Klimakrise in Aschaffenburg und Umgebung:
Ein Sommer, wie er früher niemals war

Die Erderhitzung hat unsere Region mit voller Wucht erwischt. Mit Folgen für Menschen, Tiere, Bäume und Pflanzen. Auf zu den Menschen, die jetzt Entscheidungen unter Bedingungen der Klimakrise treffen müssen.

Frank Schäfer kniet auf der Wiese, auf der eigentlich seine Kühe weiden sollten, und stochert mit seinem Schraubenzieher im Boden. Auf dem Hügel oberhalb von Kirchzell rammt er den Schraubenzieher wieder und wieder ins Erdreich hinein. Es ist ein zähes Vorankommen, der Boden ist im südlichen Kreis Miltenberg so staubtrocken wie steinhart. Wer von Wiesen und Kühen liest, denkt vielleicht an idyllische Bilder von saftigem Grün, mit denen Regionen in Deutschland hier im Odenwald wie andernorts im Allgäu werben. Weit gefehlt. Das Gras ist völlig vertrocknet an diesem letzten Tag im August.

»Ein Rasen kann schon braun aussehen, das ist nicht das Problem«, sagt Schäfer. Aber wenn er in den Boden stochert, ein Grasbüschel greift, zerfällt ihm das jetzt in der Hand. »Es ist hier nichts, nichts, nichts mehr da.«

mwe2409klima_schafer1

Frank Schäfer, Landwirt aus Kirchzell: »Man meint gerade, der Herrgott hat uns das Wasser abgestellt.« (Foto: Kevin Zahn)

Seine Rinder fressen zum spärlichen Gras das Heu, das als Wintervorrat gedacht ist. Jeden Tag eine Tonne. Mitten im Sommer, der Winter ist noch fern. Und sie saufen 180 Liter Wasser am Tag weg, wo sie sonst nur 100 Liter trinken. Dabei liegen die Rinder nur träge herum.
Das größte Problem ist aber der fehlende Regen. Der 51-Jährige sagt: »Der ist für uns Landwirte bald wichtiger als Geld.« Kein Wunder, dass er Buch führt über den Niederschlag pro Quadratmeter auf seinem Hof:

30 Liter

im Juni

ca. 40 Liter

im Juli

6 Liter

im August

»Man meint gerade, der Herrgott hat uns das Wasser abgestellt«, sagt Schäfer. Aber nein, die Klimakrise hat sich die Menschheit schon selbst eingebrockt. Mit ihren Hitzewellen, Dürren und heftigen Unwettern, die auch hierzulande in Naturkatastrophen ausarten können.

Wie extremes Wetter unsere Region trifft

Auch Stürme haben in der jüngeren Vergangenheit in unserer Region gewütet. Ein Beispiel: In Windeseile zog am 18. August 2019 ein Unwetter über den Kahlgrund her, das vom Deutschen Wetterdienst (DWD) später in einem Gutachten als sehr wahrscheinlicher »Downburst« – auf Deutsch: »Gewitterfallböe« – eingeordnet worden ist. Dabei kühlt Luft auf kleinem Raum stark ab; in Kahl wohl von etwa 28 auf unter 18 Grad in wenigen Minuten. Es kann zu starkem Regen oder Hagel kommen und zu plötzlichen Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h, schreibt der DWD. (Foto: Josef Pömmerl)
Da ist der Landwirt, der bei Dürre nicht weiß, wie er seine Rinder füttern soll. Da ist der Förster, der sich angesichts von Hitze und heftigen Stürme fragt, ob seine frisch gepflanzten Bäume auch in 50 Jahren noch nicht eingehen. Da ist der Wasserwirtschaftler, der beurteilen muss, ob das Grundwasser in den nächsten Jahren noch ausreicht – oder besser eingeteilt werden muss. Da ist die Leiterin des Pflegeheims, die sich fragt, wie sie ihre Bewohner vor Hitze schützen kann.
mwe2409klima_warmingstripes1 Was zeigen die „Warming Stripes“?
Blue Background Die fünf heißesten Jahre, die der Deutsche Wetterdienst seit 1896 in Kahl am Main (Kreis Aschaffenburg) gemessen hat, lagen im Zeitraum von 2003 bis 2020. Das zeigen die »Warming Stripes« deutlich, die tatsächliche Messdaten aus Kahl darstellen. Für sie dient der Zeitraum von 1971 bis 2000 als Maßstab.
für die Antwort hier tippen Foto: Kevin Zahn

