Montag, 25.03.2019

Respekt statt Voyeurismus: Wie wir über Unfälle berichten

Information und nicht Spekulation

Wertheim
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Tödlicher Unfall in Reicholzheim am Mittwoch: Vom Tod eines Familienmitglieds sollten Angehörige von der Polizei und einem Notfallseelsorger erfahren - und nicht durch Onlinemedien. Doch nicht alle Berichterstatter halten sich daran.
Foto: Matthias Schätte

Spä­ter Mitt­woch­nach­mit­tag in Rei­c­holz­heim: Ein Mo­tor­rad­fah­rer ist mit ei­nem Au­to zu­sam­men­ge­sto­ßen. Die nach­fol­gen­de Be­rich­t­er­stat­tung ei­nes On­li­ne­me­di­ums aus der Re­gi­on ver­setzt Ret­ter und vie­le Le­ser in Ra­ge. Es ist ein Lehr­stück, wie Jour­na­lis­mus nicht sein soll­te.

Mittwoch, 16.35 Uhr, Redaktion der Wertheimer Zeitung: In der Stadt sind die Martinshörner der ausrückenden Feuerwehr zu hören. Ein Anruf in der Wache ergibt: Unfall bei Reicholzheim, keine weiteren Informationen. Unser Reporter macht sich auf den Weg.

Rettungskräfte arbeiten lassen

Bei seinem Eintreffen vor Ort gegen 16.45 Uhr sieht er: Ein mitten auf der Straße querstehendes Auto und ein davor liegendes Motorrad. Dessen Fahrer wird in einem Rettungswagen behandelt. Die Insassen des Autos werden in ein Feuerwehrfahrzeug gebracht, wo sich die Helfer um sie kümmern. Polizisten dokumentieren den Unfallort. Unser Reporter schießt erste Fotos. Die Grundregel: Keine Verletzten, keine Kennzeichen, kein Blut. Ein Kollege der Fränkischen Nachrichten trifft ein, auch er kennt die Regeln, die unter anderem im Pressekodex niedergelegt sind. Rettungskräfte und Polizei machen ihre Arbeit, danach sind die Medien dran, um Fragen zu stellen. Eiserne Regel: Mit Fotos und Details berichtet wird erst, wenn die Angehörigen von Unfallopfern durch die Polizei informiert sind.

16.55 Uhr: Ein Rettungshubschrauber setzt zur Landung an. Doch auch dessen Notarzt kann dem Patienten nicht mehr helfen, der Mann stirbt im Krankenwagen. Als feststeht, dass der Verletzte es nicht geschafft hat, ist die Stimmung am Unfallort gedrückt: Zwischen den Feuerwehrleuten fällt kaum ein Wort, die, die zusammen mit Notarzt und Rettungsdienst bis zuletzt um das Leben des Verletzten gekämpft haben, werden von ihren Kameraden in die Mitte genommen. Wenige Minuten später der Betreiber eines Internetportals ein, das sich mit dem Blaulichtgeschehen im Main-Tauber-Kreis und der Region beschäftigt. Er wedelt mit einem Presseausweis herum, schießt schnell einige Fotos und verschwindet dann wieder.

Viele offene Fragen

18.10 Uhr: Die Polizei meldet den Unfall, der Tote ist allerdings noch nicht identifiziert. Ob der Halter des Motorrads auch der Fahrer war, ist unklar. Die Polizei hat daher noch keine Angehörigen informiert. Die genaue Unfallursache steht noch nicht fest: Nach ersten Ermittlungen hat das Auto dem Mann die Vorfahrt genommen. Doch viele Details sind noch unklar: War er zu schnell? Hat die Fahrerin ihn kommen sehen? Um diese Fragen zu klären, fordert die Polizei einen Gutachter an.

19.20 Uhr: Auf einer Internetseite geht ein "ausführlicher Artikel samt Foto" online. Darin ist die Pressemitteilung der Polizei enthalten, mit Dramatik angereichert und mit reichlich Spekulation garniert. Geschrieben vom Portalbetreiber, der kurz vor Ort war. Der Motorradfahrer habe "unverschuldet" sein Leben verloren, er habe sofort eine Vollbremsung eingeleitet. Und vieles mehr. Der Gutachter ist zu der Zeit noch nicht vor Ort, weitere Details hat die Polizei noch nicht bekanntgegeben.

Warten statt vorpreschen

21.40 Uhr: Die Polizei informiert, dass das Opfer identifiziert und die Angehörigen informiert sind. In Absprache mit der Online-Redaktion veröffentlicht unser Medienhaus nun auch einen detaillierten Text und Fotos des Unfalls. Damit sind wir zwar zwei Stunden und 20 Minuten später als der erste Mitbewerber, haben uns aber an unsere Grundsätze gehalten.

