Montag, 18.03.2019

Schul-Schnecken

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Karl und Charlotte, afrikanische Pflegeschnecken aus der Schule
Foto: Nina-Anna Beckmann

Ob es Karl und Char­lot­te am letz­ten Schul­tag vor den Weih­nachts­fe­ri­en mit nach Hau­se brin­gen dür­fe, fragt das Kind. »Klar«, sa­ge ich, und freue mich die noch un­be­kann­ten Klas­sen­ka­me­ra­den ken­nen zu ler­nen. Das erst Mal wer­de ich mis­s­trau­isch, als ich et­was un­ter­sch­rei­ben soll.

Im vorweihnachtlichen Stress delegiere ich das an meinen Mann. Der stockt mit dem Stift in der Hand und fragt: »Du weißt, dass es sich bei Karl und Charlotte um Schnecken handelt?«

Kurzerhand klärt uns das Kind mit bittendem Blick aus großen Augen auf, dass es sich bei den beiden Besuchern um die Schul-Schnecken aus dem Biologie-Unterricht handele, die nicht die ganzen Weihnachtsferien über alleine in der Schule bleiben könnten.

KEINE KATZEN UNTERM BAUM

Wohl wissend, dass das Kind die drei Katzen, die auf seinem Wunschzettel stehen, nicht unter dem Christbaum finden wird, willige ich großzügig ein und fühle mich sehr tolerant.

Das zweite Mal werde ich misstrauisch, als das Kind Freitagsmorgens um 7.30 Uhr nach einem Terrarium verlangt und das von mir angeschleppte Frühaufzuchtbeet für die Fensterbank, in dem einst der große Bruder schon Maikäfer züchtete, als »viel zu klein« ablehnt.

Auf meine vorsichtige Frage, wie groß denn Karl und Charlotte seien, erfahre ich, dass es sich um afrikanische Exemplare handelt. In Anbetracht der Uhrzeit - schließlich muss ich noch eine riesige Plastik-Altkleiderkiste aus dem Keller für die tierischen Gäste hervor kramen - komme ich nicht mehr zum Googeln.

Nach der Schule bleiben Kind, Schnecken und der die beiden Vorgenannten abholende Ehemann verschollen. Nein, Brot habe er noch nicht bestellt, Fleisch für Heiligabend auch nicht. Schließlich mussten Gurken und Kaktuserde für Karl und Charlotte gekauft werden, berichtet der verschollene Mann am Telefon.

Und dann sind sie da, groß wie eine erwachsene Hand und permanent mit der eigenen Fortpflanzung beschäftigt. Meine Frage, ob die Namen nicht vielleicht falsch gewählt seien und es sich um zwei Weibchen handeln könnte, quittiert mein Sohn mit einem belehrenden Blick und den Worten: »Schnecken sind beides!« Und bevor ich weiter fragen kann, tönt das Kind: »Die legen 5000 Eier pro Woche; die sollst du in die Tiefkühltruhe legen.« Das ist der Moment, in dem ich - Toleranz hin, fehlende Katzen her - streike. Meine Tiefkühltruhe ist voll und neben den Bratwürstchen kein Platz für Schneckeneier!

Auch die Hoffnung, dass sie sich in unserem Haushalt nicht wohl genug zum Eier legen fühlen, zerschlägt sich rasch. Charlotte (oder war es Karl?) bleibt drei Tage verbuddelt. Ich zwinge meinen Mann ihr/ihm nach zu buddeln, um sicher zu gehen, dass sie oder er sich nicht des Nachts aus dem Staub gemacht hat. Aber auch das hält das unterirdisch aktive Tier nicht vom Legen ab.

UNTERIRDISCH AKTIV

Lassen Sie mich ehrlich sein: Ich bin froh, als die zwei Wochen ohne schlüpfende Schneckenscharen vorbei gehen und wir Karl und Charlotte wieder wohlbehalten in der Schule abgegeben können.

Das Glück ist mir dann ein weiteres Mal hold, nämlich als ich meinen Mann im letzten Moment davon abhalten kann, die Schneckenkontaminierte Kaktuserde in unserem Hochbeet zu entsorgen. Das wäre im Sommer wohl nicht bei zwei Exemplaren geblieben ?

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