Mittwoch, 16.01.2019

Im Schrank

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Versteckte Geschenke im Schrank
Foto: Max Oppenheim

Je­des Jahr war es das sel­be Spiel. Mei­ne El­tern kauf­ten die von mir heiß er­sehn­ten Weih­nachts­ge­schen­ke. Mit dem Christ­kind na­tür­lich. An die­ses glaub­te ich zwar schon früh nicht mehr, aber ich ließ es trotz­dem ger­ne mit­hel­fen.

Dann versteckten sie die Sachen »an einem geheimen Ort«. Das sagten sie jedes Jahr. Und jedes Jahr lagen sie doch hinten im Kleiderschrank bei den Handtüchern. Kaum war ich mal allein, öffnete ich den Schrank und erfreute mich an den teilweise verpackten, teilweise unverpackten Geschenken. Ja, ich gestehe: Ich war eine passionierte Geschenke-Finderin!

Dieses Gefühl der Vorfreude werde ich nie vergessen. So eine Aufregung, so ein Kribbeln im Bauch. Klar war das heimliche Geschenke-Anschauen nicht in Ordnung. Aber es nahm mir nichts von meiner Freude am Heiligen Abend, sondern steigerte sie noch. Also war es wohl in Ordnung. Auch für meine Eltern, die sicher etwas davon mitbekommen haben, aber großzügig schwiegen. Sie hätten die Sachen überall verstecken können. Ich hätte sie gefunden. Kinder besitzen bekanntlich ein Gespür für alle Geheimnisse und haben ein inneres Radarsystem, mit dem sie Dinge finden, die nicht für sie bestimmt sind. Mamas Gummibärchensammlung zum Beispiel. Oder eben Geschenke. Was können Eltern tun?

Es erstmal locker nehmen. Kinder bis drei stellen keine Gefahr dar. Weit oben oder hinten im Schrank sind die Geheimnisse gut aufgehoben. Je älter die Kinder, desto schwieriger wird es, etwas vor ihnen zu verheimlichen. Also: Geschenke spät kaufen. Bereits einpacken. Bei den Großeltern deponieren. Oder im Auto. Und dem Schicksal seinen Lauf lassen.

Im Internet kursieren die besten Tipps für Geschenkesucher. Da wird empfohlen, immer ein Foto von den Verstecken zu machen, bevor man darin herumwühlt, damit man später den Ursprungszustand wiederherstellen kann. Es gibt Tipps, wie man Geschenke richtig identifiziert (durch die Form, durch Schütteln und so weiter).

Irgendwann war ich in einem Alter, in dem es mir wichtig war, überrascht zu werden. Die Suche nach den Geschenken hörte auf. Ich wartete bis Weihnachten. Und so ist es bis heute geblieben. Vielleicht ein Trost für alle Eltern von kleinen Geschenke-Schatzsuchern.

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