Samstag, 18.08.2018

Kleine Wunder

Montag, 26.03.2018 - 15:10 Uhr

Die­se klei­nen Fin­ger mit den win­zi­gen Fin­ger­nä­geln, die­se wei­che Haut, die­ser sü­ße Ge­ruch: Kommt ein Ba­by auf die Welt, sind El­tern wie ver­liebt in die­ses klei­ne We­sen, die­ses Wun­der, das so schutz­be­dürf­tig und hil­f­los wirkt. Dass wir ein Ba­by so nied­lich fin­den, hat ei­nen Grund: Denn Ba­bys kom­men auf die Welt und sind sehr ab­hän­gig da­von, dass sich je­mand um sie küm­mert.

Der Unterschied zwischen neugeborenen Menschen und Tieren ist, dass Menschen einen relativ großen Kopf haben, weil sie so ein großes Gehirn haben, erklärt Christian Wieg, Chefarzt der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin am Klinikum Aschaffenburg. Würde das Gehirn länger als neun Monate im Bauch der Mutter weiterwachsen, wäre das Kind für eine Geburt zu groß. Deshalb kommen Menschenbabys so hilfsbedürftig, so »unfertig« auf die Welt. »Im Vergleich zu Tieren sind sie von der Entwicklung etwa in der Grobmotorik hintendran«, sagt Wieg. Ein Baby läuft eben nicht direkt nach der Geburt los wie ein Fohlen. »Offensichtliche Dinge, die ein Lebewesen mitbringen muss, um zu überleben, hat ein Baby noch nicht.« Gerade deswegen haben Babys ein paar wundersame Fähigkeiten, die ihnen die beste Entwicklung und Fürsorge ermöglichen. Warum sie ein kleines Wunder sind, erklären wir auf den folgenden Seiten:


WEIL Sie so niedlich SIND
Egal wie kurz die Nacht war, wie übermüdet und zombiemäßig wir Eltern durch die Gegend stapfen, wenn das Baby lächelt, ist das alles vergessen. Dann sind wir mit allem versöhnt. Die Natur hat das clever eingerichtet. Das Kindchenschema, also große Augen, kleine Stupsnase, großer Kopf, hohe Stirn und rundliche Wangen, das niedliche Aussehen eines Neugeborenen, löst bei uns Brutpflegeverhalten aus. Woran das liegt? »Wir Menschen - Frauen bisschen mehr als Männer - haben ein Babyprogramm. Das ist ein biologischer Automatismus«, sagt Wieg. »Wenn wir das Kindchenschema sehen, verändern wir unseren Hormonhaushalt ein bisschen. So funktioniert Bonding: Wenn eine Mutter ihr Kind sieht, gibt es einen Automatismus, dass sie das Kind als ihr Kind programmiert.« Das gilt aber nicht nur für Mütter, sondern für viele, die Erstkontakt zu einem Baby haben, hat eine Studie festgestellt, erklärt Wieg. »Ich bemerke das auch bei unseren Ärzten, die Frühgeborene betreuen und diesen Erstkontakt haben. Sie haben eine andere Beziehung zu diesen Kinder im stationären Verlauf.« Soll heißen: Brutpflege für ein Baby ist tief genetisch einprogrammiert und keine Frage des gemeinsamen Bluts.


WEIL Sie SO GUT riechen
Babys riechen einfach wundervoll, nach Vanille und Geborgenheit. Sechs bis acht Monate bleibt der süße Geruch, dann verflüchtigt er sich. Dass Erwachsene den Babygeruch so toll finden, ist genetisch einprogrammiert. Die Natur hat das so eingerichtet. Die Spezies, die zusammengehört, soll zusammen bleiben - deshalb finden wir den Geruch von Babys so besonders gut. »Wenn Sie das Baby einem Bären hinhalten, findet er das vielleicht absolut eklig. Und umgekehrt lehnen Menschen den Geruch eines Bärenjungen vielleicht ab, auch wenn es niedlich ist«, sagt Neonatologe Wieg. Babys riechen relativ gleich, sagt Wieg. »Das ist noch nicht so individuell überlagert.« Sympathie sei bei Erwachsenen später oft eine unbewusste Sache, denn das habe viel mit seinem Geruch zu tun. »Der Ausspruch: ›Ich kann dich nicht riechen‹, ist wissenschaftlich gut zu belegen.«


WEIL Sie IHRE MAMA von Anfang an ERKENNEN
Erkennt ein Baby von Anfang an seine Mutter? Ja, sagt Chefarzt Wieg. Ein Baby erkennt seine Mutter am Geruch. »Einem Baby geht es besser, wenn es seine Mutter riecht. Dann ist es gleich entspannter, Stresshormone fallen ab, das können wir messen.« Ein Baby kann auch die eigene Muttermilch am Geschmack erkennen.


WEIL SIE SO LUSTIGE Geräusche MACHEN
Baby sind schlau und können sehr gut hören. »Föten lernen bis zu zehn verschiedene Sprachen zu unterscheiden«, sagt Christian Wieg. Wenn ein Neugeborenes schreit, schreit es in seiner Muttersprache - es imitiert die Tonalität und Melodie der Sprache, die es im Bauch schon gehört hat. »Ein chinesisches oder japanisches Baby schreit in kurzen Silben und definitiv anders als ein deutsches oder italienisches Baby«, verrät Wieg. Französische Babys gehen am Ende mit der Stimme hoch, deutsche Babys gehen mit der Stimme nach unten - wie in der jeweiligen Sprache.