Das sind Menschen, die in kritischen Bereichen arbeiten: Es geht ihnen um unser Essen, unsere Wälder, unser Wasser, unsere Gesundheit. Sie alle stehen durch die Klimakrise vor Entscheidungen, die unser Leben verändern werden. Und sie wissen nicht, ob sie richtig entscheiden.

Anruf bei Naturschützer Thomas Staab, auf einen Spaziergang entlang des Streuobstpfads in Kleinwallstadt: Ein Ort, wo sich die Erderhitzung in diesem Sommer besonders tief in die Landschaft eingebrannt hat. Die vertrockneten Grasstoppel lassen die Wiesen wie eine Savanne wirken. Wildschweine haben hier kräftig gewühlt. »Die finden im Wald keine Nahrung mehr«, sagt Staab, ehemals Förster. »Aber sie werden auch hier nicht viel finden.« Würmer und Engerlinge flüchteten bei Dürre in tiefere Erdschichten, wo es kühler und vielleicht noch etwas feuchter sei.

lan2110koh_lbv004

Thomas Staab, Naturschützer aus Kleinwallstadt:»Ich bin gespannt, was im nächsten Jahr wieder Blätter austreibt.« (Foto: Björn Friedrich)

Wie der Wald austrocknet

Egal ob Naturschützer Thomas Staab oder Landwirt Frank Schäfer: Beide verstehen etwas von Bäumen und wenn sie in Richtung Wald blicken, sehen sie Unheil. »Wenn der Wald schreien könnte, du könntest es daneben nicht mehr aushalten«, sagt Schäfer. »Es ist brutal, wie der leidet.« Das zeige sich zum Beispiel an der Buche, erklärt der ehemalige Förster Staab. Sie wurzelt tief und zieht mithilfe der Kapillarwirkung Wasser aus tiefen Schichten. Das Problem: Dort ist es völlig ausgetrocknet. Schäfer ergänzt: »Wenn es regnet, bleibt das Wasser in den ersten Zentimetern Waldboden hängen und kommt nicht mehr nach unten.« Sichtbar sind Hitzeschäden zudem an völlig vertrockneten Bäumen oder etwa Birken, die vielerorts bereits im Sommer welke Blätter trugen.

Förster bauen gerade die Wälder in Spessart und Odenwald um. Sie wissen auch schon ganz gut, welche Bäume sich für künftige klimatische Bedingungen eignen, sagt Ludwig Angerer, Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt. Doch sie überrascht die Geschwindigkeit, in der vor allem die weit verbreitete Buche an der Erderhitzung eingeht. Das reißt Lücken in den Wald, erklärt der Forstexperte. Die Folge: Wenn die Schatten spendenden Kronen lichte werden, brennt die Sonne umso heftiger auf die übrigen Pflanzen. Angerer ist zuversichtlich, dass sich Lücken schließen und der Wald umbauen lässt – mit Arten, die es auch in 60 bis 80 Jahren gut aushalten. Doch das kostet und muss jetzt schnell vorangehen. (kev)

Eigentlich seien Streuobstwiesen ein Lebensraum für über 5000 Tier- und Pflanzenarten, erklärt Staab, heute Leiter der Umweltstation Kleinostheim des Landesbunds für Vogelschutz. Am Boden krabbeln nicht nur Käfer, es schaufeln sich auch Maulwurf oder Wühlmaus durchs Erdreich. Am Baum bilden Moose, Flechten, Pilze bunte Muster. Rundherum gibt es artenreiche Wiesen mit Kräutern, Blumen, Kriechtieren, Reptilien. Doch schaut sich Staab nun einen vertrockneten Obstbaum an, kratzt er dessen Rinde ab, worunter sich sonst Insekten tummeln, dann findet er: »Nichts, gar nichts mehr.«

mwe2409klima_staab1 Thomas Staab vom LBV zeigt in Kleinwallstadt, wie sich Hitze und Trockenheit auf die Natur auswirkt. (Foto: Kevin Zahn)

