Mittwoch, 26.06.2019

161 statt 80 km/h: Warum sich ein Raser auf B469 absichtlich blitzen lässt

Vermummt und trotzdem gefasst

Stockstadt
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Mit Absicht und Tempo 161 hat sich ein 18-Jähriger auf der B 469 bei Stockstadt (Kreis Aschaffenburg) blitzen lassen. Dass die Verkehrspolizei ihn trotz Vermummung mit Mütze und Sonnenbrille sowie fehlender Kennzeichen schnappen würde, konnte er sich wohl so gar nicht vorstellen. Pech für ihn: Jetzt hat er ein Strafverfahren am Hals.

Der junge Mann aus Kleinostheim (Kreis Aschaffenburg) hatte sich laut Polizei Videos im Internet angeschaut und kam so auf die Idee für die Raserei im Blitzbereich. Der Tatort dürfte rasch klar gewesen sein, als ihm ein Bekannter sagte, dass an der Bundesstraße bei Stockstadt gerade ein Messanhänger der Verkehrspolizei stand.

Der 18-Jährige bereitete sich vor: Er setzte eine Mütze und eine große Sonnenbrille auf, offenbar damit sein Gesicht nicht zu erkennen war, und nahm die Kennzeichen an einem Ford Kuga ab, den er sich privat geliehen hatte. Zwei Freunde, ebenfalls junge Erwachsene, setzten sich als Mitfahrer in den Mini-SUV und dann ging es in der Nacht zum Sonntag los in Richtung B 469.

Gegen 1.30 Uhr rauschte der Wagen dort mit 161 Sachen an Stockstadt vorbei, wo nur Tempo 80 erlaubt ist – und wurde wie geplant geblitzt. »Der Fahrer tat dies offensichtlich bewusst und absichtlich«, teilt Johannes Büttner von der Verkehrspolizei Aschaffenburg-Hösbach mit. Unterstützt wird diese Annahme davon, dass die Mitfahrer sich wegduckten, die Fahrt allerdings mit dem Smartphone filmten.

Es geht nicht (nur) ums Tempo

Bei der händischen Auswertung der Bilder aus dem Messgerät fiel der Polizei der »Schnappschuss« des Trios sofort auf. Der Grund: Es ging hier in erster Linie nicht um eine Ordnungswidrigkeit wegen zu schnellen Fahrens, sondern um eine Straftat, weil an dem Ford keine Kennzeichen angebracht waren. Weil der Fahrer daher nicht ohne Weiteres ermittelt werden konnte, liefen die Ermittlungen an.

Ein Messbeamter setzte sich mit der Unfallfluchtfahndung der Verkehrspolizei in Verbindung. Diese Abteilung ist eine Besonderheit in Unterfranken, sie beschäftigt sich mit Fällen, in denen Autofahrer anhand weniger Anhaltspunkte – etwa winzige Details von Fahrzeugen – ermittelt werden müssen (mehr dazu hier). Wie genau die Ermittler auf die Spur des 18-Jährigen kamen, will die Polizei nicht erwähnt wissen, schließlich will sie mit ihren Methoden auch in Zukunft Straftäter erwischen.

Fahrer überrascht und reumütig

Wie Sprecher Johannes Büttner sagt, hatte der 18-Jährige nicht damit gerechnet, dass man ihn erwischt: »Er war recht überrascht, reumütig und hat gestanden.« Wer der Halter des Ford ist, wollte er auf Nachfrage nicht sagen. Diese drohen jedoch in dieser Angelegenheit auch keine Konsequenzen.

Das Vorgehen gegen den 18-Jährigen, der seinen Führerschein momentan noch hat, läuft folgendermaßen ab: Die Verkehrspolizei hat die Staatsanwaltschaft informiert, über die das Strafverfahren am Amtsgericht landen wird. Dort wird eventuell auch das zu schnelle Fahren mitgeahndet, es geht aber zunächst um das schwerwiegendere Delikt des sogenannten Kennzeichenmissbrauchs (siehe »Stichwort«). Das Gericht kann entscheiden, dass dem Kleinostheimer die Fahrerlaubnis entzogen wird.


Falls dem nicht so ist, ist nach Abschluss des Strafverfahrens die Fahrerlaubnisbehörde am Zug. Sie wird prüfen, ob der 18-Jährige »grundsätzlich die geistige und charakterliche Eignung besitzt, ein Fahrzeug im Straßenverkehr führen zu dürfen«, erläutert Büttner. Autofahrer müssten im Verkehr sicher fahren, ohne andere zu gefährden, und dürften die Straße nicht als Spielwiese sehen. Möglicherweise ist auch eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) notwendig.


Noch ist also offen, ob dem jungen Mann die Fahrerlaubnis entzogen wird und falls ja, wer dies veranlasst. Das Video von der Raserfahrt ist nach Polizeiangaben übrigens bisher noch nicht im Internet aufgetaucht – und bringt daher hoffentlich keine Nachahmer hervor.

Hintergrund: Kennzeichenmissbrauch

In § 22 des Straßenverkehrsgesetzes wird der sogenannte Kennzeichenmissbrauch wie folgt definiert und bestraft:

»Wer in rechtswidriger Absicht

1. ein Kraftfahrzeug oder einen Kraftfahrzeuganhänger, für die ein amtliches Kennzeichen nicht ausgegeben oder zugelassen worden ist, mit einem Zeichen versieht, das geeignet ist, den Anschein amtlicher Kennzeichnung hervorzurufen,

2. ein Kraftfahrzeug oder einen Kraftfahrzeuganhänger mit einer anderen als der amtlich für das Fahrzeug ausgegebenen oder zugelassenen Kennzeichnung versieht,

3. das an einem Kraftfahrzeug oder einem Kraftfahrzeuganhänger angebrachte amtliche Kennzeichen verändert, beseitigt, verdeckt oder sonst in seiner Erkennbarkeit beeinträchtigt,

wird, wenn die Tat nicht in anderen Vorschriften mit schwererer Strafe bedroht ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Die gleiche Strafe trifft Personen, welche auf öffentlichen Wegen oder Plätzen von einem Kraftfahrzeug oder einem Kraftfahrzeuganhänger Gebrauch machen, von denen sie wissen, dass die Kennzeichnung (...) gefälscht, verfälscht oder unterdrückt worden ist.« (nle)

 

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