanau, Frankfurt, Schlüchtern, sowie Aschaffenburg, Lohr und Würzburg betreut. Einer von ihnen war 2015 Marco Nohl. Und Elmar Ginzburg erinnert sich in einem Gespräch an die damalige Behandlung.

Wie ging es Herrn Nohl, als Sie ihn zum ersten Mal untersucht haben?

Herr Nohl war deutlich eingeschränkt beim Sitzen, hatte eine Fallneigung, da er Probleme mit dem Gleichgewicht hatte. Stehen war nicht möglich. Daher konnte er sich eine Zeitlang nur im Rollstuhl bewegen. Er hatte Schwierigkeiten mit koordinierten Bewegungen der Arme und Beine.

Wie war die Prognose zu Beginn?

Ausgehend von seinem Alter und von der Dauer der Störung war die Prognose gut. Man konnte schon davon ausgehen, dass sich vieles zurückbilden wird. Aber man konnte damals nicht sehen, ob Störungen zurückbleiben. Es ist manchmal ein langer Weg zurück. Wie lange das dauert, konnte man nicht sagen.

War das bei ihm ein schwerer Schlaganfall?

Man muss immer unterscheiden, an welchen Stellen des Gehirns der Schlaganfall stattgefunden hat. Bei Herrn Nohl war das in einem Gebiet des Hirns, das mit wichtigen Zentren verbunden ist. Wichtige Bahnen gehen dort durch. Der Schlaganfall an sich war nicht groß, aber die Auswirkungen auf den Bewegungsapparat waren massiv.

Wie lief die Behandlung ab?

Den größten Teil hatten die Therapeuten zu bewältigen, ihn wieder aufzurichten, ihn zu stabilisieren, ihn wieder in die Balance zu bringen und ihn wieder dahin zu bringen, seine Arm- und Beinbewegungen in Einklang miteinander zu bringen. Von ärztlicher Seite her waren die Überwachung und die Stabilisierung des Blutdrucks und der stimmungsmäßige Aufbau wichtig. Außerdem habe ich das Rehaprogramm für ihn aufgestellt und überwacht. Wenn etwas nicht passte, habe ich Rücksprache mit den Therapeuten gehalten, um es anzupassen. Umgekehrt sind die Therapeuten auch auf mich zugekommen, wenn die Maßnahmen aus ihrer Sicht für den Patienten modifiziert und angepasst werden sollten. Das sind wichtige Impulse für die Therapie.

Wie beurteilen Sie Herrn Nohls aktuellen Zustand?

Aktuell ist Herr Nohl komplett integriert in seinen Beruf, in seinen Alltag und in sein Leben. Insofern denke ich, dass die Behandlung schon sehr erfolgreich war. Man kann wirklich von einer Reintegration sprechen. Das Glück haben nicht viele, die einen Schlaganfall erlitten haben.

Aber Herr Nohl hat immer noch mit Einschränkungen zu kämpfen. Kann er eines Tages auch wieder bei 100 Prozent ankommen?

Aus meiner Sicht ist er vollständig reintegriert mit kleinen Defiziten. Es mag sein, dass diese auch bleiben. Von den Messwerten her liegt er im überdurchschnittlichen Bereich, was seine wiedererlangten Fähigkeiten angeht.

Was sind eigentlich die Ursachen für einen Schlaganfall?

Es gibt viele. Risikofaktoren sind Rauchen, hoher Blutdruck - wie es bei Herrn Nohl der Fall war -, Diabetes, Übergewicht, Herzrhythmusstörungen, Blutgerinnungsstörungen oder arteriosklerotische Gefäßveränderungen. Mit zunehmenden Alter ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, auch höher.

Warum kommt es trotzdem in jungen Jahren zu einem Schlaganfall wie bei Herrn Nohl?

Was bei Herrn Nohl konkret dazu geführt hat, kann ich nicht sagen. Bei jüngeren Patienten wie bei ihm kann oft keine klare Ursache für den Schlaganfall gefunden werden. Bei mehr als einem Drittel der jungen Erwachsenen unter 55 Jahren handelt es sich um einen so genannten kryptogenen Schlaganfall. Bei manchen Patienten findet sich ein persistierendes Foramen Ovale. Eine Öffnung in der Herzwand, die dazu führt, dass Blutgerinnsel aus dem Herzen in das Hirn schießen können.

Wie wichtig war Herrn Nohls Mitarbeit während der Rehabilition?

Das ist ein großer Anteil des Patienten, den er mit dazu beiträgt zur Genesung. Herr Nohl war sicher sehr motiviert. Er brauchte aber manchmal auch eine psychologische Unterstützung, dass diese Motivation anhielt. Die Fortschritte waren manchmal langsamer, deswegen brauchte er da auch mal Hilfe.

Herr Nohl sagt, seine linke Seite fühlt sich auch vier Jahre nach dem Schlaganfall noch anders an als die rechte Seite. Woran liegt das?

Das hängt daran, dass die Bahnen in dem Bereich, in dem er den Schlaganfall hatte, gestört waren. Diese Bahnen sind verantwortlich für die Sensibilität. Manchmal bleiben diese Störungen dauerhaft und erholen sich nicht komplett.

Kann sich das noch verbessern?

Grundsätzlich gibt es nie ein Ende. Es kann sich immer noch etwas tun zum Besseren hin. Nach vier Jahren erholen sich die Bahnen aber nicht mehr in dem Maß, wie sie das vielleicht direkt nach einem Schlaganfall tun.

 

Unsere Multimediaserie zu Marco Nohls Kampf zurück ins Leben finden Sie unter: www.main-echo.de/schlaganfall

Hintergrund: Ziel und Maßnahmen einer Rehabilitationsbehandlung nach einem Schlaganfall

Ziel einer Rehabilitationsbehandlung ist es, den Betroffenen wieder die Rückkehr in sein bisheriges soziales und auch berufliches Umfeld zu ermöglichen. Die Ansprüche auf Erhaltung der Erwerbsfähigkeit und die Vermeidung oder Minderung von Pflegebedürftigkeit sind gesetzlich geregelt.

Durch geeignete Trainingsverfahren und zum Teil auch durch medikamentöse Unterstützung soll einerseits eine Rückbildung der körperlichen Funktionseinschränkungen erzielt werden. Das heißt: Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, Sprach- und Sprechstörungen, Sehstörungen, Hirnleistungsminderungen, aber auch seelische Beeinträchtigungen sollen durch die Rehabilitationsmaßnahmen verbessert werden.

Nach einem Schlaganfall wird bereits in der Stroke Unit mit der Frührehabilitation - bestehend aus Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie - begonnen.

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