Fast jeder Obstbaum in Kleinwallstadt sei von der Trockenheit betroffen, sagt Staab. »Ich bin gespannt, was im nächsten Jahr wieder Blätter austreibt.« Er deutet auf einen fast blattlosen Baum, der allerdings noch recht grün wirkt, weil er überwuchert ist von der Mistel. »Wenn der Baum kein Wasser mehr bekommt und die Mistel weiter Wasser zieht, dann saugt sie ihm die letzten Tropfen heraus.«

Fehlendes Wasser ist längst auch ein Thema, das die Wasserwirtschaftsämter beschäftigt. »Wir haben das Glück, dass die Wasserversorger bisher noch keine Engpässe melden«, sagt Klaus Maslowski, Fachbereichsleiter für die technische Gewässeraufsicht beim Wasserwirtschaftsamt in Aschaffenburg. Das sei vor etlichen Jahren schon vorgekommen und habe dazu geführt, dass Laster Tanks mit Wasser in Hochbehälter fahren mussten. Allerdings war das in Zeiten, in denen das Wassernetz noch nicht so gut ausgebaut war.

Was passiert bei Wassermangel?

Probleme bei der Trinkwasserversorgung hat es diesen Sommer schon in Schöllkrippen (Kreis Aschaffenburg) gegeben. Der Wasserspiegel war in den Quellen laut Verwaltung so stark gesunken, dass sich die Pumpen zeitweise abschalteten. Die Marktgemeinde rief ihre Bürger auf, Wasser zu sparen. Das Problem ist bekannt: Bei einer teuren Suchaktion hatte Schöllkrippen in den Jahren zuvor keine Quellen mit ausreichender Schüttung entdeckt. Jetzt will der Markt Wasserverluste im Leitungsnetz verringern und mit anderen Gemeinden bei der Versorgung zusammenarbeiten.

Sichtbar war der Wassermangel auch an etlichen Bächen der Region, etwa am Welzbach. Er fließt von Großostheim (Kreis Aschaffenburg) in den Park Schönbusch in Aschaffenburg. Trocknet so ein Bach aus, müssen laut Klaus Maslowski vom Wasserwirtschaftsamt Aschaffenburg als erstes die Fische flüchten oder werden von Jägern gefressen. Wenn das Bachbett vertrocknet, stirbt die Gewässerbiologie völlig ab. Wenn Wasser wieder kommt, ist entscheidend, dass dann Kleintiere im oberen Bachlauf überlebt haben und nach unten gespült werden. Wenn die Tiere aber vom unteren Bachlauf nach oben wandern müssen, könne das lange dauern, bis der Bach wieder ökologisch belebt ist. Maslowski sagt: »Zum Glück sind aber die Quellen im Spessart noch nicht versiegt.« (kev)

Wie wirken sich steigende Wassertemperaturen aus?
Überhitzter Fasanerie-See: 200 Fische sterben. Archivfoto: Pascal Maier

Wenn es tagelang warmes Wetter gibt, steigen auch die Wassertemperaturen. Eine Gefahr, die daraus entsteht, sind Blaualgen. Diese sogenannten Cyanobakterien sondern laut Klaus Maslowski vom Aschaffenburger Wasserwirtschaftsamt Giftstoffe ab und verursachen Hautausschläge. Es gebe zudem Berichte, nach denen Hunde schon daran verendet seien. »Ich bin von Pferdehaltern gefragt worden, ob sie die Tiere das Wasser noch trinken lassen können«, erzählt er. »Ich habe ihnen davon abgeraten.«
Blaualgen seien bisher kaum ein Thema im Mainviereck gewesen. Das Wasserwirtschaftsamt ermittele das Aufkommen dennoch seit einigen Jahren genauer mit einem speziellen Messgerät am Main bei Kahl (Kreis Aschaffenburg). Maslowski sagt: »Jetzt kommt es das erste Mal richtig hoch, eine solche Blaualgen-Blüte hatten wir in der Zeit noch nicht.«

