Sonntag, 21.04.2019

»Kinder gehören einfach zum Leben dazu«

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Aschaffenburg, Sozialdienst katholischer Frauen, Erbsengasse 9: Gespräch mit Tanja Bachmann (rechts) und Gloria Waschulewksi, die für das Präventionsprogramm "Hallo Baby" arbeiten und Neueltern besuchen. Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith

Ist das Ba­by et­wa vier Mo­na­te alt, kün­digt sich Be­such an: Er­zie­he­rin Tan­ja Bach­mann (44) und So­zial­päda­go­gin Glo­ria Wa­schu­lewk­si (41) un­ter­stüt­zen Neu-El­tern in Aschaf­fen­burg - wenn die­se das wol­len. Sie brin­gen ei­ne Ta­sche mit In­fo­ma­te­rial, klei­ne Ge­schen­ke, ei­ne But­ter­b­re­zel und Zeit mit.

Die Mütter (und Väter) können alle Fragen stellen, die sie haben. Und das sind am Anfang viele. Redakteurin Fee Berthold-Geis sprach mit Tanja Bachmann und Gloria Waschulewksi über Chaos und Glück am Anfang.

»Hallo Baby« bietet der SkF seit 2012 an. Wie haben sich junge Eltern verändert?

Gloria Waschulewski: Sie werden überflutet mit Informationen. Sie sind manchmal verunsichert. Die Schwester sagt dies, die Freundin das, die Broschüre jenes, das Internetforum wieder etwas anderes. Deshalb sind die Eltern froh, wenn wir zu Besuch kommen. Weil jemand da ist, den sie direkt fragen können.

Ihr Tipp an Neu-Eltern?

Gloria Waschulewski: Nicht von außen beeinflussen lassen! Und erkennen, dass man nicht versagt, wenn man Hilfe annimmt. Es ist so wichtig sich helfen zu lassen - gerade am Anfang.

Tanja Bachmann: Auf den Bauch hören. Familie und Freunde bitten, etwas zu kochen oder mal eine Ladung Wäsche zu waschen. Jemand Vertrautes einspannen. Auch mal sagen: Könntest du mir bitte etwas aus der Apotheke holen? Und vielleicht einfach mal eine halbe Stunde nach mir gucken?

Gloria Waschulewski: Oder mal fragen, ob jemand mit dem Baby eine Runde spazieren geht, damit Mama schlafen kann. So abgedroschen es klingt: Schlafen, wenn das Baby schläft! Zumindest beim ersten Kind ist das sehr hilfreich.

Ist es normal, dass man am Anfang völlig untergeht?

Tanja Bachmann: Die ersten acht Wochen mit Baby sind krass. Da fragten sich Mütter manchmal abends: Habe ich überhaupt geduscht? Aber man wächst da rein.

Warum sollte man sich trotzdem trauen, Kinder zu bekommen?

Gloria Waschulewski: Weil Kinder einem sehr viel zurückgeben. Sie bereichern das Leben.

Tanja Bachmann: Weil es völlig normal ist, Kinder zu haben. Kinder gehören einfach zum Leben dazu. Ist doch schön, wenn dieses Selbstverständnis mehr gelebt wird, dass es normal ist, dass Kinder durch die Gegend flitzen, krabbeln und von Arm zu Arm gereicht werden.

Was ist beim zweiten Kind neu?

Gloria Waschulewski: Die Eltern fangen nicht mehr bei Null an. Viele plagt aber ein schlechtes Gewissen. Sie sagen: Mit dem ersten Kind habe ich viel mehr gemacht. Das zweite muss jetzt so mitlaufen.

Wie bereiten Sie sich auf die Besuche vor?

Tanja Bachmann: Das Tolle ist: Wir wissen nie, was Thema ist oder was uns erwartet. Manchmal werden wir direkt rein gezogen in die Familiensituation. Neulich hat eine Mutter gefragt: Können Sie schnell mal den Brei fertig kochen bitte? Ich muss nach der Großen gucken. Da habe ich Brei gekocht. (lacht)

Gloria Waschulewski: Neulich hatte die große Tochter Magen-Darm-Grippe. Die Mutter hat mir ihr Baby in den Arm gedrückt und ich habe das Baby gefüttert. Wir sind beim Besuch oft mittendrin.

Tanja Bachmann: Eine Mutter ist mir neulich um den Hals gefallen, weil sie so dankbar war. Sie hatte eine heftige Geburtsgeschichte, von der sie mir erzählt hat. Bei unseren Besuchen richten wir uns danach, was die Mütter brauchen.

Viele Mütter geben das Baby am Anfang ungern aus der Hand. Tanja Bachmann: Es ist auch für das Kind wichtig, dass es mal von jemand anderem betreut wird. Das tut auch dem Kind gut, wenn es andere Bezugspersonen hat. Auch für die Mutter ist es schön: Sie kann sich ja gar nicht freuen, ihr Kind wieder zu sehen, wenn sie nicht mal kurz weg war. Und wie schön ist Wiedersehensfreude!

für Eltern

Im Landkreis Aschaffenburg bieten Judith Krausert und Christine Valentin (Koki - Frühe Hilfen, Landratsamt) Besuche für Neu-Eltern an. Auch im Landkreis Miltenberg gibt es ein Besuchsprogramm. (Koki, Tel.: 0 60 22/6 20 06 14)

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