Dienstag, 24.11.2020

Selbstlos handeln

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rack of beautiful second hand baby girl and children jackets and clothes displayed at outdoor garage sale for shopping, reusing, exchanging, recycling or donating
Foto: Sophie Walster
Wenn zum 11. No­vem­ber sin­gen­de Kin­der­gar­ten­kin­der mit bun­ten La­ter­nen durch die Stra­ßen zie­hen, er­in­nern sie an den hei­li­gen Mar­tin. Der Le­gen­de nach be­geg­net der Sol­dat Mar­tin ei­nem un­be­k­lei­de­ten Bett­ler. Den Bett­ler ret­tet Mar­tin vor der Käl­te, in­dem er sei­nen Man­tel entz­wei teilt und dem Bett­ler ei­ne Hälf­te schenkt.

Sein selbstloses Handeln ist bis heute das Paradebeispiel, wenn es darum geht, Kindern zu vermitteln, was es heißt, zu teilen.

Die Realität beweist in vielen Situationen: Teilen fällt schwer - Kindern und bisweilen auch Erwachsenen. Selbstlosigkeit ist zwar eine typisch menschliche Eigenschaft, wie unter anderem Rodolfo Barragan von der University of Washington in einem jüngst veröffentlichtem Artikel versichert. Doch Sozialpädagogen, Erziehungsberater oder Psychologen raten ebenso häufig, Teilen als soziale Fähigkeit mit dem Nachwuchszu üben. Um einen fördernden sozialen Effekt zu erzielen, scheint es einige Faustregeln zu beachten zu geben.

Das Kind sollte freiwillig teilen. Elterliche Ansagen wie »Das wird aber jetzt geteilt« führen aus Erfahrung eher zu Widerstand und noch mehr Geiz.

Eltern sollten es vermeiden, Druck aufzubauen; etwa aus Scham darüber, dass das eigene Kind weniger gerne teilt als Gleichaltrige. Selbstloses Handeln funktioniert nun einmal nicht wie Fahrrad fahren, das einmal erlernt, immer gelingt. Situationen, in denen Teilen nicht reibungslos klappt, sollten erst recht nicht mit einer Bestrafung beendet werden.

Als ideale Reaktion auf eine selbstlose Tat des Kindes sehen Experten den Ausdruck von Dankbarkeit. Einem zu überschwänglichen Lob oder gar einer Belohnung in Form eines Geschenkes stehen viele wiederum ablehnend gegenüber. Das Kind soll schließlich lernen, dass Teilen bestenfalls selbstverständlich ist. Immerhin: Die Psychologinnen, Nadia Chernyak und Tamar Kushnir, konnten in einer Studie 2013 zeigen, dass Kinder, die sich einmal zum Teilen entschieden haben, auch in weiteren Situationen leichter und großzügiger teilen können.

POTENTIAL

Kündigt sich in der Familie ein weiteres Kind an, steht automatisch die Frage im Raum, wie die älteren Geschwister mit dem Familienzuwachs umgehen. Oft steckt hinter Gefühlsausbrüchen von Wut bis Eifersucht eigentlich nur das Unverständnis darüber, dass die Aufmerksamkeit mehr dem Neugeborenen gilt. Das familiäre Rollengefüge hat sich verändert, Kinder brauchen etwas Zeit, um zu verstehen, wo ihre neue Position ist. Das verlangt Geduld und Fingerspitzengefühl von den Eltern.

Bei älteren Geschwistern oder unter Spielkameraden sind Rangeleien über Spielsachen, Kleidungsstücke oder die Aufmerksamkeit von Erwachsenen genauso zu beobachten. Doch das Lieblingsspielzeug abzugeben, weil andere auch einmal damit spielen wollen, ist nun einmal nicht so einfach. Was können Eltern in solchen Situationen tun?

