Montag, 27.01.2020

Wie die Technik die Roßbacher Feuerwehr effizienter macht

Feuerwehr 4.0: Roßbacher Feuerwehr ist Vorreiter in der Region bei Digitalisierung

Leidersbach
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Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Anstatt heulende Sirenen, werden die Einsatzkräfte über das Handy oder die Smartwatch über einem Einsatz alarmiert. Denn die Roßbacher Feuerwehr ist eine digitale Feuerwehr. Wie sieht das aus?

Früh­er ha­ben Si­re­nen ge­heult, wenn im Lei­ders­ba­cher Orts­teil Roß­b­ach (Kreis Mil­ten­berg) die Feu­er­wehr alar­miert wur­de. Die Einsatzkräfte eilten zum Gerätehaus, mussten dort manchmal warten, bis die Mutter des Kommandanten mit einem Schlüssel angelaufen kam, und erfuhren erst im Feuerwehrhaus über ein Fax von der Leitstelle, was passiert war und wohin sie ausrücken mussten. Inzwischen läuft das anders. Denn die Roßbacher Wehr ist eine digitale Feuerwehr.

Alarm aufs Handy oder die Uhr

Heute gestaltet sich schon die Alarmierung anders. Die etwa 50 Aktiven der Roßbacher Wehr werden über ihr Smartphone oder ihre Smart-Watch - also die Uhr - alarmiert. Hin und wieder heulen die Sirenen aber noch. Während die Feuerwehrleute von der Arbeit oder von zu Hause zum Gerätehaus eilen, checkt eine Software, ob nach 30 Sekunden mindestens ein Aktiver gemeldet hat, dass er kommt. Ist dem so, fährt das Rolltor des Feuerwehrhauses automatisch hoch und die Lichter gehen an. Laut dem EDV-Beauftragten der Roßbacher Wehr, Alexander Kullmann, bringt das für die Einsatzkräfte eine enorme Zeitersparnis und sorgt bei nächtlichen Einsätzen für mehr Sicherheit.

»Früher hat das System nach einer Minute geschaut, ob jemand kommt«, erinnert sich Kullmann. »Aber das war unserem Kommandanten zu lange«, setzt er nach und lacht. »Da standen die Leute schon vor der Tür und haben getrippelt, weil sie rein wollten.« Hat sich binnen 30 Sekunden noch niemand gemeldet, bleibt das Tor zu. Das System checkt alle zehn Sekunden erneut, ob sich mindestens ein Aktiver zurückgemeldet hat - zwei Minuten lang. Meldet sich tatsächlich niemand zurück, bleibt das Tor geschlossen und die Lichter bleiben aus.


Organisation über Fernseher

Auf einem Flachbildschirm, der in der Fahrzeughalle hängt, sehen die eintreffenden Kräfte, wo sich in Leidersbach und den Ortsteilen Ebersbach, Roßbach und Volkersbrunn welches Feuerwehrfahrzeug befindet. Sind alle Einsatzmittel auf der jeweiligen Wache, sind sie im Status 2. Eine Warnkarte für Unwetter ist abgebildet. Die Funk-Unterhaltungen sind in der Halle zu hören – durch die auf dem Bildschirm angezeigten Namen, wissen die Kräfte nun auch, wer da spricht.

Bei einem Einsatz wird auf dem Flachbildschirm angezeigt, wer sich schon zurückgemeldet hat, wer später kommt und wer nicht kommen kann. Kullmann zufolge hat die Gemeinde 3000 Euro zur Verfügung gestellt, um Rechner, vier Bildschirme für die vier Wehren der Leidersbacher Ortsteile und Mini-Computer anzuschaffen, damit all die Informationen von der Software auf die Bildschirme in den Gerätehäusern übertragen werden kann. Die Technik eingebaut haben die Feuerwehrleute selbst.


