Dienstag, 19.01.2021
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Was die Blaulicht-Redaktion 2020 bewegt hat

Rückblick: Kinderpornografie, Tatmittel Handy, Rassismus-Vorwürfe, Rettungsdienst-Alltag

Aschaffenburg
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Symbolbild: Blaulicht
Foto: Jens Büttner
Foto: Jens Büttner
Kinderpornografie, Tatmittel Handy, Rassismus-Vorwürfe, Rettungsdienst-Alltag: Das Jahr 2020 bot der Blaulicht-Redaktion im Main-Echo vielfältige Themen, über die vier Redakteur*innen berichtetet haben, die sie kommentiert und zu denen sie detailliert recherchiert haben. Vor allem Gerichtsprozesse, die auch in Pandemie-Zeiten stattfinden mussten, haben die Arbeit geprägt, aber auch die Frage, wie Hilfsorganisationen während der Corona-Krise agieren. Im Folgenden ein ganz persönlicher Rückblick auf die Fälle, die die Blaulicht-Mitglieder in den letzten 365 Tagen beschäftigt haben. Per Klick auf die Überschriften gelangt man direkt zu den Beiträgen oder Themendossiers.

Ralph Bauer ist seit Frühjahr 2019 in der Blaulicht-Redaktion insbesondere für den östlichen Bereich im Verbreitungsgebiet zuständig und besucht Prozesse am Landgericht Würzburg, von denen 2020 einige auch überregional für Interesse sorgten:

Ralph Bauer
Foto: Harald Schreiber

Kinderpornoprozess Würzburg
"Es war erschreckend zu sehen, wie kaltblütig ein Mensch das Vertrauen der Angehörigen und seiner gehandicapten Opfer, was ein Therapeut besonders braucht, ausgenutzt hat. Wie minutiös er seine ekelerregenden Übergriff plante und im Laufe des Prozesses kein einziges Mal wirklich erkennen ließ, dass er die zahlreichen Missbrauchsfälle bedauert. Am meisten tat er sich wohl selbst leid, weil er durch seine perverse Neigung sein ganzes Leben zerstört hat."

Sterbehilfeprozess Gemünden
"Manchmal kommen Justiz und Recht an ihre Grenzen, so auch in diesem Fall. Letztlich bewies der Prozess klar, dass der 92-Jährige nach jahrelanger aufopferungsvoller Pflege seine Frau aus Mitleid und aus Liebe getötet hat. Es gab keinerlei Hinweise auf persönliche Motive des Mannes. Entsprechend hat die Kammer ein sehr weises Urteil gefällt, dass die Tat an sich zwar nicht ungesühnt lässt, dem Mann aber andererseits eine Gefängnisstrafe erspart. Gut und richtig ist die Diskussion um Überforderung pflegender Angehöriger, die durch den Prozess in Gange gekommen ist."

 

Katrin Filthaus begann im Herbst 2014 am Main-Echo-Hauptsitz in Aschaffenburg als Redakteurin in der Blaulicht-Redaktion, verfolgt unter anderem Verhandlungen am Landgericht Aschaffenburg und pflegt Kontakte zur JVA Aschaffenburg:

Foto: Stefan Gregor

Handy als Türöffner

"Die sozialen Medien sind für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Gerade jetzt, wo die Pandemie uns Abstand verordnet, helfen sie uns Kontakt zu halten, Gleichgesinnte zu finden, unsere Sorgen und Ängste zu teilen. Doch der sorglose Umgang damit kann schlimme Folgen haben, gerade bei jungen Leuten, die sich die enorme Reichweite nicht klarmachen, die ein versendetes Bild, eine eigentlich vertrauliche Nachricht erreichen kann. Ein Gespräch mit Beamten der Kriminalpolizei hat mir das einmal mehr bewusst gemacht. »Eltern haben keine Ahnung, was ihre Kinder mit dem Handy alles anstellen. Sie sind wie vor den Kopf gestoßen, wenn sich die Kinder ihnen anvertrauen«, sagte der Kripobeamte Andreas Suttner damals. 
Etwa ein halbes Jahr später begegnete mir das Thema wieder: Ein Handy war der "Türöffner" für einen Mann in mindestens ein Kinderzimmer. Er schrieb sich mit einem Kind Nachrichten, von denen die Familie nichts wusste. Der Mann habe das Kind »mit einem ausgeklügelten System aus Geschenken, kindlichen Spielen und Druck« dazu gebracht, »völlig altersunübliche Dinge an sich und ihm« vorzunehmen, so der Vorsitzende Richter Karsten Krebs. Dieses Thema wird mich sicherlich auch 2021 begleiten."

Auslieferung eines Verdächtigen
"Überrascht und bewegt hat mich auch die Auslieferung des Vaters von Mezgin N. Die Berufsschülerin aus Goldbach war im Mai 2017 verschwunden, wurde aufwändig gesucht. Der Vater setzte sich nach einem Angriff auf den Freund Mezgins in die Türkei ab. Im Dezember 2018 die traurige Sicherheit: Mezgin war tot. Lange bewegte sich nichts, bis Polizei und Staatsanwaltschaft im Oktober vermeldeten, dass die Türkei Hashem N. ausgeliefert habe. Am 18. Dezember erhob die Staatsanwaltschaft Anklage, der Prozess beginnt wohl im Frühjahr - und wir sind schon sehr gespannt darauf!"