Eine Folge von erhitzten Seen, Bächen oder Flüssen kann Sauerstoffmangel im Gewässer sein – mit Folgen für die Tierwelt unter Wasser. Dadurch sind Ende August im Fasaneriesee in Aschaffenburg etwa 200 Fische nach Schätzung des Tiefbauamts gestorben. Die Stadtverwaltung führte dem See frisches Wasser zu und will dort künftig eine Belüftungsanlage einbauen. (kev)

Die Gefahr besteht nun aber trotz guten Wassernetzes wieder, zuletzt gab es Warnungen aus Schöllkrippen im nördlichen Kreis Aschaffenburg vor akutem Trinkwassermangel. Das Wasserwirtschaftsamt sei auch bereits zurückhaltender geworden bei der Grundwasserverteilung, sagt Maslowski: Früher war es üblich, dass die Behörde eine wasserrechtliche Erlaubnis zur Entnahme von Grundwasser für zehn Jahre erteilte. Heute seien es eher fünf Jahre. Und der Freistaat stelle Richtlinien für das »Niedrigwasser-Management« auf. Die zentrale Frage: Wie sollen Wasserwirtschaftsämter damit umgehen, wenn Wasser knapp wird? »Wir können kein Wasser herbeizaubern, wir sind nur dafür zuständig, das Vorhandene gerecht zu verteilen«, sagt Maslowski.

mwe2409klima_bach2 Der Welzbach, der von Großostheim in den Aschaffenburger Park Schönbusch fließt, ist im Sommer 2022 völlig ausgetrocknet. (Foto: Kevin Zahn)

Um im Bild von Landwirt Frank Schäfer zu bleiben: Der Mensch kann sich mit seiner Klimakrise vielleicht das Wasser abstellen, er kann es aber nicht dem Herrgott gleich regnen lassen.

Das verschärft die Probleme des Landwirts aus Kirchzell mit jedem Tag, den es nicht regnet. Der Wintervorrat reiche zwar für den Sommer und den anstehenden Winter, sagt Frank Schäfer. Das Problem hole ihn aber im kommenden Frühling ein. »Durch die Trockenheit sind die Gräser dermaßen geschädigt, dass sie im nächsten Jahr nicht gut wachsen werden.«

mwe2409klima_schafer2 Landwirt Frank Schäfer aus Kirchzell zeigt die vertrockneten Wiesen. (Foto:Kevin Zahn)

Eigentlich müsste er spätestens Anfang September Gras und Leguminosen wie Luzerne und Klee nachsäen, damit sie nicht bei kälteren Temperaturen verfrieren. »Aber wenn ich jetzt über die Wiese fahre, etwas aussäe, bilden sich Staubwolken, da fliegen die besten Bodenteilchen davon – und das Saatgut würde im Boden liegen und nicht keimen.«

Als Schäfers Familie im Jahr 1977 aussiedelte, gab es auch ein sehr trockenes Jahr, erinnert sich der 51-Jährige. »Da war ich sechs Jahre alt und wir haben Zuckerrübenblätter gepflückt und nach Kirchzell gefahren, um sie zu verfüttern«, erzählt er. »Aber: Was wir die letzten fünf, sechs Jahre erleben, ist neu.«

Und wenn es doch einmal in der Region regnet, dann spült es übrigens manchen Landwirten sogar die Äcker davon:

Hochwasser

Mancherorts zeigt sich eine überraschende Häufung von Sturzfluten und Hochwasser in Folge von Platzregen. Zum Beispiel Mömlingen (Kreis Miltenberg) hat es 2019 und 2021 kurz nacheinander erlebt, dass der Ortskern dadurch unter Wasser stand. Im Eschauer Ortsteil Sommerau (Kreis Miltenberg) gab es in diesem Jahr nach starken Regenfällen gleich zweimal innerhalb von 14 Tagen im Mai eine Sturzflut, bei der auch Ackerboden von einem weitläufigen Hang abgetragen worden und als Schlamm durch den Ortsteil gespült worden ist. Das Wasserwirtschaftsamt Aschaffenburg ermittelt aktuell in mehreren Orten der Region, wie groß die Gefahr ist. (Foto: Rathaus Eschau)