Die identifizierende Berichterstattung im Internet, noch bevor die Angehörigen über den Unfalltod informiert sind, sorgt bei Rettungskräften für Entrüstung: "Das ist bloßer Voyeurismus, wie man ihn nicht braucht", sagt Hilmar Keller, Leiter des Rettungsdienstes des DRK Tauberbischofsheim und am Mittwochabend beim Einsatz vor Ort. Auch über die verfrühten Spekulationen des Internetportals schüttelt er den Kopf: "Dass man sich zu so einem frühen Zeitpunkt schon zum Richter aufspielt, der urteilt, wer Schuld hat, kann nicht sein", sagt Keller. "Mit Pressefreiheit muss man verantwortungsvoll umgehen."

Dilemma der Polizei

Frank Belz ist einer der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn. "Das ist Sensationsjournalismus", nennt er seine persönliche Meinung. "Unsere Bitte an die Medien - gerade bei tödlichen Unfällen - ist, erst dann zu berichten, wenn der erste Polizeibericht draußen ist. Denn dann sind die Angehörigen informiert." Falls dis noch nicht passiert ist, macht die Polizei dies deutlich, nennt nur die grundlegendsten Informationen und sieht von identifizierenden Details ab- so wie am Mittwoch. Vom Tod eines Familienmitglieds solle niemand aus dem Internet oder aus sozialen Netzwerken erfahren, sagt Belz. Das Dilemma der Polizei sei, alle Medien gleich behandeln zu müssen - auch wenn sich manche nicht an die Regeln hielten.

"Wenn wir an einer Einsatzstelle eintreffen, haben wie ganz anderes zu tun, als zuerst die Presse zu bedienen oder zu beaufsichtigen", sagt Sebastian Szensny, stellvertretender Abteilungskommandant der Feuerwehr Wertheim-Stadt. Er gehörte zu den ersten, die am Unfallort eintrafen und unterstützte Notarzt und Rettungsdienst bei der Wiederbelebung. Mit Entsetzen hat er später den ersten Bericht des Portals im Internet wahrgenommen, der Betreiber - der am Donnerstagnachmittag für eine Stellungnahme nicht erreichbar war - sei der Wertheimer Wehr schon mehrfach unangenehm aufgefallen. Vertreter anderer Feuerwehren aus dem Main-Tauber-Kreis äußern sich - anonym - ähnlich. "Was mögen die Angehörigen des Unfallopfers denken, wenn sie das lesen?", fragt Szensny. Gleichwohl: Die Feuerwehr habe im laufenden Einsatz gar keine Kräfte übrig, um Medienschaffende zu beaufsichtigen, die sich nicht an Regeln hielten. Szensny: "Das ist leider die Realität."

Stichwort: Pressekodex

Der sogenannte Pressekodex besteht aus publizistischen Grundsätzen, die der Deutsche Presserat 1973 vorgelegt hat und die seitdem immer wieder überarbeitet wurden. Sie sind eine Selbstverpflichtung von Journalisten und Verlegern. Der Kodex besteht aus insgesamt 16 Ziffern, an erster Stelle geht es um die Wahrung der Menschenwürde. Weitere Ziffern beschäftigen sich mit Wahrhaftigkeit und Sorgfaltspflicht. Der richtige Umgang mit Unfällen, Katastrophen und Verbrechen ist in den Ziffern 8 und 11 zu Persönlichkeitsrechten und Sensationsberichterstattung geregelt. Der Pressekodex gilt seit 2009 auch für journalistische Beiträge in Onlinemedien. (scm)

Zwischenruf: Berichterstatter mit Verantwortung

Tödliche Verkehrsunfälle gehören zu den schlimmsten Berichterstattungsgegenständen des Lokaljournalismus. Wer schnell vor Ort ist, bekommt auch viel mit. Und ist in der Verantwortung auszuwählen, welche Details berichtet werden und welche nicht.

Man könnte manchen Unfall viel reißerischer aufmachen: Wiederbelebungen, erschöpfte Retter, Blutspuren, garniert mit Augenzeugenberichten vom Hörensagen. Im Internet geklickt würde das ganz sicher. Der erste, der meldet, bekommt fast alle Aufmerksamkeit. Doch wir verzichten in einigen wenigen Fällen wie tödlichen Verkehrsunfällen ganz bewusst darauf, in den Suchmaschinen auf Rang eins stehen und in den sozialen Medien die Erstanlaufstelle sein zu wollen.

Denn die Veröffentlichungsgeschwindigkeit anderer zu überbieten, würde bedeuten, eiserne Regeln zu brechen. Auch im Onlinezeitalter heißt es: Sorgfalt vor Geschwindigkeit. Und Respekt vor den Gefühlen der Beteiligten und Angehörigen.

Unfälle, gerade tödliche, sind immer ein Moment des Innehaltens und Überlegens, wann und wie man berichtet. Aus ganz einfachem Grund: Jeder von uns könnte schon morgen der nächste Verkehrstote sein. Und unsere Angehörigen wollen davon sicher nicht aus dem Internet erfahren. (Matthias Schätte)

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