 

Nina Lenhardt ist seit Sommer 2014 Mitglied der Blaulicht-Redaktion am Standort Aschaffenburg, kümmert sich spezialisiert um Polizeithemen und begleitet ebenfalls Verfahren am Aschaffenburger Landgericht:

Main-Echo. Nina Lenhardt © Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber

Ausnahme-Prozess

"Das umfangreichste Thema, mit dem ich mich 2020 befasst habe, war eindeutig "Tatort Schlossgarten" mit dem Gerichtsprozess zu dem Aschaffenburger Altfall von 1979 und dem Nachspiel. Besondere Hürde: Die Verhandlung fand ohne Öffentlichkeit statt. Zwar gab es eine gute Pressearbeit von Seiten des Landgerichts – aber es ist etwas völlig anderes, selbst im Saal zu sitzen, Zeugen zu hören, Erläuterungen zu verfolgen und Reaktionen zu beobachten.  Stundenlang habe ich nach dem Urteil mit dem Bruder von Christiane J. gesprochen und trotzdem wohl nur eine Ahnung davon bekommen, was der Mord an der damals 15-Jährigen für die Familie bedeutet. Bemerkenswert fand ich die zahlreichen Rückmeldungen der Leser, weil sie gezeigt haben, wie wichtig Berichterstattung für viele Einzelne sein kann. Was aus der Revision der Nebenklage gegen den Freispruch von Norbert B. wird, werden wir wohl 2021 erfahren. Ob wir jemals gesichert wissen werden, wer Christiane J.s Mörder war,  – den Angehörigen und auch den Ermittlern würde ich es zumindest wünschen."

(K)ein Fall von Rassismus

"Im Zuge der "Black Lives Matter"-Bewegung ploppten im Sommer im Internet Verweise auf einen Fall von 2001 in Aschaffenburg auf: Damals war eine 26 Jahre alte Mutter, Marame W., von einem Polizisten erschossen worden. Der Vorwurf: Rassismus auf Seiten der hiesigen Polizei. Ich habe den Fall recherchiert, dabei stellte sich schnell heraus, dass Interessengruppen einen Mythos kreiert hatten und etwa ausgelassen wird, dass die Frau die Beamten mit einem Messer angegriffen hatte. Was mich ärgert: Die falsche Darstellung wird bis heute immer wieder ungeprüft übernommen wird, auch von als seriös geltenden Institutionen. Gibt es Missstände bei Behörden, müssen diese kritisiert und behoben werden, keine Frage. Wer aber gezielt Missstände erfindet, hilft der Gesellschaft nicht weiter. "

 

Veronika Schreck startete direkt nach ihrem Volontariat  im Sommer 2020 in der Blaulicht-Redaktion und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Feuerwehr und Rettungsdienst am bayerischen Untermain:

06.06.2018 Main-Echo: Veronika Schreck
Foto: Victoria Schilde

Dramatische Rettung:

Eine Mutter und ihre zwei Kinder mussten sich im September vor den Flammen in Sicherheit bringen, die den Ausgang ihrer Wohnung in der Obernauer Straße in Aschaffenburg versperrten. Mithilfe von Nachbarn und Passanten, die Matratzen als eine Art Sprungkissen nutzen, gelang die Rettung. "Wie ein Adler seine Schwingen legt sie ihre Arme um die Kinder und drückt sie fest an sich, erinnert sich ein Helfer. Hinter ihr lodern inzwischen die Flammen", hält Veronika Schreck die dramatische Szene in ihrem Text fest. Besonders tragisch: Wie sich bei den Ermittlungen zur Brandursache später herausstelle, hatte eines der Kinder gezündelt und so das Feuer verursacht. Bewegend war der Einzug der Familie in ein neues Zuhause – ermöglicht hatte dies auch die große Hilfs- und Spendenbereitschaft von Mitbürgern: »Ich bin hier, das ist das Wichtigste«, sagte die Mutter, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, vor Ort.

Rettungsdienst-Alltag in Corona-Zeiten:

Immer wieder musste der Rettungsdienst am bayerischen Untermain das Hygienekonzept für Personal und Patienten überarbeiten, je nachdem, wie sich die Vorgaben änderten – und das taten sie in diesem Jahr oft. Wie sehr sich die Arbeit der Helfer verändert hat, dass sie an vielen Stellen schwieriger geworden ist, lässt sich gut an einem Zitat eines Mitglieds der BRK Aschaffenburg ablesen: »Ich habe letztens 45 Minuten reanimiert. Da ist man froh, wenn man sich nach dem Einsatz die Maske vom Gesicht reißen und frische Luft atmen kann.« Notfallsanitäter bekamen im Pandemie-Jahr mehr Kompetenzen. Was machen all die zusätzlichen Belastungen mit den Helfern? Ein Ehrenamtler im Rettungsdienst sagte Veronika Schreck bei der Recherche im Juni: »Man kann es abstreifen, wenn man die Dienstkleidung ablegt. Muss man auch. Sonst geht man psychisch kaputt.«

Nina Lenhardt

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