Droht die Situation zu eskalieren, setzen viele Eltern auf Ablenkung. In einem unbemerkten Moment verschwindet das Objekt der Begierde, solange bis die Kinder in einer anderen Beschäftigung versunken sind. Da dieser Weg das eigentliche Problem umschifft, setzen Eltern auch darauf, zwischen den Kindern zu vermitteln. Es helfe, dem Kind zu zeigen, wie es um etwas bittet oder sich für eine Sache bedankt, weiß Sozialpädagogin Ulrike Glingener vom SOS-Kinderdorf in Bremen. Als Vermittlung bieten sich auch Kompromisse an. Wichtig ist dabei, nur Angebote zu machen, statt dem Kind die Entscheidung vorzuschreiben. Ein dritter, weit verbreiteter Ratschlag sieht vor, für das umkämpfte Objekt eine Alternative anzubieten. Etwas, das es praktischerweise in doppelter Ausführung gibt, so dass beide Kinder das Gleiche bekommen.

VORBILD ELTERN

Die beste Möglichkeit den Kindern positive Erfahrungen beim Teilen mitzugeben, raten Experten einstimmig, ist es, Großzügigkeit vorzuleben. Dabei kann innerhalb der Familie begonnen werden: Man teilt sein Essen, man teilt den Lieblingspullover oder fällt gemeinsam Entscheidungen. Ähnlich wirksam kann das Aufteilen von Zeit bei mehreren Geschwistern funktionieren: Die Eltern können bestimmte Zeiträume festlegen, bei denen ein Kind eins-zu-eins Zeit mit einem Elternteil verbringen darf. Umgekehrt sollte es regelmäßig Gelegenheiten geben, in denen die ganze Familie Zeit verbringt und gemeinsam entscheidet, was unternommen wird.

ZIGMAL TEILEN

Wer am liebsten sofort seine Selbstlosigkeit beweisen möchte, findet beinahe überall Gelegenheit dazu. Entgegen jeder ersten Intuition müssen es nicht immer materielle Dinge sein, die man teilt. »Teilen ist das gemeinsame Nutzen einer Ressource«, lautet die Definition eines geläufigen Online-Lexikons. Diese Ressource kann genauso gut ein offenes Ohr, eine herzliche Umarmung, ein Gefühl, ein gut gemeinter Ratschlag oder weitergegebenes Wissen sein.

Freilich gibt es gerade um das Jahresende zahlreiche Spendenaufrufe, die die Möglichkeit bieten, mit dem Teilen materieller Dinge, soziale Projekte zu unterstützen. Gebrauchte Kleidung sucht oft zuerst in der weitläufigeren Familie, dann im Bekanntenkreis, dann auf Flohmärkten oder als Spende nach neuen Besitzern. Mit der Weitergabe von anderen Textilien, Schuhen, Büchern oder Spielsachen hilft man denen, die sie - wie der Bettler aus der Sankt Martins Geschichte - dringender benötigen als man selbst. Pfarreien rufen zu Altpapier-Sammlungen auf, deren Erlöse meist sozialen Projekt oder der eigenen Jugendarbeit zugutekommen.

Unter dem englischen Begriff »Sharing« sprießen immer mehr Möglichkeiten aus dem Boden, weitere Dinge miteinander zu teilen: Autos, Gartenanlagen, Werkzeug, Expertise oder Lebensmittel ... sogar für Haustiere teilt man sich immer öfter die Verantwortung. Auch die Nachbarschaftshilfe, die während des Lockdowns im Frühjahr in der Region regen Zuspruch fand, ist eine Form des »Sharing«.

In diesem Jahr ist die Geschichte vom geteilten Mantel also von besonderer Aktualität, nicht nur in der Kindererziehung. Denn im Gegensatz zum eben gelobten Beispiel der Nachbarschaftshilfe sind in der Pandemie ebenso Verhaltensweisen aufgetaucht, die eher dem eigenen Vorteil dienten - Bilder von leeren Supermarktregalen und sinnlosen Hamsterkäufe kommen in den Sinn. Dabei naht mit dem Advent und dem Weihnachtsfest nun eine Zeit, die erst durch Großmut und Selbstlosigkeit ihre Magie erhält - eine Zeit, in der Menschen Gefühle, Mahlzeiten, Geschenke, Zeit und vieles mehr miteinander teilen ?

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