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+++ Dieser Artikel ist zuletzt am 10.7. um 19:50 Uhr geupdatet worden +++
Der kanadisch-österreichische Autozulieferer-Konzern will am Standort weiterhin Spiegel produzieren und neue Technologien entwickeln. Der Preis: Künftig soll nicht mehr mit rund 450 Beschäftigen gefertigt werden, sondern mittelfristig nur noch mit 250 Beschäftigten.
Betriebsratsvorsitzende Jutta Schwab sagte bei einem Pressegespräch am Montag: »Eine Werkschließung verhindern: Dieses große Ziel ist uns geglückt.« Sie zeigte sich zuversichtlich, dass ein gestaffelter Stellenabbau bis ins Jahr 2028 ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen kann.
Gewerkschafter Percy Scheidler sagte, es habe trotz hitziger Diskussionen eine »überwältigende Mehrheit« von über 80 Prozent der Beschäftigten dem Eckpunktepapier zur Standortsicherung zugestimmt. Laut dem Bevollmächtigten der IG Metall ist die Stimmung in der Belegschaft aber gemischt. Er deutete an, dass sich manche seit dem angekündigten Aus überlegten, neue berufliche Weg einzuschlagen. Mit der Einigung gebe es nun gute Optionen für Umschulungen und Fortbildungen, aber auch für den Übergang in Transferbetriebe.
Andreas Buhl, Geschäftsführer von Magna Mirrors in Dorfprozelten, sagte bei aller Freude über den Standorterhalt mit Blick auch auf den Stellenabbau: »Wir werden jetzt nicht mit Pauken und Trompeten feiern.« Dem Standort eine Zukunftsperspektive zu geben, gelinge mit einem umfassenden Paket. Dazu zählt, dass neue Aufträge ins Werk nach Dorfprozelten kommen sollen, wo aktuell der Schwerpunkt auf der Herstellung von Autospiegeln liegt. Welche Aufträge das genau sind, wollte Buhl nicht verraten.
Wichtiger für die Zukunft wohl: Magna will in Dorfprozelten mehrere neue Produkte fertigen. Darunter ist eine Technologie für Spiegel, die aus einem Glas bestehen, das sich je nach Lichtverhältnissen selbst dimmt. Dazu kommen laut Scheidler und Buhl drei weitere neue Produkte, über die sie ebenfalls noch kein Wort verlieren wollen.
Die Entwicklung dieser Produkte erfolge in Zusammenarbeit mit dem 1100 Mitarbeiter starken Magna-Werk in Sailauf (Kreis Aschaffenburg). Die Umstellung der Produktion in Dorfprozelten werde zum Teil eine Automatisierung von Arbeitsschritten bedeuten.
Magna investiert in all das selbst zehn Millionen Euro. Für die Innovationen erhofft sich das Unternehmen zudem Förderungen in siebenstelliger Höhe vom Freistaat Bayern. In Vorgesprächen mit dem Wirtschaftsministerium habe die Firma bereits von der Politik das Signal erhalten, dass diese »durchaus förderfähig« seien, so Buhl. Das Unternehmen will in den kommenden Tagen einen Förderantrag stellen.
Auf eine Anfrage unserer Redaktion zu den Voraussetzungen für eine Förderung hat ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums schon vor der jetzigen Einigung mitgeteilt: »Das Wirtschaftsministerium prüft alle in Frage kommenden Förderoptionen, sowohl des Freistaats als auch des Bundes. Hierbei geht es um Unterstützung bei Forschung und Entwicklung ebenso wie beispielsweise auch um Qualifizierung.«
Detaillierte Verträge wollen Gewerkschaft und Unternehmen bis Ende August ausarbeiten und unterschreiben. Sie sprechen von konstruktiven Gesprächen und loben die Unterstützung aus der Politik. Die Gewerkschaft schreibt den Erfolg beim Kampf um den Standort zudem dem »massiven Widerstand« etwa mit Streiks zu.
Die Politik hatte sich bis auf die Ebene des bayerischen Wirtschaftsministeriums eingeschaltet und dort in einem runden Tisch besprochen, ob eine neue Technologie am Standort gefördert werden könne.
Beim Pressegespräch vor Ort sagte Miltenbergs Landrat Jens Marco Scherf (Grüne): Magna Mirrors sei mit Abstand der größte Arbeitgeber im Südspessart. "Ein Aus wäre verheerend gewesen." Die Beteiligung unterschiedlicher Parteien und politischen Ebenen zeige: "Wenn es hart auf hart kommt, arbeiten wir über Parteien hinweg zusammen." So zeige sich die Politik offen, Innovationen wie jetzt bei Magna Mirrors zu fördern, vor allem wenn diese sich sonst schwer angehen ließen.
Dorfprozeltens Bürgermeisterin Elisabeth Steger (CSU) freute sich darüber, dass in kurzer Zeit eine Perspektive für den Standort geschaffen worden sei. Die drohende Werkschließung habe die Menschen in Dorfprozelten wie in umliegenden Gemeinden bedrückt und Vielen Sorgen bereitet. Die Stimmung sei aber nie ins Aggressive gekippt, es habe eher Vertrauen in die Beteiligten geherrscht, die sich in für den Erhalt des Standorts engagierten.
Magna Mirrors in Dorfprozelten ist eine 100-prozentige Tochter von Magna International. Im Werk werden nach eigenen Angaben verschiedene Innen- und Außenspiegelsysteme, Verstellantriebe, elektrochromatisches (EC) Glas und Türgriffsysteme sowie Sonnenblenden konstruiert und gefertigt. Laut Percy Scheidler machen Frauen den Großteil der Beschäftigen aus, die vorwiegend in der Montage tätig seien.
Die Nachricht von der Rettung des Standortes in Dorfprozelten ist auch von Bedeutung für die Wirtschaft am Untermain. Gerade war erst bekannt geworden, dass das Papierwerk des Konzerns Sappi in Stockstadt (Kreis Aschaffenburg) geschlossen werden soll. Damit werden wohl rund 550 Arbeitsplätze verloren gehen.
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