»Frauen Sollen ihre Berufsbiografien wie einen Schatz hegen«

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Birgit Happel
Foto: Birgit Happel
»Mit dem Wis­sen von heu­te hät­te ich da­mals an­ders ge­han­delt«. Die­sen Satz hört Bir­git Hap­pel (51) oft, wenn sie mit Frau­en über de­ren Er­werbs- und Fi­nanz­bio­gra­fie spricht. Die Re­fe­ren­tin für fi­nan­zi­el­le Bil­dung und für fi­nan­zi­el­le Gleich­stel­lung aus Klei­n­ost­heim be­rät Frau­en in fi­nan­zi­el­len Fra­gen.

Auch die Gastgeber des Elterntalks des Landratsamts sie in Finanzfragen. Sie engagiert sich auch in der Initiative klischeefrei, einer Initiative für eine klischeefreie Berufs- und Studienwahl.

Wieso ist es für Paare so schwer, vor der Geburt eines Kindes über Geld zu sprechen?Naja, die meisten reden schon darüber, aber es kommt dann oft zu falschen Schlussfolgerungen. Nur weil der Partner (leider ist es in den meisten Fällen noch der Mann) mehr verdient, muss das nicht automatisch bedeuten, dass die Frau ihre Erwerbsarbeit einschneidend reduziert. Viele sind sich der Mechanismen,in die sie dann geraten, leider nicht bewusst. Man kann auch von strukturellen Einbahnstraßen sprechen. Es wird unterschätzt, wie schwer es ist, wieder aus diesen herauszukommen. Oder der romantische Gedanke und alle Planungen rund ums Kind stehen im Vordergrund und man geht den eigentlichen Fragen aus dem Weg.

Ist ein Kind wirklich so ein finanzielles Risiko?Ja, im achten Familienbericht stand bereits, dass die Entscheidung für ein Kind ein »biografisches Risiko« für Frauen bedeutet, das war 2012. Wir wissen aus Studien, dass das Lebenserwerbseinkommen von Müttern um durchschnittlich 62 Prozent sinkt. Im Osten sind es »nur« 48 Prozent.

Für alleinerziehende Frauen ist die Situation noch schwieriger?Ja, vor allem alleinerziehende Frauen haben eine hohe Armutsgefährdungsquote, da sie nicht nur die Existenz der Familie sichern müssen, sondern die unbezahlte Sorgearbeit oft überwiegend oder komplett an ihnen hängen bleibt. Wenn wir uns die Scheidungsraten anschauen, wird klar, dass Frauen ihre finanzielle Unabhängigkeit im Blick behalten sollten. In einer Brigitte Studie aus dem Frühjahr 2021 gaben auch 94 Prozent der Frauen an, dass ihnen dies wichtig ist. Aber in der Realität kann jede zweite Frau ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten, das wurde in der Untersuchung leider auch deutlich.

Was raten Sie Frauen, die eine Familie gründen wollen?Reden, rechnen, große Zusammenhänge erkennen, Fallen vermeiden. Und sich ein Beispiel an Paaren nehmen, die es gut hinbekommen, sich die Aufgaben fair zu teilen. Da spielt natürlich auch die Partnerwahl eine große Rolle. Aber auch die Berufswahl, der Arbeitgeber, das Umfeld in Bezug auf die Infrastruktur für Kinderbetreuung.

Welchen Fehler darf man auf keinen Fall machen?Es geht natürlich immer um individuelle Entscheidungen. Aber wenn man sich die gesellschaftlichen Muster anschaut, ergibt sich daraus, dass Frauen ihre Berufsbiografien wie einen Schatz hegen sollen. Leider sind auch die Unternehmen noch nicht immer durchweg familienfreundlich, wie gerade rund um die Petition von Proparents, Brigitte und Eltern Magazin beleuchtet wurde.

