Montag, 12.11.2018

Sendepause

Montag, 27.08.2018 - 12:04 Uhr

Die Welt ist so klein ge­wor­den: Den Gro­ßel­tern, die ge­ra­de Ur­laub in Is­land ma­chen, winkt das Kind via Fa­ceti­me auf dem win­zi­gem Smart­pho­ne-Bild­schirm zu und fragt, ob sie ei­nen Eis­bä­ren mit­brin­gen. Die Toch­ter ist im Chor des Kin­der­gar­tens an­ge­mel­det?

Der Vater schickt per Whatsapp schnell ein Foto, um zu zeigen, dass er das erfolgreich erledigt hat. Wir checken morgens das Wetter auf dem Smartphone, um zu wissen, was das Kind am Wandertag anziehen soll, statt einfach mal vor die Tür zu gehen und zu gucken, ob es regnet. Beim Kindergartenfest filmen 20 stolze Eltern mit dem Smartphone den Auftritt des Chors, anstatt sich den schiefen und so niedlichen Gesang bewusst und aufmerksam anzuhören.

Medien sind überall, wir haben ständig Zugriff auf Informationen und Unterhaltung. Sie sind bereichernd, sie sind nervig. Man kommt an ihnen nicht vorbei. Es ist Aufgabe der Eltern, ihren Kindern einen selbstbewussten Umgang mit Medien beizubringen. Manchmal braucht es eine Machete, um im Mediendschungel durchblicken zu können. Und klare Regeln. Deshalb gibt es hier Tipps für einen guten Umgang mit alten und neuen Medien:

Klare RegelnOft verplempern Eltern viel Zeit mit der Diskussion über die Mediennutzung der Kinder. Was hilft: Regeln, gemeinsam aufschreiben - etwa mit dem Online-Tool des Mediennutzungsvertrags, empfiehlt Medienpädagogin Sinikka Oster aus dem Jukuz. Unter www.mediennutzungsvertrag.de suchen sich Eltern und Kinder ab sechs Jahren einen Hintergrund aus und legen gemeinsam die Regeln fest. Wie viele Minuten am Tag darf das Kind fernsehen, wie viel Handyguthaben bekommt es, welche Höflichkeitsetikette gilt es bei Whatsapp und in Internetforen einzuhalten? Das Gute: Die Regeln werden dem Kind nicht von oben aufgestülpt, sondern gemeinsam festgelegt. Ausgedruckt hängt man den Vertrag für alle sichtbar auf. Andreas Purschke, Leiter der Caritas-Beratungsstelle in Aschaffenburg, regt eine Gesamtnutzungszeit an, in der festgelegt wird, wie lange das Kind Medien nutzen darf. Das beinhaltet dann Fernsehen, Tablet, Whatsapp, ?Gemeinsam statt alleineEltern schauen besonders am Anfang am besten mit ihren Kindern Fernsehen. Kuscheln sich unter eine Decke und schauen Sandmännchen mit der Vierjährigen. Machen Popcorn im Topf und einmal pro Woche einen Kinoabend zu Hause mit den Schulkindern. Mit Medien sollte kein Kind alleine gelassen werden. Andreas Purschke motiviert Eltern: »Sprecht mit euren Kinder und interessiert euch!« Mit seiner Tochter etwa habe er sich mal eine Stunde lang Youtube-Videos über das Fingernägel-Machen angeschaut - auch wenn er sich das von alleine nie ausgesucht hätte. »So kriegt man mit, was die Kinder interessiert und kann ihnen im Gespräch eigene Werte vermitteln.«

Gute AuswahlMedien sollten nicht verteufelt werden. »Es gibt supertolle Sendungen, die viel erklären«, sagt Andreas Purschke. Auch auf Youtube gibt es fundierte Videos, die Mathe enträtseln oder erklären, wie man einen Schal strickt oder Bastelschleim selbst anrührt. »E-Learning ist eine Supersache.«

Medienfreie ZeitBestimmte Zeiten am Tag sollten immer medienfrei sein, sagen Experten. Beim gemeinsamen Abendessen etwa sollten Handy und Fernseher Sendepause haben. »Beim Essen können sich viele Gespräche in der Familie ergeben«, sagt Purschke. Deshalb ist es schön, wenn nichts ablenkt. Vormittags solle der Fernseher nicht laufen, sagt Purschke.

Und der alte Grundsatz »erst die Arbeit, dann das Vergnügen« ergebe immer noch Sinn. Also erst Hausaufgaben machen, bevor es Freizeit gibt.

Sendepause auch für ElternPapa schiebt den Kinderwagen und tippt auf dem Handy herum. Die Knirpse erzählen von ihrem Tag und Mama checkt schnell Facebook. Kinder sehen, dass ihre Eltern permanent elektronische Geräte verwenden. Eltern, legt das Handy einfach mal weg! Seid aufmerksam, guckt euer Kind an und hört ihm zu. Wie sollen sich Kinder auf etwas fokussieren, wenn wir ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit schenken?

Langeweile nutzenLangeweile ist super. Denn sie setzt Kreativität frei. Kinder suchen sich dann eine Beschäftigung, bauen was oder spielen ein Rollenspiel. »Viele Kinder bauen ihre Spielsachen auf und dann wieder ab. Weiterspielen kommt nur zu Stande, wenn man Zeit dafür hat«, sagt Purschke. »Wer sich ständig berieseln lässt, wird passiv.«

Oldschool seinFast alles ist digital, die Grundlagen gehen verloren. Beim Kuchenbacken bei Oma das Mehl auch mal mit einer alten Wage abwiegen und die Striche zählen statt einfach eine digitale Zahl ablesen. Und am Besten dem Kind einen Wecker, eine ganz normale Armbanduhr und eine Taschenlampe kaufen (auch wenn das Handy alle Funktionen hat).

Medien ersetzen keine Rituale30 Minuten bis eine Stunde vorm Einschlafen sollten Kinder nicht mehr fernsehen, sagt Sinikka Oster von der Medienwerkstatt im Aschaffenburger Jukuz. Gegen ein Hörspiel zum Einschlafen sei nichts zu sagen, sind sich Oster und Purschke einig. »Es regt die Fantasie des Kindes an«, sagt Purschke. Wichtig sei nur, dass das Hörspiel ausgeht und das Abspielgerät nicht die ganze Nacht weiterläuft. Purschke empfiehlt, zusätzlich ein eigenes Abendritual einzuhalten - etwa gemeinsam mit dem Kind zu reflektieren, wie der Tag war. »Vorm Einschlafen kann man noch einmal kuscheln und darüber sprechen, was war heute schön und was war weniger schön.« Dann kann gerne Benjamin Blümchen die Kinder in den Schlaf begleiten.

Lade Inhalte...