Dienstag, 01.12.2020
75 Jahre Main-echo Main-Echo Startseite

Zweites Zuhause verloren – Ex-Feuerwehrmann verhindert Schlimmeres

Karlstein a. Main
Kommentieren
2 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Total zerstört sind vier Wohnwagen nach einem Brand am frühen Freitagmorgen auf dem Campingplatz am Weißsee im Karlsteiner Ortsteil Großwelzheim. Die Polizei schätzt den Schaden auf »nahezu 100 000 Euro«. Die Brandursache steht noch nicht fest, die Kripo Aschaffenburg ermittelt. Es gab keine Verletzten. »Hauptsache, uns ist nichts passiert«, sagt Barbara Helbig, der die Tränen in die Augen steigen.

Video: Nina Lenhardt, Gerd Rüppel, Dirk Ceelen


Die 69-jährige Rentnerin aus Haibach blickt auf das kleine Eckgrundstück in allerbester Seelage, auf dem sie und ihr Mann Rolf Herold seit sechs Jahren jeden Sommer verbringen. Dort brach gegen 3.30 Uhr das Feuer aus. Wie die anderen Camper schlief das Ehepaar, durch einen Knall wachten sie auf. Wie Helbig erzählt, brannte es da schon im Pavillon vor dem Wohnwagen.

Beherztes Eingreifen
Schnell habe sich das Feuer auf die neben und hinter der Parzelle liegenden Wohnwagen, Vorzelte und Holzpavillons ausgebreitet, berichten Bewohner und Nachbarn. Bis zum Eintreffen der knapp 30 Feuerwehrleute der Wehren aus Karlstein und Kahl griff ein ehemaliger Feuerwehrmann aus Aschaffenburg ein.

Der 67-jährige Herbert Beeger, dessen Camperanwesen nahe dem Brandort liegt, lotste die Leute vom Feuer weg, schnappte sich einen Gartenschlauch und bewässerte umliegende Behausungen. Damit verhinderte er, dass das Feuer auf weitere Wohnwagen übergriff. Bescheiden kommentierte Beeger seinen Einsatz am Freitag gegenüber unserer Zeitung: »Das war ja 50 Jahre lang mein Hobby.«

Kripo ermittelt
Wie die Polizei in ihrem Bericht schreibt, führte die Kripo noch in der Nacht erste Ermittlungen am Brandort durch. Sehr bald müsste der seenahe Brandort aufgeräumt werden, sagen die Bewohner des Campingplatzes – sonst könnten Schadstoffe ins Trinkwasser dringen. Auch am Mittag nach dem Feuer sind Besucher und Bewohner noch im Schockzustand. Sie bleiben vor dem rot-weißen Absperrband stehen, schütteln die Köpfe. »Das ist ja Wahnsinn«, murmelt jemand und: »So etwas habe ich noch nicht gesehen.«

+16 weitere Bilder
Brennende Wohnwagen in Karlstein
Foto: Ralf Hettler |  18 Bilder

Aufräumarbeiten am Tag nach dem Brand: Nina Lenhardt


Im vergangen Jahr erst hatten Monika Biehl und Ulrich Seipel aus Somborn ihren Wohnwagen neu eingerichtet im Landhausstil. Wie die meisten übersommern sie hier auf dem Campingplatz im festen Wohnwagen. »Das ist wie ein zweites Zuhause«, sagt Biehl. Und jetzt liegt es vor ihnen in Schutt und Asche.

Auch Seipels Brille, die er für seine Arbeit als Kommissionierer bei Transoflex in Alzenau-Süd dringend braucht, ist futsch. Was er fast unbeschädigt zwischen den Trümmern findet, ist die viel genannte Ironie des Schicksals: eine Zigarre mit Vanillegeschmack. In der weiteren Nachbarschaft hat das Feuer ebenfalls Spuren hinterlassen: Die Hecken sind braun statt grün, der Funkenflug hat verbrannte Teilchen auf Pavillondächer getragen, Kunststofffenster und Rollläden sind durch die große Hitze geschmolzen wie Eiscreme in der Sonne.

Aber Ärger gibt es keinen, hier halten alle zusammen. Da verleiht das Rentnerehepaar Rüppel aus Frankfurt Kleidung an die, die in Nachthemd und Schlafanzug flüchten mussten. Da telefoniert Neucamperin Gitte Frech aus Rodgau-Weiskirchen für die Betroffenen mit der Versicherung. Und auf den kleinen Wegen am Brandort entstehen Ideen, um die Betroffenen zu unterstützen: »Starter-Pakete« aus dem, was die Nachbarn doppelt haben, vielleicht ein Benefizverkauf auf dem Seefest Anfang August – oder könnte nicht die Pacht für die Betroffenen ein Jahr lang erlassen werden?

»Andere fahren in den Urlaub, wir haben immer Urlaub«, sagt Barbara Helbig so überzeugt, wie man das von echten Campern erwartet. Am Freitagmittag lächelt die kleine Frau dabei nur vorsichtig, nicht nur, weil ihr nicht danach zu Mute ist: Ihr Gebiss ist unter anderem zusammen mit einem roten Topf, einem Damenfahrrad und Gartenzwergen verbrannt.

Vier Campingwagen in Karlstein ausgebrannt
Quelle: VBideo: Nina Lenhardt und Gerd Rüppel, Schnitt: Dirk Ceelen

Bilderserie aus der Brandnacht: Ralf Hettler


Suche in den schwarzen Trümmern
Ihr Mann müht sich in der Mittagshitze ab, um in den schwarzen Trümmern den Autoschlüssel zu finden. Schließlich entdeckt er einen Anhänger, mit dem sich die Garage in Haibach öffnen lässt. Und er sucht weiter, vielleicht auch, weil es das einzige ist, was er in dem Moment tun kann.

Seit zwölf Jahren sind Barbara Helbig und ihr Rolf Camper. Ob die beiden nach dem Brand je wieder campen werden? Sie sagt: »Ich glaube nicht.« Und doch bleiben sie in der Nacht auf Samstag auf dem Campingplatz: Nachbarn haben sie eingeladen, bei ihnen zu übernachten. 

+47 weitere Bilder
Aufräumen nach dem Feuer in Karlstein
Foto: Nina Lenhardt |  49 Bilder

Nina Lenhardt

Kommentare

laden


Die Diskussion wurde geschlossen..

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!