Was wird in der Petition gefordert?Die Petition hat zum Ziel, das Thema Elternschaft im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zu verankern. (Laut AGG darf in Deutschland niemand wegen seiner Hautfarbe, seiner ethnischen Herkunft, Religion, seines Geschlechts, seines Alters oder einer Behinderung diskriminiert werden; Anmerkung der Redaktion). Und es war erschreckend, die vielen Fälle von Benachteiligung nach der Rückkehr aus der Elternzeit zu sehen. Auch von Vätern übrigens. Wir haben es hier mit struktureller Diskriminierung von Eltern zu tun. Das müssen sich Frauen immer wieder vor Augen führen: Es liegt nicht an ihnen selbst, wenn sie nach der Elternzeit Probleme in der Firma bekommen, sondern es herrschen noch viele, zum Teil unbewusste Vorurteile. Auf der anderen Seite muss auch die Eigenverantwortung im Blick behalten werden. Zu lange war Frauen das Thema Finanzen lästig. Es ist keine fruchtbare Arbeitsteilung, dieses Thema bereitwillig an den Partner zu delegieren. Wenn Frauen früh beginnen, sich mit Geld und Finanzen zu beschäftigen - und das ist keine trockene Angelegenheit -, schaffen sie sich nicht nur ein finanzielles Polster, sondern sie stärken auch ihren Selbstwert und können im Beruf besser verhandeln.

Ihr Tipp: Wenn ein Partner (meist die Frau) nach der Elternzeit in Teilzeit arbeitet und der andere Vollzeit: Was raten Sie Paaren, um Einnahmen und Ausgaben zu teilen?Ein gemeinsames Konto für die alltäglichen Ausgaben zu führen, auf das anteilig eingezahlt wird. Und natürlich nicht vergessen: die Übernahme der unbezahlten Sorgearbeit sollte in irgendeiner Art und Weise kompensiert werden, zumindest mit Blick auf die Altersvorsorge. Also konkret kann derjenige, der mehr verdient, einen Betrag X für die Altersvorsorge des anderen zahlen. Zwar werden im Falle einer Scheidung auch die Rentenansprüche aufgeteilt, aber es nützt ja nichts, wenn dann beide wenig haben. Und wenn man sich die durchschnittlichen Rentenbezüge anschaut, ist das keine schöne Aussicht für den letzten Lebensabschnitt. Alles auf ein Konto? Oder lieber ein gemeinsames für die Alltagsausgaben und jeder hat noch ein eigenes Konto?Mir persönlich sind getrennte Konten lieber, das ist auch eine Gefühlssache. Ich bekomme in meinen Veranstaltungen immer wieder mit, wie Geld als Druckmittel benutzt wird. Der Schritt von der ökonomischen Gewalt zur häuslichen Gewalt ist dann auch nicht mehr so weit.

Was muss sich in Deutschland ändern, damit es finanziell gerechter wird, eine Familie zu gründen?Der generative Beitrag von Familien muss einen viel höheren Stellenwert erhalten. Gerade in der Pandemiebekämpfung haben wir gesehen, dass Kinder keine Lobby haben. Die Kommissarin für Menschenrechte des Europarats hat die Bundesregierung für die zum Teil monatelangen Schulschließungen gerügt, das haben andere Länder viel besser hinbekommen. Was ich damit sagen will: Es kann nicht nur darum gehen, Familien und insbesondere Mütter so in den Arbeitsmarkt zu integrieren, dass die Kinder so gut es geht »wegorganisiert« werden, sondern wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte um den Wert von Arbeit, den Wert von Sorgearbeit und den Wert von Familie.

Was ist mit dem Ehegattensplitting?Das Ehegattensplitting muss in ein Familiensplitting überführt werden. Wenn sich hier keine politischen Mehrheiten finden, sollte zumindest die Steuerklasse 5 abgeschafft werden.

Noch was?Wir müssen die Rollenbilder aufbrechen, »Mütterideale« hinterfragen, Geschlechterklischees überdenken und die Sorgearbeit gerecht zwischen den Partnern verteilen.Was macht man gegen das schlechte Gewissen, wenn man das Kind in die Fremdbetreuung gibt, um arbeiten gehen zu können?An der eigenen Vorstellung von guter Mütterlichkeit arbeiten. Die Väter haben dieses schlechte Gewissen meist nicht. Es geht um das gemeinsame Kind und man muss gemeinsam schauen, wie eine faire Rollenverteilung aussehen kann.

Hintergrund

Foto: Alexandria Singler

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Dr. Birgit Happel

Info

Referentin für finanzielle

Bildung und für finanzielle Gleichstellung

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