Im Jahr 2019 war es bei Landwirt Schäfer allerdings so trocken, dass er komplett aus der Reserve lebte. Davon haben die Schäfers glücklicherweise immer üppig einlagern können. Doch im Frühjahr 2020 war fast alles aufgebraucht, er hatte er in seiner Scheune nur noch:

4

Ballen Heu

5

Ballen Stroh

0

Grassilage

Für 300 Rinder. »Es hätte keine fünf Tage länger dauern dürfen, dass wir die Viecher nach dem Winter wieder auf die Weide bringen«, sagt Schäfer. Es hätte also schon gar nicht passieren dürfen, das im Frühling 2022 über Kirchzell an extremem Wetter hereinbrach:

Extremer Schneefall

08.04.2022 - Kreis Miltenberg - Schneeeinsätze
08.04.2022 - Kreis Miltenberg - Schneeeinsätze
Einen ungewöhnlichen späten und heftigen Schneefall gab es am 8. April diesen Jahres im südlichen Kreis Miltenberg. Im Frühlin hatte üppiger Neuschnee einen etwa 24-stündigen Stromausfall im Raum Kirchzell und Amorbach (südlicher Kreis Miltenberg) verursacht. Bäume knickten unter der Schneemasse ein. Ein aufwendiger Einsatz mit Räumarbeiten war nötig. Feuerwehr und THW stellen sich verstärkt auf das Thema Katastrophenschutz ein.

Die Feuerwehren im Kreis Miltenberg räumen bei extremen Schneefall eine Straße frei. (Foto: Ralf Hettler)

Doch auch nach der Trockenheit im Jahr 2019 endeten die Probleme nicht im Frühjahr: »Beim ersten Schnitt im Jahr 2020 ist das Fiasko losgegangen.« Weil die Trockenheit die Gräser so stark beschädigt hatte, sei nur noch 20 Prozent der üblichen Menge Heu zusammengekommen. Vorräte konnte der sonst so vorsorgliche Sammler so nicht anlegen. Er musste 20 Prozent seines Rinderbestands abbauen, nachdem er erst 2019 einen neuen Stall gebaut hatte. Ihn rettete das kühle und feuchte Jahr 2021, in dem er wieder Vorräte anlegen, den Viehbestand aufstocken konnte. Ende August 2022, auf der Höhe der Trockenheit, sagt er nun: »So dramatisch wie dieses Jahr war es in den Jahren davor noch nicht.«

Es ist eine Einschätzung, die auch Andrea Hinz teilt. Doch sie macht sich deswegen nicht Sorgen um Rinder, sondern um Menschen: Ältere Menschen, kranke Menschen, Pflegekräfte. Hinz leitet das Pflegeheim Santa Isabella, das am Rande Niedernbergs mit griechischen Säulen in der Eingangshalle und Wänden in terrakottafarbenen Tönen ein Flair wie im Hotel am Mittelmeer verspricht. Allerdingsjetzt auch von den Temperaturen, nur ohne Strand vor der Tür und Meergeruch in der Luft. »Wir haben schon immer mal Hitzeperioden gehabt, mal über vier, fünf Wochen«, sagt Hinz. »Aber diesen Sommer hat es lange angehalten.«

mwe2409klima_hinz Andrea Hinz vom Pflegeheim Santa Isabella in Niedernberg. (Foto: Kevin Zahn)
Es komme da gerade vieles zusammen, sagt Hinz zu den Auswirkungen der Klimakrise in der Pflege: Die Belastung durch Corona sei gerade doppelt so groß. Viele Pflegekräfte seien demotiviert, weil sich wenig zur Verbesserung ihrer Lage tue. Überall sei der Personalmangel zu spüren. Und doch herrsche bei manchen der Anspruch, frühmorgens gestriegelt am Frühstückstisch sitzen zu müssen. »Ein Umdenken würde uns helfen, wir sollten als Gesellschaft ein Stück weit gelassener werden«, sagt sie und fügt an: »Ich sage immer: Schaut euch den Mittelmeerraum an, da rennt auch keiner durch die Hitze.«
mwe2409klima_hinz3

