Samstag, 26.05.2018

Wie ein gebrochenes Versprechen

Dandelion seeds
Montag, 26.03.2018 - 15:05 Uhr

Ein Bild wie Schnee­ge­stöb­er, schwarz-weiß und da­zwi­schen die­ses win­zi­ge po­chen­de Herz: Der Mo­ment, in dem ei­ne Frau auf dem Moni­tor des Ul­tra­schall­ge­räts zum ers­ten Mal ihr Ba­by sieht, ist über­wäl­ti­gend. Ab dann be­ginnt das Kopf­ki­no: Ei­ne Schwan­ger­schaft ist wie ein Ver­sp­re­chen, ein Ver­sp­re­chen auf Le­ben in der Bu­de, schlaf­lo­se Näch­te, Kin­der­la­chen und voll­ge­s­puck­te T-Shirts.

Die werdenden Eltern haben kein anderes Thema, sie schmieden Pläne und träumen, sind überfordert und glücklich.
Und nur einen Wimpernschlag später kann alles vorbei sein. Der Traum vom Baby platzt wie eine Seifenblase. Das Versprechen wird nicht eingehalten: Fehlgeburt. Jacqueline Kuhn ist das passiert. Zweimal. In der 21. Schwangerschaftswoche und in der siebten/achten. »Für mich hat es keinen Unterschied gemacht, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten war. Es war ein genauso großer Rückschlag wie zuvor«, sagt die 34-Jährige. »Sobald ich wusste, dass ich schwanger bin, habe ich eine Bindung zu meinem Kind aufgebaut und mir ausgemalt, wie es sein wird. Die Fehlgeburt hat mich überrollt wie ein Zug.« Geholfen hat der promovierten Biologin aus Bessenbach (Kreis Aschaffenburg) die Begleitung durch eine Hebamme, die gleichzeitig Bestatterin ist. »Das war eine große Hilfe. Sie hat uns durch unsere Trauer geholfen, wusste als Hebamme aber auch, wie es mir als Frau körperlich und psychisch geht.« Kuhn und ihr Mann haben sich gegen eine Sammelbestattung des Kindes entschieden, wie sie einige Kliniken anbieten.
Fehlgeburten kommen häufig vor - etwa 50 Prozent aller befruchteten Eizellen enden laut Elke Schulmeyer, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an den Main-Kinzig-Kliniken Gelnhausen, in einer Fehlgeburt. Die meisten Abgänge passieren im ersten Trimester, also in der ersten zwölf Wochen. Von einer Fehlgeburt spricht man, wenn eine Frau das Baby in den ersten 24 Wochen einer Schwangerschaft verliert. Bei einer Fehlgeburt hat eine Frau Blutungen und Krämpfe, der Körper stößt den Embryo eigenständig aus. Bei einer so genannten verhaltenen Fehlgeburt, einer Missed Abortion, bekommt die Schwangere zunächst nicht mit, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Das entdeckt der Arzt erst bei der nächsten Ultraschalluntersuchung. Herztöne und Kindsbewegungen sind weg.
Was viele nicht wissen: Auch bei einer Fehlgeburt steht einer Frau eine Betreuung durch eine Hebamme zu. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten. Manche Hebammen haben auch eine Zusatzausbildung in Trauerbegleitung. Eine Hebamme kann helfen, die Fehlgeburt zu verarbeiten und seelisch mit der Erfahrung fertig zu werden und zu trauern. Auch mit Akupunktur und Homöopathie kann sie unterstützen, ebenso eine Frau begleiten, die sich gegen einen medizinischen Eingriff und für eine stille Geburt zu Hause entscheidet.
HEBAMMEN HELFEN
Bei 40 Prozent der Frauen, die einen Abgang hatten, ist eine medizinische Intervention, also eine Ausschabung oder Absaugung nicht nötig, schätzen Hebammen. Durch Messung des Schwangerschaftshormons Beta-HCG und durch Ultraschall kann man eine natürliche Fehlgeburt gut überwachen. Wichtig ist auch, zu beobachten, dass die Frau kein Fieber hat. Denn das deutet auf eine Infektion in der Gebärmutter hin. Dann muss man zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren.
Der Beistand einer Hebamme ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig: »Eine Frau nach einer Fehlgeburt ist nicht nur eine trauernde Mutter, sondern auch eine Wöchnerin«, sagt Bettina Seipel, Hebamme aus Obernburg (Kreis Miltenberg). Für Körper und Psyche ist es deshalb gut, ein kleines Wochenbett abzuhalten und sich um die Rückbildung zu kümmern. Manchmal hat auch die Milchbildung schon eingesetzt. »So traurig es ist - das Wochenbett nach einer Fehlgeburt und den Abschied vom Kind kann man auch schön gestalten«, sagt Seipel.