Mit dem Tablet zum Einsatz


Im Löschfahrzeug der Roßbacher Wehr ist neben dem Digitalfunk ein Tablet eingebaut. Das Tablet navigiert die Feuerwehrleute zur Einsatzstelle und erkennt laut Kullmann, wenn sie zu einem Sonderobjekt wie einer Schule fahren. »Dafür sind jeweils Ansprechpartner hinterlegt«, erklärt er. Darin sind auch Pläne enthalten, wie zum Beispiel Schläuche verlegt werden müssen.

Der Kommandant der Roßbacher Wehr, Markus Pfeifer, ergänzt ein Extra: In der Karte von Leidersbach sind alle 530 Hydranten hinterlegt. »Einer unserer Aktiven, Marco Weis, hat in seinem Sommerurlaub alle Hydranten mit dem Quad abgefahren und die GPS-Daten aufgenommen.« Dadurch wissen die Feuerwehrleute bereits bei der Anfahrt, wo die nächsten Hydranten sind - wo sie also Löschwasser her bekommen. Das spart wertvolle Zeit.

Dieses Wissen wäre bei einem Einsatz im September 2018 wichtig gewesen. Damals brannten Akkus in einem Keller. Es war einer der größten Einsätze der vergangenen Jahre für die Wehr. »Nur leider war das Tablet nicht da«, erzählt Pfeifer, schaut Kullmann vorwurfsvoll an. Der Grund: Kullmann hatte das Tablet zu einem Lehrgang mitgenommen. »Beim größten Brand war die Technik weg«, sagt der Kommandant und lacht. Bei Einsätzen im Wald schickt die Leitstelle Kullmann zufolge keine Adresse, sondern Koordinaten, wenn dies möglich ist. Dadurch entfällt die oft langwierige Suche für die Feuerwehrleute, sie werden vom Tablet direkt zum Einsatzort gelotst.


Protokoll schreiben per Handy

Auch die Nachbearbeitung der Einsätze läuft digital ab. Es gibt keine Ordner mehr mit Papierwust. Es gehen keine Zettel mehr verloren. »Jeder nutzt ein Programm, das auf Handys, Tablets oder Computern funktioniert, um seine Einsatzberichte zu schreiben«, erklärt Kullmann. Dazu hat Kullmann, der nicht – wie man denken könnte – Computer-Fachmann ist, sondern als Bankkaufmann arbeitet, ein eigenes Programm geschrieben. Mit »Reni« - Roßbacher Einsatz Nachbearbeitung Interface - füllen die Einsatzkräfte ihre Berichte aus und schicken sie an den Kommandanten, dessen Stellvertreter, die Gruppenführer und die zuständigen Gemeindesachbearbeiter. Letztere können zum Beispiel bei Ölspuren zügiger als früher Rechnungen an die Verursacher schreiben.

Kullmann hat dabei den Datenschutz im Blick: All die digitalen Daten liegen auf lokalen Endgeräten oder sind nach der Datenschutzgrundverordnung verschlüsselt.
Auch bei Übungen ist die Wehr digital unterwegs. Wenn Termine dafür festgelegt werden, speist sich der Termin automatisch in die Kalender auf den Handys der Aktiven ein.

So funktioniert das smarte Feuerwehrhaus in Roßbach
Quelle: Stephanie Renger

So wurde die Wehr digital

Kommandant Markus Pfeifer erinnert sich, wie die Digitalisierung bei seiner Mannschaft Einzug gehalten hat. Zuerst sei er sehr skeptisch geworden. Inzwischen sagt er: »Ich bin großer Nutznießer davon.« Alles begann vor 15 Jahren. Damals stand der Funkmast, der die Feuerwehrleute zum Einsatz rief, in Miltenberg-Mainbullau. Aber durch die geografische Lage - Berge und Täler - zwischen dem Funkmast und Roßbach kam das Signal oft nicht durch. Und selbst wenn es durchging: »Wir hatten damals nur eine Sirene hinter dem Gerätehaus. Die hört man je nach Windrichtung im unteren Teil des Dorfes schon nicht mehr.«