Andrea Hinz, Leiterin eines Pflegeheims: »Ich sage immer: Schaut euch den Mittelmeerraum an, da rennt auch keiner durch die Hitze.« (Foto: Kevin Zahn)

Und so helfe sich das Pflegeheim Santa Isabella mit kreativen Mitteln. Fürs Personal gab’s Eis, für die Bewohner Melonen, damit sie viel Flüssigkeit aufnehmen. Nachts war es noch kühl genug, dass die Häuser gut zu lüften waren. Für tagsüber bauten die Mitarbeiter Ventilatoren auf, füllten vor den Häusern kleine Planschbecken mit Wasser zur Abkühlung, tauschten die Bettdecken gegen dünne Laken aus, rieben die Bewohner mit feuchten Tüchern ab, hängten feuchte Laken ans Fenster. Das sah Hinz dann allerdings mit der Zeit doch zu verlottert aus, also ließ sie in den oberen Etagen sonnenreflektierende Folien anbringen, wo sie keine Rollos hatte. »Das hält die Sonne wirklich gut draußen«, sagt sie. »Es wird mit ihnen aber nicht kühl.«
Wie sich Hitze auf die Gesundheit auswirkt

Im Mainviereck leiden ältere Menschen einer jüngeren Studie zufolge offenbar überdurchschnittlich stark unter Hitzewellen. Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) untersuchte die Auswirkungen von heißen Tagen von mindestens 30 Grad auf die Gesundheit. Grundlage sind Versicherungsdaten der AOK für das sehr heiße Jahr 2018.

Die Wissenschaftler reden von »hitzebedingten Hospitalisierungen der über 65-Jährigen«. Sie ermittelten also, wie viele ältere Menschen ins Krankenhaus kamen. Diese Zahl lag im deutschlandweiten Durchschnitt bei 488 Personen auf eine Millionen Älterer. Umgerechnet je Kreis oder kreisfreie Stadt lag der Wert im Kreis Miltenberg etwa doppelt so hoch. Im Kreis Main-Spessart waren es rund 62 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt, im Stadt und Kreis Aschaffenburg jeweils noch knapp über 50 Prozent mehr. Die AOK Bayern konnte auf unsere Anfrage keine Daten für weitere Jahre zur Verfügung stellen.

»Die erste große Warnung in Europa gab es 2003«, sagt Tibor Reidl, Klimaschutz-Manager der Stadt Aschaffenburg. »Vor allem mit den nachträglich veröffentlichen Zahlen der Hitzeopfer.« Die Stadt hatte deshalb ein umfangreiches Gutachten zur Klima-Anpassung in Auftrag gegeben. Die Prognosen zeigen, dass sich zentrale Probleme für die Stadt und mutmaßlich die gesamte Region verschärfen werden. Zum Beispiel der »Hitzeinsel-Effekt«, also Orte, die stark versiegelt und dicht bebaut sind und sich so stark aufheizen. Eine Strategie dagegen kann die Beschattung von Plätzen, die Begrünung von Gebäuden oder die Warnung vor überhitzten Orten sowie die schnelle Hilfe etwa durch den Rettungsdienst sein.

Die gesundheitlichen Folgen reichen über die Wirkung der Hitze hinaus. In diesem Sommer ist zum Beispiel die Tigermücke im Kreis Darmstadt-Dieburg nachgewiesen worden, meldete die Kreisverwaltung. Sie fühle sich hier begünstigt vom wärmeren Wetter zunehmend wohler. Die Tigermücke ist möglicher Überträger von Dengue-, Gelbfieber- oder Zika-Viren. Eine Ansteckung sei bei der geringen Ausbreitung der Krankheiten in der Region aber sehr unwahrscheinlich.