Bei der Trauer helfen kann auch der Weg in eine Beratungsstelle. »Mittlerweile hat sich die Beratung nach einer Fehlgeburt bei uns auch als Schwerpunkt herauskristallisiert«, sagt Annabel Staab, Leiterin von Donum Vitae in Aschaffenburg. »Es ist leider immer noch ein Thema, das tabuisiert ist. Die Frauen behalten das oft für sich, auch weil es oft nicht gewürdigt wird, dass das ein Verlust ist.« Aber auch ein früher Abgang will betrauert werden. Denn für Eltern ist das heranwachsende Leben im Bauch ihr Kind und nicht nur ein kleiner Zellhaufen. Und Trauer braucht Zeit. Jacqueline Kuhn hat die Verluste ihrer Kinder Enni und Aura auch durchs Malen verarbeitet. Bis 18. April ist ihre Ausstellung »Trau Dich bunt zu trauern - Wenn das Baby zum Sternenkind wird« im Kreuzgang des Klosters Schmerlenbach (Kreis Aschaffenburg) zu sehen.
Was sich in den vergangenen Jahren getan hat: Über Fehlgeburten wird mehr und mehr gesprochen - in einem geschützten Kreis. Online und offline tauschen sich Frauen in Selbsthilfegruppen aus, veröffentlichen ihre Erfahrungen in Internetforen. Auch Babys, die weniger als 500 Gramm leicht sind, landen nicht mehr einfach im Klinikmüll, sondern können bestattet werden. Seit 15. Mai 2013 können Eltern von so genannten Sternenkindern die Geburt ihres Kindes beim Standesamt melden und eine Geburtsbescheinigung samt Name für das tote Kind bekommen - auch wenn das Geschlecht noch nicht feststand. Kliniken wie etwa in Gelnhausen und in Aschaffenburg bieten auch Sammelbestattungen an, organisiert von Krankenhausseelsorgern.
Was bleibt, ist aber die Sprachlosigkeit im Alltag. Kaum eine Frau (und die dazugehörigen Väter erst Recht nicht) sprechen über das Thema. Dabei hilft genau das: reden. Und wissen, man ist damit nicht alleine. Da eine Fehlgeburt aber oft im ersten Trimester passiert, hat ein Paar aus Vorsicht noch niemandem davon erzählt. Und erzählt es dann auch niemandem, wenn die Schwangerschaft frühzeitig endet.
HOFFNUNG NICHT AUFGEBEN
Was manchmal hilft: Zu wissen, dass man nicht das einzige Paar ist, dem so etwas passiert ist. Viele Frauen erleben eine Überraschung, wenn sie von ihrer Fehlgeburt erzählen: Plötzlich nimmt die Mutter einer Bekannten die Trauernde in den Arm, weil diese auch zwei Fehlgeburten hatte. Oder die Schwiegermutter, die sonst wenig emotional ist, wird auf einmal sehr fürsorglich. Fängt eine Frau an, darüber zu reden, öffnen sich auch andere. Was alle Frauen eint: die Frage nach dem Warum und nach der Schuld. »Fast alle Frauen plagen nach einer Fehlgeburt Schuldgefühle«, sagt Hebamme Bettina Seipel. »Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie überlegen, ob das eine Gläschen Sekt oder die lange Wanderung im Urlaub die Fehlgeburt ausgelöst haben. Aber das ist Quatsch.«
So bitter das ist: Es passiert einfach. Eine Schwangerschaft ist ein komplexer Vorgang. Manchmal weiß es der Körper einfach besser. Und zieht die Notbremse. Trotzdem denken viele Frauen, sie hätten versagt. Eine Fehlgeburt kratzt auch am Selbstbewusstsein als Frau. Jacqueline Kuhn rät deshalb betroffenen Frauen, in der Trauerzeit »etwas für sich zu machen, was einem gut tut - und davon viel«. Ihr Tipp: »Sich zu erinnern, was einem Freude macht - und das dann machen.«
Und die Hoffnung nicht aufgeben. Als die Diplom-Biologin nach der zweiten Fehlgeburt wieder schwanger war, knüpfte sie sich ein Netzwerk aus Menschen, die sie auffangen können. »Mir hat geholfen, zu wissen, sollte es noch mal passieren, sind Ärzte, Hebammen und Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle für mich da.« Sie habe von Schwangerschaftswoche zu Schwangerschaftswoche gedacht - »und über jede Woche war ich dankbar«.
Noch dankbarer aber ist sie über die Geburt ihres Sohnes, der während des Gesprächs fröhlich im Hintergrund kräht, neugierig sein Spielzeug entdeckt und mit munterem Gebrabbel die Worte seiner Mutter kommentiert. 2017 kam er auf die Welt, drei Jahre nach Kuhns zweiter Fehlgeburt. »Unser Sohn ist für uns ein Riesenglück«, sagt sie. »Er ist echt ein entspanntes Baby und unser Ein und Alles.«