Darum habe die Wehr sich mit der Handyalarmierung befasst, damals freilich noch ohne Internet oder Smartphones. Es wurden SMS verschickt. »Bei einem Einsatz klingelte einfach der normale SMS-Ton. Da war vielen nicht klar, dass es ein Alarm war«, erzählt der Kommandant. Die Lösung: ein eigener SMS-Ton. Aber: Jede SMS kostete 30 Cent pro Person pro Alarm. »Das waren damals pro Einsatz in Leidersbach 50 Euro«, rechnet der Kommandant vor. »Wir haben damals sogar den vierteljährlichen Probealarm aus Kostengründen abgestellt.«

Irgendwann baute man das System aus: Dann konnten die Einsatzkräfte per SMS Rückmeldung geben: 1 hieß »Bin sofort da«, 2 hieß »Komme nach« und 3 »Nicht verfügbar«. Zehn Jahre lang lief das laut dem 38-Jährigen einigermaßen gut. »Dann kamen unsere jungen Wilden«, sagt der Kommandant, lacht und nickt mit dem Kopf in Alexander Kullmanns Richtung. Sie kümmerten sich darum, dass über eine App alarmiert wird, als nach und nach immer mehr Feuerwehrleute  internetfähige Smartphones bekamen.


Auch zu Hause digital

Die Begeisterung für das Digitale zeigt sich bei Kullmann nicht nur im Gerätehaus. Auch bei sich zu Hause hat er smarte Lösungen gefunden, um noch schneller und effizienter zum Einsatz zu kommen. Kommt ein Alarm auf sein Smartphone und seine Uhr, springen gleichzeitig seine Lampen an. »Die blinken erst blau, sind dann vier Minuten lang an und gehen schließlich aus«, schwärmt der 26-Jährige. Dadurch stolpert er nicht mehr durch die dunkle Wohnung, wenn er nachts alarmiert wird. Auch sein Garagentor geht bei Alarm automatisch auf.

Kullmann schult deutschlandweit andere Feuerwehren. Inzwischen ist er nebenberuflich bei der Firma, die die Alarm-App für Handys gebaut hat.
Auch in der eigenen Wehr sind die digitalen Feuerwehrleute aber noch lange nicht fertig. Sie wollen eine neue Tür samt NFC-Tag. Kullmann erklärt: »Wenn dein Handy berechtigt ist, hältst du es an diese Stelle an der Tür, der Sensor erkennt dich und die Tür öffnet sich.« Auch eine Heim-komm-Funktion plant der EDV-Beauftragte. Das heißt, wenn die Feuerwehrleute nach einem Einsatz zurück zum Gerätehaus kommen, soll das Gebäude auch darauf reagieren und sie automatisch wieder reinlassen.

Hintergrund: Die Umstellung auf den Digitalfunk bei der bayerischen Feuerwehr

Die Be­hör­den und Or­ga­ni­sa­tio­nen mit Si­cher­heits­auf­ga­ben (BOS) - wie die Feu­er­weh­ren - kom­mu­ni­zie­ren über den Di­gi­tal­funk. Beim frühe­ren Ana­log­funk mit ei­ge­nen Fre­qu­en­zen wa­ren laut dem baye­ri­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um be­g­renz­te Reich­wei­ten ein Pro­b­lem.Durch den Digitalfunk können die Wehren auch mit der Polizei, den Hilfsorganisationen oder mit Gruppen aus anderen Bundesländern im Einsatz sprechen. Die Feuerwehren in Bayern haben vor einigen Jahren nach und nach auf Digitalfunk umgestellt. Die Roßbacher Wehr war dabei laut dem EDV-Beauftragten Alexander Kullmann recht spät dran. Hier wird seit 2016 digital gefunkt. (ves)

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