WEIL SIE echte Kämpfer SIND
»Eine Geburt ist nicht nur eine echte Leistung für die Mutter, sondern auch für das Kind. So ein Baby muss durch einen ziemlich engen Tunnel durch und muss echt etwas abkönnen«, sagt Christian Wieg anerkennend. Während der Wehen wird die Durchblutung der Plazenta schlechter, dementsprechend gibt es nicht mehr so viel Sauerstoff für das Kind - »das ist echter Sport«. Babys, so Wiegs Fazit, sind »unglaublich starke Menschen«. Die Natur habe das gut geregelt. »Ein Baby kann das ganz gut ab. Aber wenn wir das mit Erwachsenen vergleichen: Alle Achtung!«


WEIL Sie IHR Immunsystem trainieren
Ein Baby, das natürlich geboren wird und durch den Geburtskanal schlupft, bekommt von seiner Mutter, eine Menge Bakterien mit. Im Geburtskanal werden hauptsächlich Milchsäurebakterien, Hautkeime und Keime aus der Umgebung von der Mutter auf das Baby übertragen. Die Milchsäurebakterien schützen vor vielen schädlichen Keimen und trainieren das Immunsystem. »Mit diesen Abwehrkörpern können sich Babys schon ganz gut gegen viele Infektionen wehren«, betont Wieg. Durch die Muttermilch bekommen Babys auch eine Menge Antikörper geliefert, einen Bonus fürs Immunsystem. »Es ist abgefahren, was Muttermilch leistet. Da sind auch Substanzen drin, die gegen HI-Viren wirken«, sagt Wieg anerkennend. Kommt die Beikost dazu, wenn das Baby zwischen vier und acht Monaten alt ist, hat Muttermilch noch eine weitere Aufgabe. In dieser Toleranzphase ist Muttermilch »extrem wichtig«, denn sie programmiert das Immunsystem gegen Allergien. »Macht ja auch Sinn«, sagt Wieg. »Stellen Sie sich vor, dass Baby krabbelt und steckt Dinge in den Mund. Da wäre es katastrophal, wenn es allergisch ist. Interessant ist, dass die Muttermilch bis zum achten Lebensmonat dazu einen Beitrag liefert.« Nach zwölf Monaten müsse man dem Kind auch die Möglichkeit geben, selbst ein Immunsystem zu entwickeln.
WEIL SIE empathisch SIND
Babys können Stress riechen. Sind Mama oder Papa gestresst, ist es das Neugeborene auch. Denn Eltern riechen dann anders und das wiederum riechen Neugeborene. Da hilft es auch nicht, sich zu verstellen und sich mantramäßig zu sagen »ich bin ganz ruhig«. Besser: Baby dem ruhigen Partner in die Hand drücken und kurz aus der Situation raus und zurück kommen, wenn man gelassener ist.


WEIL Sie blitzschnell lernen
Nie mehr in seinem Leben lernt ein Mensch so viel wie in seinem ersten Lebensjahr. Außerdem verdoppelt ein Baby im ersten Halbjahr sein Lebendgewicht und verdreifacht es im ersten Lebensjahr, weiß Wieg. Es lernt krabbeln, laufen, sprechen.


WEIL Sie ESSEN klein kriegen ohne Zähne
Babys sind kleine Nussknacker. Da haben sie vielleicht nur zwei winzige Zähne und futtern trotzdem Gurkenstückchen oder Grissini. Sie speicheln ein Stück Brot oder einen Keks ein und drücken so lange mit Zunge und Kauleiste darauf herum, bis sie das Essen klein haben und kosten es richtig aus. »Ob sie es dann schlucken, ist aber fraglich«, sagt Chefarzt Wieg.
WEIL SIE OHNE WORTE kommunizieren
Ein Baby kann nicht nur an der Stimme und Tonalität unterscheiden, ob Mama oder Papa vor ihm steht, sondern erkennt auch Gesichter. Gesunde Neugeborene nehmen schon Blickkontakt auf und speichern das Gesicht, sagt Wieg. Wenn Mama oder Papa mit dem Baby sprechen, bewegt das Baby oft den Mund und imitiert das Sprechen. Ein Baby drückt auch viel über die Körpersprache aus, wie es ihm gerade geht - etwa wenn es mit dem Mund nach der Brust sucht. »Babys kommunizieren auch - die Schwierigkeit ist nur, das Baby zu verstehen«, sagt Wieg und lacht. Auch spannend: Wenn ein Baby seine Hand in den Mund nimmt und speichelt, denken die Eltern meist, es bekomme Zähne. Dabei ist das ein Teil der Sprachentwicklung. »Babys schalten da die Hand und die Finger mit der Zunge und den Lippen im Gehirn zusammen«, erklärt Wieg. »Babys fangen so an, Dinge im Wortsinn zu be-greifen. Das ist eine sehr wichtig Entwicklungsphase.«