Auch Zecken mögen laut Helmholtz Klimainitiative Wärme und sind dadurch länger im Jahr aktiv. Unsere Region gilt laut Robert-Koch-Institut als Risikogebiet für die von Zecken übertragene FSME-Krankheit.

Andrea Hinz holte sich zwei Angebote für eine Klimaanlage ein. »Beim Bau ist die Überlegung nicht eingeflossen, dass das Mal vonnöten wäre.« Das führt zu Problemen: Wenn sie die Anlage zentral montieren lasse, müsse sie sämtliche Decken in Bewohnerzimmern abhängen und aufklopfen lassen, Rohre verlegen lassen – ein immenser Aufwand. Oder sie müsste vor jedem Zimmer außen ein größeres Gerät anbringen lassen. Dazu kommt die Grundsatzfrage: »Sollte ich überhaupt eine Klimaanlage einbauen?« Es gelte ja nicht nur Strom zu sparen. Klimaanlagen könnten die Gefahr eines Infekts bei Bewohnern erhöhen. In einem Haus mit vielen älteren Menschen vielleicht nicht die beste Idee.
Doch was hilft selbst die beste Idee, wenn wir die Erderhitzung nicht endlich drastisch bremsen? Noch einmal zu Landwirt Schäfer. Der kennt nämlich seinen Boden und weiß, dass die 20 Zentimeter Erdschicht über dem Sandstein schnell austrocknen. Er sät deshalb schon länger Luzerne und Klee. Die haben viel tiefere Wurzeln als Gras und halten sich so länger. »Das Saatgut ist aber schweineteuer.«
Wie wirkt sich die Trockenheit allgemein auf die Landwirtschaft aus?

Für die Landwirte in der Region war die Dürre in diesem Jahr vielfältig zu spüren. Die Ernte des Winterweizens lief zwar noch gut, sagt Bernhard Schwab. Laut dem Bereichsleiter für Landwirtschaft beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt hat es im Mai und vor allem im April dafür noch ausreichend geregnet. Doch danach setzte eine schwerwiegende und anhaltende Trockenheit ein.

An vielen Orten der Region war sichtbar, dass der Mais in diesem Jahr großflächig vertrocknet ist. Dass die Region Unterfranken von Dürren in Folge des Klimawandels stark bedroht ist, warnt Heiko Paeth, Klimaforscher an der Universität Würzburg, schon seit einigen Jahren. Landwirte beginnen deshalb schon damit, neue Saaten auszuprobieren, die mit Trockenheit mutmaßlich besser klarkommen, sagt Bernhard Schwab. Dazu zählen zum Beispiel Sonnenblumen oder Hirse. Allerdings stellt sich dann die Frage, ob diese Pflanzen schnell genug erntereif sind, damit sie im regnerischen Herbst nicht aufwendig getrocknet werden müssen.

Die Trockenheit macht laut Bernhard Schwab auch Viehhaltern zu schaffen: Sie können zum Beispiel weniger Rinder halten, weil das Gras auf den eigenen Wiesen nicht mehr ausreicht – und müssen vielleicht sogar teuer Futter zukaufen.

So groß wie der Schaden im Gras inzwischen aber ist, hilft aus seiner Sicht kein nasses Jahr zwischendurch mehr. »Wir werden weniger Getreide und mehr Futtergräser anbauen.« Dabei wuchs das Getreide im feuchten Winter noch sehr gut. »Das fehlt natürlich am Geldbeutel, ist aber besser als Futter zukaufen.« Dann setzt Frank Schäfer an, zu erklären, was er anders machen will, wenn die Entwicklung anhält. »Langfristig«, sagt er und stoppt nach dem ersten Wort. »Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, was ich noch anders machen soll.«
An dieser Story haben mitgewirkt:

Kevin Zahn (Autor, Titelfoto, Grafiken)
Annika Kickstein (Digitale Umsetzung)
Thorsten Vock (Programmierer)
Paul Merget (Programmierer)

Hat euch die Story gefallen? Teilt sie auf Social-Media: